Literaturpreise-Hamburg.de

Sybille Martin
Eva Profousová
nicht vergeben
Andreas Münzer
Kristian Schlüter
Sabine Stein
Andreas Stichmann
Ulrike Syha
Katharina Kim Alsen

Kristian Schlüter

„Faríll und der Schatz, der nicht gefunden werden möchte“ | Romanauszug

Faríll spürte unter seinen Händen die ledrige beharrte Haut von Biruú. Er hatte die Hände flach auf den Rücken seines Patakondas gelegt. Patakondas boten keine Stelle, an der man sich festhalten konnte. Ihre borstigen schwarzen Haare waren zu kurz, um sich an ihnen festzukrallen und ihr Hals um einiges zu dick, um seine Arme um ihn zu schlingen. Ihre Ohren zeigten sich lediglich als zwei kleine Löcher an den Seiten des großen Kopfes und boten damit ebenfalls keinen Halt.
Wenn man es genau nahm, sahen Patakondas ziemlich langweilig aus. Am ehesten zu vergleichen waren sie mit den Flusskrötengümplern aus dem Süden von Ascanada. Nur das ihr Maul spitz nach vorne lief und anstatt kurzer dicker Stampfer besaßen sie kräftige lange Beine. Patakondas konnten lange nicht so schnell laufen wie die Regenlugane oder die Gatillopen, aber sie legten ein Tempo an den Tag, was es Faríll nicht einfach machte, auf Biruú sitzen zu bleiben.
Die Kunst bestand darin, das wusste Faríll, die Füsse fest an den Körper des Patakondas zu drücken und zugleich mit dem Oberkörper das Gleichgewicht zu halten und jedes Schwanken von Biruú mit einer Gewichtsverlagerung seines Oberkörpers auszugleichen.
Biruú rannte mit großen Sprüngen den staubigen Sandweg entlang. Sein Schnaufen wurde immer lauter.
 “Weiter so, mein Junge, du schaffst das, du bist super!” schrie Faríll ihm zu.
Er wagte es nicht, sich dabei umzuschauen. Die anderen mussten dicht hinter ihm sein. Er hörte hinter sich das Prusten und Schnaufen weiterer Patakondas. Doch wenn er sich jetzt umdrehen würde, um seinen Vorsprung abzuschätzen, riskierte er einen kurzen Augenblick der Unachtsamkeit. Im Nu könnte er dadurch das Gleichgewicht verlieren.
Bald hatten sie es geschafft. Bis zum Ziel waren es nur noch etwa zweihundert Meter.
“Nicht aufgeben Biruú, gleich haben wir es!” Faríll versuchte seinen Patakonda während des Laufens leicht zu streicheln, doch er konnte die Hand nur wenige Millimeter bewegen. Zu groß war die Anspannung in seinem Körper. Farílls Beine schmerzten schon, so fest drückte er sie an Biruú. Er hatte das Gefühl, dass sein Patakonda so schnell lief wie nie zuvor. Plötzlich sah er neben sich Ruuro auftauchen. Ruuro hatte nur eine Hand auf seinen Patakonda gelegt und klapste dem dicken Tier mit der anderen Hand wild auf den breiten Hintern.
“Schneller, schneller!” schrie Ruuro seinen Patakonda wüst an.
Dann blickte er kurz zu Faríll rüber und grinste ihn überlegen an. Ruuro hatte jetzt schon eine Schnauzenlänge Vorsprung.
Faríll ärgerte sich. Das konnte doch nicht wahr sein! Am Anfang des Rennens hatte er sich nicht die geringsten Chancen ausgerechnet, aber jetzt war der Sieg so nah und nun musste er mit ansehen, wie Ruuro an ihm vorbei lief. Ruuros Patakonda war um einiges größer und durchtrainierter als Biruú.
Biruú war eigentlich ein schlaffer, dicker Patakonda, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Die anderen Einsamlinge hatten lauthals gelacht, als Faríll mit Biruú an den Start getrottet war. Zweimal hatte er schon mit Biruú am jährlichen Patakonda Rennen der Einsamlinge teilgenommen. Zweimal war er vorletzter geworden. Doch diesmal sah es anders aus. Er hatte ein wenig mit Biruú trainiert und war öfter auf ihm ausgeritten. Mit Essen hatte er ihn immer wieder zu kleinen Sprints ermuntert.
Nun sollte sich das Training auch auszahlen.
“Los Biruú, jetzt kommt der Schlussspurt, ich besorg dir auch eine große Protion Schlammschaukelknollen!”
Schlammschaukelknollen waren mit abstand das Lieblingsessen von Biruú. Nur war die Ernte von Schlammschaukeln etwas heikel und da Faríll selten Lust verspürte, in einem stinkenden Tümpel nach Schlammschaukeln zu tauchen, gab es diese Köstlichkeit nicht oft. Doch in diesem Moment wäre Faríll sogar bereit gewesen, ein ganzes Jahr über jeden Tag nach den stinkenden Schlammschaukeln zu tauchen, wenn Biruú doch nur etwas schneller laufen würde.
Wie durch ein Wunder schien das schwerfällige Tier ihn verstanden zu haben.
Biruú gab ein lautes Grunzen von sich und legte dann einen Endspurt hin, den man einem so dicken Tier nicht zugetraut hätte. Faríll konnte es nicht fassen. Laut lachend schrie er vor Freude auf und sah begeistert zu, wie Biruú und er Ruuro und seinen Patakonda  kurz vor der Ziellinie einholten und hinter sich ließen. Ruuro saß nur verdattert auf seinem Patakondoa und starrte den beiden ungläubig hinterher.
Hinter der Ziellinie sprang Faríll begeistert von Biruús Rücken. Sofort  rannte er nach vorne zu Biruús Kopf  und streichelte ihn augenblicklich euphorisch die dicken Kopfborsten.
Biruú schaute Faríll mit weit offenen Mund und heraushänger der Zunge treudoof an. Er schien sich ebenfalls zu freuen.
“Du bist der Größte!”
Faríll presste seinen Kopf an die Wange von Biruú. Der Patakonda grunzte laut. Nach und nach kamen auch die anderen Einsamlinge ins Ziel. 
Doch keiner kam zu Faríll, um ihn zu beglückwunschen. Das hatte er auch nicht erwartet. Stattdessen gingen sie zu Ruuro und redeten und lachten mit ihm. Kurz darauf steckten sie die Köpfe zusammen und tuschelten etwas. Ab und zu schauten sie zu Faríll rüber.
Faríll lies den Kopf hängen und täschelte Biruú. Er würde wohl nie so richtig zu den anderen Einsamlingen dazugehören. Sie mochten ihn einfach nicht. Er wusste nicht eimal wieso. Dabei hatten sie doch alle das gleiche Schicksal. Sie hatten weder Eltern, noch Familie und landeten deswegen im Haus der Einsamlinge. Im Dorf waren sie nicht gut angesehen, viele nannten sie nur die “unerwünschten Kinder”.
Wenn alle Einsamlinge schon die unerwünschten Kinder waren, dachte Faríll, dann war er das unerwünscheste von allen.

 (…)