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aus: "Superhelden" | Romanauszug


Luis hatte gerade seinen Beutel mit den Dosen neben sich auf den Boden gestellt und wollte sich an die Arbeit machen, als der Sergeant mit dem Arm ein Zeichen hab: Freeze hieß das, keine Bewegung, absolute Stille. An der Tür, durch die sie gekommen waren, erschien der Lichtkegel einer Taschenlampe.
Luis überlegte fieberhaft. Hatten sie das Fenster hinter sich wieder zu gemacht? Aber wenn sie sich verraten hatten, wäre dann nur ein einzelner Sheriff hier? Hinter ihm war ganz kurz ein Geräusch zu hören; etwas rollte über den Boden und wurde sofort gestoppt. Das wäre draußen kein Problem gewesen, doch die Halle wirkte wie eine Echokammer. Augenblicklich setzte sich der Lichtkegel in ihre Richtung in Bewegung. Luis konnte die knisternden Stimmen eines Funkgerätes hören. Auf freiem Gelände hätte er diese Situation locker im Griff gehabt; da wäre er jetzt losgespurtet. Auf diese Distanz hätte der Securitymann keine Chance gegen ihn gehabt. Doch hier drinnen stieß sein Impuls zur Flucht überall an Wände und prallte daran ab; über den Rückweg hatten sie schlicht nicht nachgedacht. Konnte es sein, dass sie hier jetzt festsaßen wie dumme Tiere?
Als der Wachmann sich weit genug von der Tür entfernt hatte, hörte Luis den Sergeant. Los. Speeden jetzt. Und während er zusah, wie die anderen sich Richtung Tür in Bewegung setzten, trennte sich in seinem Inneren der Teil, der ebenfalls rennen und fliehen wollte, von einem anderen, der kühl kalkulierte, dass noch geschätzte 25 Meter zwischen ihm und dem Uniformierten lagen. Dass dieser gerade drei vermummte Gestalten auf sich zulaufen sah. Und dass das mehr als genug war für den armen Mann. Er würde keine Zeit haben darüber nachzudenken, ob sich zwischen den Zügen in der Halle noch ein Vierter verbarg. Also rührte sich Luis, während der Rest seiner Crew Richtung Ausgang stürmte, nicht vom Fleck. Wie erwartet, drehte sich der Wachmann zu den Flüchtenden um. Halt. Stehenbleiben. Sofort. Mungo riss ein paar Werkzeuge von den Tischen und warf damit nach dem Sheriff, und während sie klirrend auf den Zementboden schlugen, nutzte Luis den Tumult, um mit einem Sprung in einen Waggon zu hechten. Dabei hielt er immer noch die Dose Schwarz in der Hand, mit der er gerade loslegen wollte, als sie überrascht worden waren. Er kauerte sich zwischen die Sitze und lauschte auf den Lärm in der Halle. Offenbar gab es eine Rangelei; wahrscheinlich hatte der Sergeant den Sicherheitsmann mit Nachdruck beiseite schieben müssen, um aus der Tür zu kommen. Im Waggon roch es nach Chlor und Lösungsmitteln. Luis schwitzte. Er zog die Sturmhaube ab und rieb sich das Gesicht. Dann nahm er die Dose und begann zu sprayen.

Als er sicher war, dass die Jungs draußen waren und mit ihnen ihr Verfolger, sprang er aus dem Wagen, lief quer durch die Halle zum Büro. Da hörte er jemanden hinter sich: He Du da. Stehenbleiben. War also offenbar doch noch ein zweiter Mann unterwegs. Luis drehte sich nicht um; die Sekunden, die man dabei verliert, kosten einen meistens das Fell. Stattdessen stürmte er weiter, wollte gerade auf das Fensterbrett, um von dort aus auf den sandigen Boden zu springen, aber der Typ war schneller, erwischte ihn am Arm und hielt ihn fest.
Erstens: Wer rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Zweitens: Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert. Drittens: Der Versuch ist strafbar. Paragraph 303 Strafgesetzbuch.
Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Störung öffentlicher Betriebe - da kam einiges zusammen. Geldstrafe, vielleicht Freiheitsstrafe, in jedem Fall Schadenersatz, das hieß Schulden bis zum jüngsten Tag, kannst auch gleich in den Knast gehen, Müllsammeln wird dir nicht mehr helfen, er dachte an seine Eltern in ihrem Hamsterzuhause, an sein altes Kinderzimmer, dachte an Lotta, die gefunden hatte, dass es eine schiefe Ebene war, auf der er sich bewegte, und er befand, dass er sich dieses Mal wirklich nicht fangen lassen konnte.
Er drehte sich um seine eigene Achse, holte aus und stieß dem anderen mit aller Kraft seinen Ellenbogen ins Gesicht. Der Mann schrie auf und hielt sich die Nase. Mit einem Satz war Luis aus dem Fenster. Sein Knöchel knackte, als er auf dem Boden aufkam, er sicherte kurz in alle Richtungen, dann rannte er los. Rennen konnte er. Der Schmerz war egal, Hauptsache er war wieder draußen, raus aus der Halle, die ihnen beinahe zur Falle geworden wäre. Er rannte quer übers Gelände, er musste so schnell wie möglich aus der beleuchteten Zone kommen, dorthin, wo man ihn nicht mehr so leicht sehen konnte, zur Böschung, zu den Gleisen, die zum Tunnel führten. Auf einmal hörte er laute Rufe hinter sich. Wie hatte er nur glauben können,so leicht davon zu kommen? Der rechte Knöchel stach bei jedem Schritt. Der Schmerz, den er auf den Nervenbahnen nach oben jagte, drehte ihm den Magen um. Nicht gut. Wenn es im Zentrum flackert, hat die Angst leichtes Spiel. Essigsaure Tonerde. Wo kamen diese bescheuerten Worte jetzt her, wo er gerade über Schienen sprang wie ein flüchtender Hase, hinter ihm der Jäger aus Kurpfalz mit dem Schießgewehr. Es hieß, dass die Sheriffs mit Typen wie ihm nicht zimperlich waren. Sie hassten Typen wie ihn.Wenn er sich früher den Fuß verstaucht hatte, traktierte seine Mutter ihn mit Umschlägen, zwang ihn zum Stillhalten, während die säuerlich riechenden feuchten Lappen auf der Haut warm wurden und zu jucken anfingen, essigsaure Tonerde, was war das eigentlich für ein Zeug, und warum hatte er solche Lust zu kotzen, nur weil er sich den Knöchel verstaucht hatte, warum war er so scheißmüde, das war der ganz falsche Moment jetzt, oh so bad, baby, immer war er stolz drauf gewesen, dass er in brenzligen Situationen Muskeltonus und Nerven eines Seiltänzer hatte, er hörte seine Häscher näher kommen, Stehenbleiben!, sie werden mich fertig machen, dachte er und dass er es war, der in dem Waggon in der Halle seine Unterschrift hinterlassen hatte, nka auf den Sitzen, nka quer übers Fenster, das würde ihm in der Szene mächtig credit sichern, nka auf dem Boden, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Körperverletzung -  er sah den Strahl ihrer Taschenlampen näher kommen, du bist am Arsch, Luis, dachte er und er wusste, dass es stimmte, noch bevor sie ihn eingeholt und auf den Boden geworfen hatten.