Literaturpreise-Hamburg.de

Sybille Martin
Eva Profousová
nicht vergeben
Andreas Münzer
Kristian Schlüter
Sabine Stein
Andreas Stichmann
Ulrike Syha
Katharina Kim Alsen

Ulrike Syha

FIGUREN
Herr Schuster
Seine Ehefrau
Seine Schwägerin
Seine Schwiegermutter
Sein Au-pair


Anmerkung:
Die Dialogtexte des Stückes sind verbindlich. Alle anderen Texte können als Sprechtexte verwendet werden, wenn dies sinnvoll erscheint. Die Texte, die sich in den Fußnoten befinden, sind nicht notwendigerweise an die notierten Stellen gebunden und können frei verschoben oder auch weggelassen werden. Das Au-pair spricht akzentfrei Deutsch und weist auch sonst keinerlei baltischen Lokalkolorit auf. Tiere haben auf der Bühne nichts zu suchen und treten bitte nicht auf.



ES WAR EIN SOMMER

In einem linksliberalen Garten mit Au-pair1 und Teich.2 Auf dem Gartentisch: ein Monopoly-Spiel. Neben dem Teich: ein roter Spielzeugtraktor. Um den Tisch herum: die Familie.

HERR SCHUSTER
Im Jahre 1934 –

Am Ende des Tisches thront der Patriarch.3 Der Patriarch hat die Spielanleitung in der Hand und den Laden fest im Griff.

HERR SCHUSTER
– führte der Amerikaner Charles B. Darrow aus Pennsylvania der Geschäftsleitung der Firma Parker Brothers ein Spiel namens Monopoly vor.

Die Ehefrau gähnt hinter vorgehaltener Hand.

DIE SCHWIEGERMUTTER
Der kommt doch eh nicht.

HERR SCHUSTER
Obwohl es dort wegen 52 Spielfehlern abgelehnt wurde, gab Darrow seine Idee nicht auf. Wie viele andere Amerikaner war auch er zu dieser Zeit arbeitslos –

DIE SCHWIEGERMUTTER
Nie im Leben schleppt der seine alten Knochen hierher.

Die Schwiegermutter drückt vehement eine ihrer selbstgedrehten Zigaretten im Aschenbecher4 aus. Die Ehefrau lässt ihren Blick lange auf der ausgedrückten Zigarette ruhen.

HERR SCHUSTER
– und so beschloss er, das aufregende Spiel um Handel und Besitz auf eigene Faust zu produzieren. Wer sagt’s denn: Zum Einstieg was fürs Gemüt. Eine Erfolgsgeschichte aus den Sternstunden des Kapitalismus.

DIE EHEFRAU
Ich denke, die Einleitung und das alles brauchen wir gar nicht, Georg.

HERR SCHUSTER
Nicht.

DIE EHEFRAU
Ich schätze, wir haben alle in diesem Leben schon mal Monopoly gespielt.

DIE SCHWIEGERMUTTER
Ich habe noch nie in meinem Leben Monopoly gespielt.

DIE EHEFRAU
Das entspricht nicht der Wahrheit.

Wind fährt durch die Blätter der Sträucher,5 die um die Terrasse herum gruppiert sind. Im Nachbargarten heult ein Hund.

HERR SCHUSTER
Schön. Wie du meinst. Dann verzichten wir eben auf die historische Dimension.

DIE EHEFRAU
Ich hab doch bloß gesagt –

DIE SCHWIEGERMUTTER
Historische Dimension. Du hörst dich schon an wie der alte Oberlehrer, der mal mein Gatte war. Dabei bist du doch nur angeheiratet. Dachte ich immer. Ich dachte, ich hätte bloß die da geboren und die da.

Die Schwägerin zuckt sichtlich zusammen, als die Schwiegermutter auf sie zeigt.

DIE EHEFRAU
Karin, wir hatten doch vereinbart –

DIE SCHWIEGERMUTTER
Wo sind eigentlich die Kinder?

Und wieder heult der Hund.6

DIE EHEFRAU
Sie schlafen.

DIE SCHWIEGERMUTTER
Jetzt schon?

DIE EHEFRAU
Es sind Kinder.7

Beim Stichwort „Kinder“ hebt das Au-pair, das bislang – obwohl die Sonne längst untergegangen ist – auf einer Sonnenliege neben dem Gartenteich gelegen hat, nur mit einem Badeanzug bekleidet, seine Sonnenbrille ein Stück und wirft der Ehefrau unter den großen verspiegelten Gläsern einen starren, durchdringenden Blick zu. Die Ehefrau erwidert den Blick. Im Gebüsch8 an der Terrasse raschelt es. Das Au-pair setzt die Sonnenbrille wieder auf.9

DIE SCHWIEGERMUTTER
Haben die Kinder nicht nach ihrer Großmutter gefragt?

DIE EHEFRAU
Nein.

DIE SCHWIEGERMUTTER
Nein?

DIE EHEFRAU
„Großmutter“ ist eine Vokabel, die sie verständlicherweise recht selten gebrauchen.

DIE SCHWIEGERMUTTER
In der Welt ist vieles im Argen. Man kann sich nicht immer nur um die eigene Familie kümmern.

DIE EHEFRAU
Nein, das kann man nicht.

Im Nachbargarten fängt jemand an, ein paar Gießkannen mit Wasser zu füllen. Eine Weile hört man nur das Wasser laufen. Jemand summt dabei eine vage bekannt erscheinende Melodie. Irgendwo lacht ein Kind. Kurz. Abrupt.

(...)


1   Ich dachte, das würde eine Verbesserung darstellen. Eine organisatorische Verbesserung. Für uns alle. In
     Wahrheit machte es die Dinge aber nur komplizierter.
2   Wie wir zu dem Teich kamen: Sie war der Meinung, wir bräuchten einen.
3   Dieser Patriarch bin ich.
4   Der Aschenbecher ist ein Liebhaberstück. Ein Liebhaberstück aus den 50er Jahren und aus den Zeiten, als wir
     noch geraucht haben, Valerie und ich. Das waren noch Zeiten.
5   Es sind Buchsbäume. Buchsbäume. Ich habe sie selbst gepflanzt.
6   Blöder Köter. Ich persönlich habe ja eine Theorie zu Hunden und ihren Besitzern –
7   Zu der Theorie mit den Hunden später mehr.
8   Es sind Buchs- Komisch. Diese Sonnenbrille sieht irgendwie genauso aus wie die von meiner Frau.
9   Andererseits: Meine Frau hat sehr viele Sonnenbrillen. Wie könnte ich da –