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Sybille Martin
Eva Profousová
nicht vergeben
Andreas Münzer
Kristian Schlüter
Sabine Stein
Andreas Stichmann
Ulrike Syha
Katharina Kim Alsen

Andreas Stichmann

aus: „Haus Ginster“ | Roman


(…)

    Wir sitzen auf einem großen Teppich. Im einzigen Raum des Hauses. Umgeben von rissigen Lehmwänden und kitschigen Gemälden, auf denen Löwen und Adler zu sehen sind. In einer Ecke ist eine Kochnische durch eine Lehmmauer abgetrennt, ebenfalls kitschig mit Plastikblumen und Papiergirlanden verziert, dahinter dampfen die Töpfe: Abu und seine Mutter haben direkt angefangen für uns zu Kochen. Es gibt einen riesigen Flachbildfernseher, über dem ein Foto von Abus Bruder in Militäruniform hängt, und im Garten gibt es ein Klo, auf das ich eigentlich will, aber so wie wir hier sitzen traue mich nicht - Vor uns sitzt Abus Vater, der sich schweigend Nüsse in den Schnurrbart steckt. Er heftet seine schwarzen Augen auf uns und schweigt einfach vor sich hin, nur sein Schnurrbart bewegt sich ab und zu. Und ich bin vollkommen durchgeschwitzt, obwohl ich nur ein Unterhemd und eine von den luftigen Haushosen trage, die uns Abu gegeben hat. Der Vater guckt abwechselnd seine nackten Füße und uns an, als wollte er entweder seine Füße auf uns oder uns auf seine Füße aufmerksam machen.
    „Hello?“, sage ich.
    Keine Antwort vom Vater.
Robert steht auf und geht zur Küchennische rüber, um Abu und seiner Mutter zu helfen, aber das ist offenbar unangebracht, er erntet direkt einen Schrei - die Mutter schiebt ihn lachend zurück. Sie ist in etwa so klein wie Abu, nur etwas dicker und runder, ein fröhlicher Vogel mit ihrem rosa Kopftuch und den langen Spülhandschuhen – etwas zu fröhlich eigentlich, als wäre es etwas ganz Großartiges, dass hier zwei junge Deutsche sitzen, als hätten wir etwas Wichtiges mitgebracht, von dem wir nichts wissen. Kleine Lacher kleckern aus der Küchennische, während sich Robert wieder setzt. Er guckt den Vater an und dann guckt er dessen Füße an, und als ich ihn ansehe, lächelt er schräg, gibt sich Mühe, souverän und welterfahren zu wirken, demonstriert Lockerheit, wie er da so an seinem Teeglas nippt.
    „Schön“, sagt er. „Schön hier.“
Ich sage nichts, ich kann nicht reden, ich schwitze nur vor mich hin, während Robert seine Haushose zurechtzupft und die Gastgeschenke auspackt: Den Kühlschrankmagneten in Form einer Deutschlandkarte, das Deutschlandtrikot, das Kölnisch Wasser, den Deutschland-Bildband, den er dem Vater reicht. Und der Vater wird auch gleich etwas beweglicher, seine Augenbrauen wandern nach oben, während er den Bildband durchsieht: Schloss Neuschwanstein, die Lüneburger Heide, Burg Hohenzollern, die Mecklenburgische Seenplatte - außerdem allerhand Würste und Wälder, eine dicke, bayrische Frau mit Kindern vor einem Fachwerkhäuschen. Er legt den Finger auf die Frau und sieht mich an - und ich merke plötzlich, dass er eigentlich auch unsicher ist, schüchtern, dieser Vater ist ein schüchterner Mann.
    „Mother?“
Wir schütteln den Kopf. Offensichtlich glaubt er wirklich, dass die Frau aus dem Bildband unsere Mutter sein könnte. Abu kommt aus der Küchennische und wechselt ein paar schnelle, kratzige Worte mit ihm - und dann heißt er plötzlich, dass der Vater jetzt unsere Mütter kennenlernen will.
    „Wie das?“, sagt Robert.
    „Na, mit Skype!“
Abu geht zum riesigen Bildschirm und friemelt daran herum. Er stöpselt Kabel um und richtet eine kleine Kamera aus und logt sich ins Internet ein, während der Vater das Foto des Bruders auf dem Teppich aufstellt. Offenbar soll die ganze Familie versammelt werden, die Mutter kommt auch schon rüber – und wir brauchen eine ganze Weile, um zu erklären, dass meine Mutter tot ist, und dass sich Roberts Mutter mit sowas nicht auskennt. Sie wollen es gar nicht glauben: Deutsche ohne Skype. Irgendjemand aus der Familie müsse doch Skype haben, sagen sie, einer von unseren Brüdern oder Cousins oder Neffen oder Onkeln.
    „Meine Familie ist… eher klein“, sagt Robert.
Und erst später am Abend stöpselt Abu die Kabel wieder aus und scheint es immer noch nicht so richtig zu verstehen - ich stelle mir vor, was das für ein bescheuertes Bild gegeben hätte: Roberts todernste Mutter, via Skype aus dem Fernseher guckend, während wir hier in bunten Haushosen auf dem Perserteppich hocken.

    Im Dunkeln fragt eine Stimme: „Liebst du deine Freundin?“
Wir liegen auf dünnen Matratzen, die ganze Familie zusammen im Raum: Die Mutter schnarcht, der Vater liegt still daneben, Robert liegt in der Ecke und pfeift leise durch die Nase. Nur Abu ist wieder wach geworden, und ich bin sowieso noch wach, zumindest mit einer Hälfte meines Hirns, ich kann einfach nicht aufhören zu denken. Inzwischen ist es kühl geworden, entfernt rauscht der Verkehr. Ab und zu leuchtet der gelbe Blümchenvorhang im Licht eines Scheinwerfers auf.
    „Liebst du sie so richtig?“, flüstert Abu, „Hast du in Deutschland schon mehrere geliebt?“
    „Wie meinst du das?“
    „Na, in Deutschland liebt man doch mehrere! Hat mein Bruder gesagt! Dass man da viel Spaß haben kann, weil man sich immer trennen darf und sich dann eine neue sucht, oder?“
    „Ich weiß nicht.“
    „Doch doch! Seid ihr verlobt? Ist deine Familie einverstanden? Hast du sie schon geküsst? Also, ich hab erst einmal eine geküsst, aber das war gar nicht gut am Ende! Ich war bei ihr zu Besuch und wir haben Federball gespielt, und dann haben wir beide nach dem Federball gegriffen und da hab ich sie einfach geküsst! Und am nächsten Tag habe ich meine Mutter hingeschickt. Und der Vater hat gesagt, dass ich sie heiraten kann, wenn ich meinen Militärdienst gemacht habe, und ich hab zwei Jahre lang meinen Militärdienst gemacht, aber was ist los, als ich wiederkomme? Da war sie schon verheiratet! Love is a losing game!“
    „Was?”
    „Kennst du nicht das Lied von Amy Winehouse? Jetzt will ich auf keinen Fall mehr eine Iranerin, jetzt will ich eine Neuseeländerin! Ich will auswandern und neuseeländische Kinder kriegen, kennst du Neuseeländerinnen? Kann man mit Neuseeländerinnen Spaß haben?“
Er sieht mich an. Es ist dunkel, aber ich spüre, dass er mich ansieht.
„Amy Winehouse war die Lieblingssängern von meiner zweiten Liebe! Der hab ich sogar an die Titten gefasst - aber die ist jetzt auch schon verheiratet, wie soll man da glücklich werden?“
    „Titten?“
    „Was?“
    „Jedenfalls kenne ich das Lied.“
Und ich will ihn gerade fragen, ob es tatsächlich denkbar ist, dass er nach Neuseeland auswandert, und ob er irgendeine Idee hat, wie ich in diesem viel zu großen Land meine Freundin finden soll, aber ich komme nicht dazu: Er fängt plötzlich an, mir seine Kissen rüberzureichen.
    „Du liegst viel zu hart!“
Und ich nehme das Kissen und im nächsten Moment ist seine Mutter wach und reicht mir auch ein Kissen rüber.
    „Ich liege gut“, sage ich.
    „Du liegst nicht gut?“, sagt er.
Und plötzlich kommt noch ein Kissen und noch eine Decke, und Abu steht auf und besteht darauf, dass wir die Matratzen tauschen.
    „Meine ist viel weicher! Meine ist viel zu weich für mich, ich kriege Rückenschmerzen davon!“
Und seine Mutter reicht mir noch eine Decke rüber, so dass ich am Ende mit drei Decken und sechs Kissen da liege.
    „Wir finden deine Freundin“, sagt Abu, „Du musst mir einfach vertrauen!“

(…)