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„Eintagsfliegentage“ | Romanauszug

Prolog

Sommer 1976

Es war einer dieser besonderen Sommertage.
Einer, an dem man fast durchdreht vor Glück. Wir meinten, es gehörte uns. Wir hielten es fest, wie einen Schmetterling in der hohlen Hand. Ich höre immer noch Marcels Lachen zwischen den Beerensträuchern, Schwärme von Mücken tanzen vor wolkenlosem Himmel, das fröhliche Geschwatze der Vögel dringt von den Bäumen herunter und ich rieche den Duft von blühendem Jasmin. Wir waren glücklich. Wenn jemand gekommen wäre und gesagt hätte, „heute Abend ist alles vorbei,“ ich hätte gelacht, wie man eben lacht, wenn man an das Glück glaubt. Aber es kam so.
Wenn ich heute darüber nachdenke, hatte Farfardetnoir schon Tage vorher seinen Schatten über unseren Sommer geworfen. Es war nur, weil Mamique gekommen war, dass wir seine Ankunft vergessen hatten und uns die Sorglosigkeit übermannt hatte. Noch einmal, kurz.

Ich hatte mich hoch oben in einer Tanne am Wäldchen versteckt. Zwischen den Zweigen hindurch konnte ich über die Wiese bis zum Haus hinauf sehen. Mamique war gerade dabei, nach Marcel zu suchen. Er saß unter dem Magnolien – Busch, den Aimée zu seiner Geburt mitten auf der großen Rasenfläche unterhalb der Terrasse hatte pflanzen lassen. Hasenklein zusammen gekauert saß er dort.
Aimée liebte Magnolien. Sie sagte, die Blüten im Frühjahr seien die Geburtsstätte von Elfen. Aus ihrem Tau tauchten sie auf, in einer Vollmondnacht, ganz winzig klein. Mit bloßem Auge hielt man sie für Blütenstaub. Sie erzählte ständig solche Geschichten.
Der Busch hatte in einer der letzten Nächte auf einen Schlag den Großteil seiner Blätter verloren und Aimée hatte gesagt, vielleicht sei das ein Zeichen, ohne zu sagen ein Zeichen für was. Es hatte nur etwas Düsteres im Raum gehangen nachdem sie es gesagt hatte und ein bisschen war es so gewesen, dass dieses Düstere sie danach verfolgte, als hätte sie es nicht sagen sollen, das mit dem Zeichen.

Marcel war redlich schlecht versteckt unter den dürren Magnolienästen. Er saß in der Hocke an den niederen Stamm gelehnt, beide Hände auf die Augen gepresst und hielt sich für unsichtbar. Mamique rief nach uns. Ihre tiefe raue Stimme trieb über der Wiese und machte mich glücklich.
„Marcel“, hörte ich Mamique in gespielter Trauer, „Marcel, wo ist nur mein kleiner, kleiner Marcellino? Marcel, Marcellino!“
Marcel lächelte. Sein ganzes Gesicht lächelte hinter den Händen.
Mamique war am Magnolienbusch angelangt, Marcel platzte fast vor Begeisterung über ihre Blindheit. „Marcellino, wo bist du? Hast du deine alte Mamique verlassen?“ Sie schlich um die Magnolie und tat, als würde sie Herz zerreißend weinen. Marcel biss sich auf die Unterlippe. Die Vorstellung gefiel ihm. Dann, ganz langsam, löste er sich aus seiner Häschenform und sprang Mamique mit lautem Geschrei in die Arme. „Hier bin ich, bin doch hier,“ schrie er, und drängte sich mit aller Kraft an sie.

Zur gleichen Zeit schloss Aimée oben, im zweiten Stock den letzten noch offen stehenden Fensterladen ihres Ateliers. Die Sonne schien ihr ins blasse Gesicht. Sie winkte kurz mit einer müden Handbewegung zu mir herunter. Ich bin mir sicher, an einem anderen Tag hätte mich ihre Geste geschmerzt, an einem anderen Tag hätte ich versucht, ihr ein Lächeln abzuringen. Aber heute war ein besonderer Tag, heute war Mamqiue da und suchte unterhalb des Baumstamms nach mir und so schnell wie Aimée am Fenster aufgetaucht war, hatte ich sie bereits vergessen.