Kaum habe ich meine Sachen in der neuen Wohnung abgestellt und eine erste
Runde um den Block gemacht, weil mir die von früher bekannte Umgebung
plötzlich nicht mehr ins Stadtbild zu passen schien, kommt mir etwa fünfzig
Meter weiter vorn auf dem Gehweg eine Frau entgegen, eine nicht sehr große
Frau mit kurzen braunen Haaren, die ich kenne, die ich sehr gut kenne. Sie
blickt geradeaus vor sich hin, nur ein paar Passanten sind noch zwischen uns,
dabei geht sie schnell wie immer, sodass ihre kurzen Haare mit jedem Schritt
auf und nieder wippen. Gleich wird sie den Kopf heben, gleich wird sie mich
sehen.
Ich bleibe vor der Haltestellentafel stehen und tue so, als würde ich
den Fahrplan studieren und wie die anderen Leute, die hinter mir am Fenster
der Epicerie lehnen oder auf der Bordsteinkante balancieren, auf den Bus warten.
Obwohl ich direkt vor der Tafel stehe, kann ich die Abfahrtszeiten nicht lesen,
die Zahlen verschwimmen vor meinen Augen. Als sie fast auf meiner Höhe
ist und wegen eines entgegenkommenden Kleinkinds stehen bleiben muss, dreht
sie den Kopf nicht, sei es, dass sie als Frau nicht zu viele Signale geben
will, sei es, dass sie tatsächlich darauf konzentriert ist, voranzukommen
und keine Zeit zu verlieren. Vor der Haltestellenstange, an der ein Mülleimer
befestigt ist, gibt es einen kleinen Stau, und sie muss noch einmal einen Schritt
zurück tun, wodurch sie plötzlich schräg vor mir steht, nur
die Stange zwischen uns. Sie schaut auf die einzelnen Fußgänger,
ihre Pupillen rucken immer wieder zur Seite, und ich kann das warme Umbra ihrer
Iris sehen. Halb von mir abgewandt pendelt sie im Fluss der Fußgänger
mal nach links, mal nach rechts hin und her wie eine Boje in der Strömung,
während die entgegenkommenden Passanten schon auf die Straße ausweichen,
wohin sie aber nicht kann, weil hinter ihr immer mehr Leute nachrücken.
Einmal ziehe ich gerade noch den Fuß zurück, bevor sie drauf gestanden
wäre. Ich kann mir genau vorstellen, wie sie freundlich lächelnd
um Entschuldigung gebeten hätte, bevor sie mich erkannt und mit einem
Augenrollen ausgerufen hätte, was machst du denn hier.
Mit angehaltenem Atem kann ich erkennen, dass sie kaum geschminkt ist, nur
ihre Lippen glänzen. Ich kann den Duft ihres Haars riechen, den süßlich-herben
Horngeruch, den ich so mag. Auf einmal scheint sie unschlüssig, ob sie
nicht doch auf die Straße ausweichen soll, aber da stehe ich, dessen
Präsenz sie zweifellos spürt, dem sie aber offenbar nicht zu nahe
kommen will. Jetzt wird ein Rollstuhl durchgeschoben, und endlich kann sie
in die sich öffnende Schneise folgen. Dabei fixiert sie ungeduldig den
Rücken der Begleitperson, wie auch sonst, wenn ihr etwas im Weg steht,
sie aber weiß, dass das Hindernis bald beseitigt sein wird. Sobald sie
sich aus dem Pulk befreit hat, schreitet sie in ihrem trotz der geringen Körpergröße
leicht ondulierenden Gang schnell auf die Kreuzung zu und ist bald um die Hausecke
verschwunden.
[...]