Literaturpreise-Hamburg.de

Brigitte Jakobeit
Andreas Löhrer
Miriam Mandelkow
Sven Amtsberg
Robert Cohn
Nils Mohl
Hartmut Pospiech
Charlotte Richter-Peill
Katrin Seddig

Katrin Seddig

„Sag die Wahrheit, endlich!“ | Erzählungen

von der anstrengung des lebens (anfang)

ich war aus und plötzlich war meine tasche weg. es kommt vor, dass meine taschen verschwinden und sie tauchen dann später wieder auf. ich muss nur ein bischen was trinken, dann denke ich an die umstände, die mein und unser aller leben betreffen, aber an sonst nichts mehr. irgendwann stehe ich auf und gehe davon und lasse meine tasche liegen. ohohoh. und dann kommt sie wieder zurück. dazwischen ist es dann eine zeitlang schwierig, aber alles gehört, denke ich mir, zusammen. so wie ich bin, so sind die dinge, die zu mir gehören und alles wiederholt sich und alles kehrt zu mir zurück, das ist mein leben, da kann ich mich ärgern oder mich freuen, erst so, dann so und letztlich kommt es vielleicht auf das selbe hinaus, ob ich auf die dinge achte oder nicht.

es war dieses mal so, dass meine handtasche in der nacht weg kam, es war drei uhr, es war ein sehr netter, lustiger abend gewesen, ich war betrunken, aber so, dass es noch ging, und dass mir nicht später schlecht werden würde wahrscheinlich, und dann, als ich fast zu haus war, ich ging mit meiner freundin und meinem freund die straße entlang, da merkte ich, wie leicht ich mich fühlte, weil ich nichts bei mir hatte. nur mich, sonst nichts.

ohohoh. alle schlüssel weg. handy weg. geld, ec-karte, kreditkarte. kreditkarte! ich hoffte, ich hätte meine tasche da liegengelassen, wo ich zuletzt gewesen war, im familieneck, da wollten wir anrufen. wir gingen zur wohnung meiner freundin, die mit uns unterwegs war, die familie lag im schlaf, atmender flur, traumschwer pulsierend, wir telefonierten in die stille, der barmann schrie in den hörer, weil es bei ihm so laut war, vielleicht dachte er, es wäre überall so, wie es bei ihm war, vielleicht dachten wir, es wäre überall so still, vielleicht ist das der fehler mit uns, eine tasche hätte er nicht gefunden.

wir fuhren hin, mein freund und ich, ich wusste schnell, hier ist sie nicht. wir fuhren zu seinem zuhaus und ich schmiss mich auf seine matratze auf der erde.
ich machte mir bewusst, was das alles bedeutet. weißt du, was das bedeutet? mach dir das mal bewusst!
wir hatten eine woche in meiner wohnung gehaust, mit bier und zigarettenasche auf dem teppich und allem, es war schön gewesen, leicht und ohne, dass ich mutter sein brauchte und schimpfen und brote schmieren. jeden tag lieben und bier trinken, als wäre das alles tatsächlich so einfach und so leicht. kleiner vogel, kleine eisenbahn, kleine elefanten auf der wiese in der luft wo wir schweben im schwachen schein der untergehenden sonne.
aber morgen sollten meine kinder von ihrer reise kommen. da musste es aufgeräumt sein und alles an seinem platz, ihr und unser leben, von einem freund wussten sie nichts und von allem wussten sie nichts, sie waren ja noch klein, sie wussten ja nichts, von allem wussten sie nichts.
so lag das da, in meiner verschlossenen wohnung, mein bekleckertes bett, mein bekleckertes leben, der schlüssel weg und das geld. das kam mir unerträglich viel vor. wie hatte ich das bisher geschafft, alles in ordnung zu halten und gute nacht zu sagen und geld zu beschaffen und kindergeburtstag zu feiern und dinge zu erklären und den abwasch? den ganzen abwasch immer?
das war mir unerklärlich und dass ich jetzt nicht in meine wohnung kam und meine tasche weg war, da war plötzlich meine innere grenze, das war eine gelblichweiße wand, stand vor mir und grinste mich an, das konnte ich nicht mehr schaffen.
und alles eigentlich nicht mehr.

..... (geschichte geht noch weiter)