Wir haben gerade einen Pogrom gesehen! Die hatten sogar Uniform an. Mein
erster Pogrom! Das muß ich unbedingt in mein Tagebuch eintragen, sagt
Sarah.
Sie müßte auch nicht ständig quasseln. Sie könnte mir
helfen. Ich versuche, die T-Shirts auf dem Fußboden zu stapeln, bin
aber mit Rucksack und Taschen behängt.
Draußen hört man Schreie und das Jaulen von Polizeisirenen. Jemand
rennt über die Straße und brüllt. Der Lärm der Menge
weicht langsam zurück.
Du siehst überhaupt nicht aus wie eine Jüdin oder so. Was für
ein Glück, daß du blond bist. Und die haben mich auch für
einen Touristen gehalten, ha ha ha!
Darüber muß ich lachen. Das kommt mir echt lustig vor.
Ich könnte kotzen, verkündet Sarah, sie läßt sich rücklings
aufs Bett fallen und starrt an die Decke.
Hör mal, wir sehen ähnlich aus, sagt sie nach einer Weile, wir haben
zwei Arme, zwei Beine, hier und da eine Sommersprosse, wir verständigen
uns irgendwie in diesem Englisch, aber das ist eher ein Trugschluß!
Kulturell sind wir völlig woanders. Ich zum Beispiel bin vom Bolschewismus
unberührt, aber du triefst geradezu von Miesheit! Und weißt es
nicht mal ... deine Ziegen scheißen die heiligen Orte des trauernden
Gedenkens mit ihren Kötteln voll, und du kapierst das nicht mal, ihr
Osteuropäer, ihr habt es immer noch nicht gerafft, in welcher Scheiße
ihr steckt ... Sie macht mich wütend … sie soll meine Ziegen in
Ruhe lassen, ich spaziere mit ihr durch Prag und riskiere, daß meine
Herde wieder kleiner wird, Bojek kriegt sie nicht bewacht … Hier bei
euch in Tschechien soll’s irgendwo ne Schweinefarm geben, an der Stelle,
wo früher ein Roma-KZ gestanden hat. Stimmt das? Zeigst du mir das mal?,
rattert sie weiter, aber mit Schweinen kenn ich mich gar nicht aus, in Theresienstadt
hatten wir keine ... Jesusmaria, dir kommt das normal vor? Eine Schweinefarm
am Ort des Massakers … Sie mag nicht, wenn ich die Achseln zucke,
ich mag nicht, wenn sie schreit, ich könnte ihr ein Kissen auf den Mund
legen, schießt mir durch den Kopf … Ich erzähle ihr,
wie Lebo im Ghetto zur Welt gekommen ist, sie hört mucksmäuschenstill
zu, und als ich sie mir näher ansehe, merke ich, daß sie heult.
Mein Gott, seine Hebamme, das hätte meine Omi sein können ... Ja,
deine Oma hat den kleinen Lebo so gut wie erwürgt. Sie war auch so explosiv!
Wie du! … Alebo, nebo, lebo, sagt sie immer wieder auf, sie ist nämlich
dabei, unsere Sprache zu lernen … also erkläre ich ihr, dass Tschechisch
leicht, Slowakisch dafür aber verdammt schwer ist, das würde sie
nie lernen, die Slowaken kommen schon so zur Welt, für sie ist es einfach,
diese Sprache zu sprechen … Liebster Ziegenkönig, Sarah röchelt
ins Kopfkissen, schweig … halt die Klappe, du Viehhüter! Na gut,
ich schweige also … und eigentlich habe ich Grund zur Freude, als sie
bei uns auftauchte, da war sie nur der Schatten einer Frau, jetzt ist sie
verdammt lebendig. Und Sarah sagt, mit jemandem, der so alt ist wie ich, hätte
sie noch nie geschlafen, aber hier fände sie das fast normal, weil hier
ist alles, aber wirklich alles total verdreht und bizarr … Also sage
ich, daß mich ihr Alter auch nicht stört, eigentlich weiß ich
gar nicht, wie alt sie ist! Bist du neunzehn? Zwanzig? Oder vielleicht schon
einundzwanzig?, Sarah, für mich spielt das wirklich keine Rolle, tröste
ich sie … Aber ich glaube nicht, dass du ein Idiot bist!, Sarah stützt
sich auf den Ellbogen und sieht mich an, das geht wahrscheinlich noch tiefer,
dieser Kulturunterschied zwischen uns … Jetzt liegen wir beide auf
dem Rücken, überall auf dem Fußboden haufenweise Kafka-T-Shirts,
Weinflaschen und anderes Zeug, böhmisches Kristallglas, Tassen und Untertassen,
auf die wir Gruß aus Theresienstadt! pinseln werden, Plastiktüten
mit weiteren Souvenirrohlingen … und Sarah hält mir einen Vortrag über
Osteuropa, ihre Bildung geht manchmal mit ihr durch … Ich habe den
Osten gesucht, sagt sie, dieses Osteuropa … nach Osteuropa fahren heißt,
immer auf der Suche sein, weißt du, sagt sie, als wollte ich das wissen …