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Nicolai von Schweder-Schreiner

aus: Richard Milward, Ten Storey Love Song

übersetzt aus dem Englischen

... und als Bent Lewis in seinem platinfarbenen BMW und Paisley-Halstuch im Peach House auftaucht, hat Bobby Meisterwerk für Meisterwerk in Wohnzimmer und Schlafzimmer aufgereiht und eins auf dem Wasserkasten im Klo. Bobby stellt sich vor, die Wohnung wäre eine Art improvisierte Underground-Galerie, wie es sie in den Achtzigern im East Village und in den Neunzigern in Shoreditch gab. Nichts macht Bent Lewis mehr Spaß als sich Kunst in einem hippen besetzten Haus, einer leer stehenden Schlachterei oder einem Wohnblock im Nordosten anzugucken, er ist also quasi außer sich vor Freude, als er die schrammelige Treppe in den vierten Stock hochläuft, zusammen mit Bobby the Artist, der aussieht wie ein abgerockter Golfer. „Da sind wir“, sagt Bobby und zupft schüchtern an den Ärmeln seines besten (blauen) Karopullis, als er Lewis in die Wohnung führt. „Donnerwetter, das ist ja wie die Fun Gallery in New York... das hier ist ziemlich Keith Haring-mäßig“, quiekt Bent Lewis und zeigt auf „Bobbys Lieblingstrip“ (120x150cm). Er sieht aus wie der typische Londoner Kunsthändler: rosa Hemd, nobler Anzug, schicke Schuhe, Halstuch und Falten im Gesicht vom zuviel über Konzeptkunst nachdenken. Bobby scharrt mit den Füßen auf dem sauberen Teppich (Georgie und er haben ihn extra gestaubsaugt), während Bent Lewis Bilder hochhebt und sie, den Kopf zur Seite gelegt, begutachtet, und Georgie verstohlen von der Kochnische rüberguckt. Bobby murmelt ein paar verlegene Bemerkungen wie „Als ich das gemacht hab, war ich ziemlich breit“ oder „Das ist meine Freundin nackt“, aber das kommt bei Bent Lewis gut an - es ist das erste Mal, dass er einen Künstler so offen über seine Arbeit sprechen hört, so wie der gewöhnliche Mensch einem seine Urlaubsschnappschüsse aus Faliraki erklären würde. Er hält Bobby für sehr gut aussehend - und außerdem für einen recht guten Maler -, und es gefällt ihm, wie Bobby versucht, mit einem offenkundigen Kater seine Kunst zu verkaufen. Um seine Nerven zu beruhigen hat sich Bobby die letzten Abende mit Special Brew, Bombay Sapphire und Three Hammers zugeschüttet, was, um ehrlich zu sein, nicht viel gebracht hat. Diesen Morgen ist er gerade mal rechtzeitig aufgestanden, um die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Georgie, die immer noch vom verkrusteten Frühstückstresen rüberäugt, findet ihn unerträglich, seit er nur noch trinkt - den Abend davor hat er ihr vorgeworfen, sich einen Dreck um ihn und seine Kunst zu scheren, und sich geweigert, ihr Gute Nacht zu sagen, worüber sie sich ziemlich aufgeregt hat. Jetzt hasst er sich dafür, und er findet es schlimm, wie Alkohol einen in ein nervöses, manisch-depressives, aggressives Arschloch mit üblem Mundgeruch verwandeln kann. Er betet Georgie an und würde niemals ihre Gefühle verletzen wollen, aber wenn er besoffen ist, verspürt er manchmal komischerweise eine derartige Feindseligkeit ihr gegenüber (zum Beispiel wenn sie seine Bilder wegstellt, um sich hinzusetzen, wenn sie das Licht im Bad anlässt oder wenn sie sagt, sie sei zu müde, um Sex mit einem betrunkenen Idioten zu haben), und letzte Nacht hat ihm das Sorgen gemacht, weil er SO nah dran war, sie ohne jeden Grund zu schlagen.