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Hartmut Pospiech

aus: „Stachelbeeren in südlichen Ländern“ | Erzählungen

Stachelbeeren in südlichen Ländern

Auszug

Ein weißes Laken bedeckte Frau Froese, der Umriß ihres Körpers war nur so groß wie der eines Kindes. Das Rollbett, auf dem sie lag, sah viel zu groß aus für sie. Anne drückte den unteren der drei Knöpfe am Fahrstuhl, den, auf dem 'U' stand. 'U wie Untergeschoß', dachte Anne. 'Nach dem U kommt L wie langer Gang, N wie Neonlicht, A wie Aufbahrungsraum. Und K. K wie Kreuz an der Wand.' Der Fahrstuhl ruckte beim Anfahren, für einen Sekundenbruchteil fürchtete Anne, ins Bodenlose zu fallen. Durch die Glasscheibe in der Tür sah sie den Boden des Vorraums hochfahren. Dann ruckte der Fahrstuhl noch einmal und blieb stehen, das Licht fiel aus.
Die Dunkelheit fühlte sich kühl an, kühler als das Neonlicht. Das erste, was Anne einfiel, als sie im Dunkeln stand, war: 'Letzte Schicht vor dem Urlaub. Super.' Das zweite war: 'Jetzt muß keiner mehr Kukident für Frau Froese nachkaufen.' Das war natürlich unwichtig, aber im Geist hatte sie den Zettel deutlich vor sich, der im Schwesternzimmer auf dem Tisch lag. Währenddessen starrte sie in der Dunkelheit auf ihre Hände, die irgendwo vor ihr sein mußten. Aber sie sah nur ein gleichmäßiges Flimmern und Schwarz. Sie streckte langsam die rechte Hand zur Seite aus, bis sie auf die Metallverschalung der Wand traf, versuchte, die Ecke neben sich auszumachen. Mit dem Licht hatte sie ihren Platz in der Welt verloren.
'Ich muß hier raus', dachte sie. 'Ich bin die Nachtschwester. Die Nacht­schwester hat die Verantwortung für die Station.' Sie versuchte, die Knöpfe des Fahrstuhls zu finden. Sie tastete die metallene Wandverkleidung ab, alles fühlte sich fremd an, paßte nicht zu den Bildern, die sie in ihrem Kopf hatte.