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Charlotte Richter-Peill
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Charlotte Richter-Peill

Der Quader | Erzählung

Textauszug

Es begann drei Wochen vor meinem sechzehnten Geburtstag. Meine Eltern waren mit mir für längere Zeit nach Holland gereist, wo wir gemeinsam die nächsten Monate verbringen wollten. Sie hatten es beruflich so eingerichtet und für uns ein Haus an der Küste gemietet. Der Bungalow lag sehr ruhig, etwas abseits des Dorfes. Sein Garten war so von Unkraut überwachsen, dass man die angepflanzten Blumen nicht mehr davon unterscheiden konnte. Hinter dem Garten begannen die Dünen, wo Eichengehölze, Kiefern und Dickichte aus wilden Heckenrosen durcheinander wucherten, verkrüppelt und krumm, weil der Wind ihnen keine Ruhe gönnte.
Am dritten oder vierten Tag nach unserer Ankunft brach ich zum ersten Mal auf, um die Dünen zu erkunden. Ich plante allein zu gehen und merkte, dass dies meinem Vater nicht gefiel. Meine Mutter legte ihm eine Hand auf den Arm. Lass sie gehen, sagte die Hand meiner Mutter. Man ließ mich jetzt oft, seit Die kleine Auszeit begonnen hatte. Die kleine Auszeit, das hieß so viel wie: Mich zwei Monate vor dem offiziellen Beginn der Sommerferien aus der Schule nehmen. Eine kleine Auszeit von – was? Im Grunde wusste ich es nicht. Es gab keine Krankheit, kein Problem mit Drogen oder Alkohol, Magersucht oder Missbrauch, bei mir lag nichts vor, abgesehen davon, dass mich die Gesellschaft anderer ängstigte, ich meine Mitschüler mied und lieber für mich blieb. Wenn aber meine Eltern und Lehrer dies für ausreichend erachteten, mir Die kleine Auszeit zu verordnen – nun, alles schien besser, als weiter unter anderen Menschen meines Alters zu sein, die bunte Kleider trugen und trotzdem grau aussahen.
Während Mutters Hand noch auf dem Arm meines Vaters ruhte, brach ich auf. Angst hatte ich keine. Lange Touren mit dem Rad, Muscheln sammeln am Strand, das Auflesen von Kastanien im Herbst – all diese Dinge hatte ich immer allein getan, und einsame Streifzüge waren mir vertraut.
Die Luft schmeckte nach Salz. Ich folgte dem Schotterweg, der sich an buckligen Eichenhecken und Büscheln von Strandhafer vorbeischlängelte. Dann verließ ich den Pfad und lief abwechselnd über Sand und hartes Gras, bis mir ein Kiefernwäldchen die Sicht versperrte. Ich ging hindurch. Auf der anderen Seite blieb ich stehen. Keine drei Meter von mir entfernt ragte ein Zaun auf, doppelt so hoch wie ich, die Drahtbahnen dicht gezogen, der Draht selbst mit fingerlangen Stacheln bewehrt. Am Tor des Zauns leuchtete ein gelbes Schild. Verboden toegang.
Ich würde gern das Gefühl beschreiben, das ich empfand, als ich Zaun, Tor und Schild zum ersten Mal erblickte. Aber es gelingt mir nicht. Vielleicht, weil sie in diesem Moment von einem Ort emportauchten, der mit Worten nicht zu erreichen ist.
Das Gelände auf der anderen Seite des Zauns war eine sanft gewellte Fläche von Dünengras. Sonst gab es dort nur einen mit Muscheln bestreuten Pfad. Er führte zu einem Rosendickicht, das sich ein wenig verschwommen gegen den Himmel abzeichnete. Das war alles.