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Im Kernschatten | Romanfragment


Und plötzlich sieht Iva aus wie ein kleines Mädchen, gerade zwölf Jahre alt, nur die Zöpfe fehlen und das mit karpatischem Waldboden beschmierte Gesicht. Und die Falten ihrer Augen, die sich in weiten Schwüngen an ihre Wangenknochen schmiegen, werden etwas flacher, bis sie verschwinden und übergehen in ein Mädchengesicht. Und Maximilian lässt sie erzählen und lehnt sich zurück an den Ofen, der bollernd gegen die gezackten Eisblüten am Küchenfenster ankämpft. Die Kälte steht vor den Toren des Stalls und auch vor der Eingangstür, in deren Spalten Iva dicke Rollen aus Wolldecken gepresst hat, damit das Eis nicht durch die Ritzen klettert und sich den Flur erobert. Iva friert, das sieht er an den kleinen Härchen in ihrem Gesicht, die sich entlang der Wangenknochen aufstellen und sich ihm entgegen strecken. Wie hat sie dort nur überlebt, fragt er sich, dort im sprichwörtlichen Sibirien Polens, in dem Zipfel der Waldkarpaten, der in den Spalt zwischen die Ukraine und die Slowakei sticht und sich dann im letzten Ende doch für die Ukraine entscheidet. Wie hat sie dort nur überlebt, wenn ihre Härchen hier schon zu Berge stehen, hier in diesem Zipfel, der in die Niederlande sticht. Kalt muss es gewesen sein, so kalt, dass die rauen Stimmen der Nebelkrähen kaum durch den dichten Dunst vordrangen, Nebel, so dick und gesättigt mit winzigen Eiskristallen. Iva weiß, dass Maximilian noch heute eine romantische Vorstellung hat, von dem Ort, an dem sie ihre Kindheit verbrachte, von der Landschaft und der Kälte. Nie hat sie ihm erzählt von alledem, hat ihn vierzig Jahre lang in dem Glauben gelassen. „Romantisch, nein romantisch war das nicht“, sagt Iva jetzt und rückt ein Stückchen von Maximilian ab. Wenn sie von sich erzählt, von sich und dem Ort, an dem sie aufgewachsen ist, dann ist sie ganz unnahbar und fern, so wie die Gegend in ihrer Erinnerung unnahbar und fern ist. Heimat nennt sie ihn nicht, diesen Ort.

Als Iva zwölf Jahre alt war, schloss die letzte Fabrik in der Gegend. Holzmöbel hatte man dort hergestellt, in vielen großen Fabriken, was soll man sonst auch machen, in einem gott-verlassenen Zipfel zwischen lauter Bäumen. Möbel muss man bauen und wenn das nicht mehr geht, gibt es nichts mehr, gar nichts. Als die letzte Fabrik nach drei anderen schloss, verloren die Leute in Ivas Wohnblock den letzten Glauben. Die arbeitslosen Fabrikarbeiter setzten sich zu denen, die schon seit längerem am Morgen zu trinken begannen. Ein Trinken jenseits jeder Romantik. Hochprozentiger Alkohol, verdünnt mit Leitungswasser, am Vorabend schon in Flaschen abgefüllt. So, wie sie früher, noch bevor die Fabriken schlossen, das Essen für die morgendliche Schicht vorbereitetet hatten. Dabei waren ihre Hände ganz ruhig und hielten den Trichter, durch den der Alkohol gluckerte.

„Proviant, um den Tag durchzustehen“, sagt Iva.

Und der starke Alkohol holte sich die Geister dieser Männer und Frauen, wie die Natur, die wilde karpatische Natur, sich die Anlagen, Schornsteine und Gleise wieder holte. Weiche Hände aus Moos strichen die Konturen der Gleise glatt, Farne bestiegen die Dächer der Fabrikgebäude wie junge Bergsteiger die im Hintergrund liegenden Berge, und Ranken umarmten die Schornsteine, doch trösten konnten sie diese nicht. In den Sommern verhüllte das Grün die letzte Hoffnung der Menschen. Glockenblumen und Bergnelken hatten ihren Platz neben den Förderbändern gefunden, dort, wo einst jedes fertige Möbelstück in einer Wolke aus feinstem Holzstaub von dem Gebäude ausgespuckt worden war. Im Winter wurde all die Hoffnung wieder sichtbar, dann schwanden die Hecken, die Blätter und Flechten und übrig blieb ein brauner Käfig aus Stämmen und Zweigen, der die Fabrik gefangen zu halten schien. Und weil kein Mensch eine Hoffnung im Käfig aushält, warteten die Leute in ihren Wohnungen, warteten auf den nächsten Sommer und auf das Zudecken der Anlagen, fast so als hätte es sie nie gegeben. Erprobt ist der Wald in dieser Gegend ganz im Südosten Polens, erprobt darin sich die Dinge wieder zu holen, sie zu überdecken mit seinen Moosen und Gräsern. Zahllose Kämpfe hat es gegeben, auf diesem Zipfel Land zwischen den Fronten. Als Mädchen, gerade zwölf Jahre alt, waren die Wälder dieser verlassensten Gegend Ivas einziger Ort zur Flucht vor der Tante, den Wohnblocks und der Verzweiflung. Und in dem Boden unter ihren Füssen fand sie Dinge, die sie nach Hause trug und in einer Schachtel vor der Tante verbarg. Bis diese sie entdeckte, all die Dinge verkaufte und das Geld für sich behielt. Was Iva fand, auf ihren Spaziergängen, versteckt unter Moos und vergessen in den Büschen, waren Militärkennmarken, Munitionshülsen und sogar einen Orden, das rote Bändchen daran ganz verrottet und fast unkenntlich in den Waldboden übergegangen. Iva wischte die Dinge an ihren Kleidern ab und sammelte sie in einer Pappschachtel, die sie tagsüber in einem selbst genähten Umhängebeutel mit sich herum trug und nachts hinter den spärlichen Möbeln in ihrem Zimmer versteckte. Nie hatte sie eines der Möbelstücke aus den Fabriken in einer der Wohnungen der Nachbarn gesehen, nie hatte man eines der riesigen Holzbetten in ihr Zimmer gestellt. Alles was es hier gab, war in aller Eile zusammengezimmert, die guten Holztische und Stühle und Schränke gingen anderswo hin. Wunderbar musste man schlafen in diesen Betten aus Holz, hier aus Ivas Wald. Früher, als es die Fabriken noch gab, hatte sie den Männern beim Beladen der Lastwagen zugesehen. Und schon dicht hinter den ehemaligen Verladeplätzen, wo die Erde früher sommers wie winters von Reifen aufgewühlt und in tiefe Rinnen geteilt gewesen war, begann ihr Wald. Täglich gebar ihr die Erde, die laut der Alten in diesem Landstrich nicht zum Gebären von Korn oder Gemüse geeignet war, diese Erde zwischen den Bäumen gebar ihr Metall und Knochen. Dort zwischen den Tannen konnte die zwölfjährige Iva kaum glauben, was übrig bleibt von dem, was die Leute aus dem Dorf nicht erzählten. Niemand sprach über den Krieg. Nicht nur die Alten, auch die Jungen, legten ein Schweigen über das, was hier und im Rest der Welt vorgefallen war, so wie das Moos sich auf die hinterlassenen Zeugnisse legte.