Literaturpreise-Hamburg.de

Eva Bonné
Ferdinand Leopold
Nicolai von Schweder-Schreiner
Ada Dorian
Maria Regina Heinitz
Finn-Ole Heinrich
Susanne Höbel
Sven Lange
Alexander Rolf Meyer

Sven Lange

piano. forte | Prosa


Textauszug

Der Klavierspieler betrachtete seinen rechten Ringfinger (unberingt) fasziniert, als dieser sich aus der Gruppe löste, seinem eignen musikalischen Gedächtnis folgte und sich anschickte, einen Ton anzuschlagen, der die Harmonie des Akkords zerreißen würde. Er sah ihm zu, wie er die schwarze Taste tänzelnd, fliegend, beinahe zitternd erklomm, die, die nicht dazu gehörte, spürte den Impuls, wusste, dass es falsch war und konnte es doch nicht verhindern. Und noch bevor der Hammer auf die Saite schlug, diese zum Schwingen brachte und den Impuls somit in eine Welle (Schall) verwandelte, bevor der Eigenwille des rechten Ringfingers (unberingt) sich als Missklang manifestierte, bevor also der Ton das Ohr des Klavierspielers erreichte, reagierte dieser schon. Und er reagierte wie jeder andere auch auf einen falschen Ton reagiert: reflexartiges Zusammenziehen der gesamten Muskulatur des Kopfes, als wollte sich die Maske schützend über das empfindlich gereizte Hirn legen. Ein leichter Schlag in die Magengrube, Adrenalin vielleicht, nicht so sehr des erahnten Klangs wegen, mehr aus Scham über den verursachten Fehler. Eine alle Gliedmaßen krampfende Spannung. Und da sich all dies schon vor dem befürchteten Ereignis im Körper des Klavierspielers ereignete, verstärkte es zuletzt den unerwünschten Impuls und ließ den Finger auf die Taste hämmern, mit einer Kraft und Heftigkeit, die nur durch entweder Panik oder puren Mutwillen hervorgebracht wird. Nichts von beiden, entschied im selben vagen Zeitabschnitt unterhalb der Wahrnehmung ein Teil des Gehirns, der sich nicht verantwortlich fühlte. Ein Bier zu viel, behauptete dieser Teil. Eine Probe zu wenig, argumentierte ein anderer. Wie auch immer, dachte der Klavierspieler, meine Schuld. Nein, ihre, wehrte sich die Scham. Sie hätte ja öfter mit mir proben können. Das hätte sie getan, antwortete die Erinnerung. Der Klavierspieler hatte lässig abgewunken und ihr versichert, es würde schon gehen. Na dann, hatte sie gesagt und es dabei bewenden lassen. Jetzt würde der Zweifel ihres Blicks sich spöttisch abwenden. Nicht in diesem Moment jedoch. In diesem Moment, da der Ton erklang, verspätet, gemessen am Fortschritt der Gedanken des Klavierspielers. Und harmlos, vergleichsweise. Wenn ich es im nächsten Refrain wieder mache, klingt es wie gewollt. Die Musik (Weill) kann das ab. Kleine Dissonanz. Jazz, wenn man großzügig ist. Und wer hier hatte schon Ohren, diesen Ton als falsch zu hören. Sie gewiss. Sie, die ihren Text fehlerfrei sang, in Wort und Intonation, die keiner Irritation erlag und sich ganz sicher nichts anmerken ließ. Nicht jetzt, nicht hier. Später, in der Garderobe, sie würde wohl nichts sagen, kein Wort verlieren, ein Blick würde es tun. Ein Augenschlag, der dem Klavierspieler sagen würde: ich habs ja geahnt. Oder: Ein Bier zu viel. Oder: eine Probe zu wenig. Ja, sie, die Sängerin, hatte Ohren zu hören, was er spielte. Ihr entging kein einziger Ton, dessen war er sich sicher. So, wie sie in der Probe auf jede geschriebene Note bestanden hatte, wenn er, seiner Art zu spielen folgend, eher improvisierend begleitete. Ja, sie hatte Ohren zu hören. Große, wollte die Scham mit einer abfälligen Bemerkung auf Kosten der Sängerin ablenken. Denn es entsprach ja den Tatsachen. Sie hatte große Ohren, wie ihre Augen groß waren, wie ihr Mund groß war, wie sie den Klavierspieler um Haupteslänge überragte. Die Nase nicht. Nicht mehr. Und gäbe es die Möglichkeit, so hätte sie sich auch ihre Ohren verkleinern lassen. Die Augen nicht. Die waren schön, groß wie sie waren, und hellblau, leuchteten in ihrem Gesicht. Nicht den Mund, groß wie er war, seit Julia Roberts aber sexy heißen durfte. Die Ohren jedoch lagen unter aufwendig frisiertem Goldblond verborgen, man sah sie nicht, sie hörten aber alles. Und die Scham verstummte vor der Musikalität der Sängerin und vor ihrer Professionalität und der Klavierspieler wusste, dass er diesen Ton nicht noch einmal spielen würde, nicht im nächsten Refrain, nicht im übernächsten, dass er sich nicht herausreden wollte mit: eine Probe zu wenig, schon gar nicht mit: ein Bier zu viel, weil beides nur Variationen waren über: ich bin nicht gut genug.