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Isabel Bogdan

aus: Der Pfau | Romanauszug


Einer der Pfauen war verrückt geworden. Vielleicht sah er auch nur schlecht, jedenfalls hielt er mit einem Mal alles, was blau war und glänzte, für Konkurrenz auf dem Heiratsmarkt.
Nun gab es oben im Tal glücklicherweise kaum Dinge, die blau waren und glänzten. Es gab Wiesen und Weiden und Bäume und überhaupt viel Grün, und es gab die Heide. Und jede Menge Schafe. Das einzige Blauglänzende, was sich gelegentlich hierher verirrte, waren die Autos von Feriengästen. Lord und Lady McIntosh hatten die ehemaligen Wirtschaftsgebäude, Scheunen, und alles, was sonst so zu ihrem Anwesen gehörte und sich dafür eignete, zu Feriencottages umgebaut, damit der alte Kasten das Geld, das er verschlang, wenigstens halbwegs wieder reinholte. Das Pförtnerhaus unten an der Einfahrt, das Gärtnerhaus, das Waschhaus, den Pferdestall und so weiter. Die Vermietungen liefen ganz gut, die Leute liebten die Ruhe und die Natur in dem kleinen Tal am Fuße der Highlands. Mal von allem wegkommen, kein Handyempfang, kein Fernsehempfang, nur das Rauschen des Bachs.
In einem Anfall von Übermut hatte Lord McIntosh eines Tages fünf Pfauen erworben, drei Weibchen und zwei Männchen; er stellte es sich hübsch vor, wenn die Männchen auf der riesigen Rasenfläche vor dem Wohnhaus herumstolzierten und Räder schlugen. Die weniger hübschen Weibchen sollten sich dezent im Hintergrund halten und den Männchen unauffällig überhaupt erst einen Grund liefern, miteinander zu wetteifern und Räder zu schlagen. So hatte Lord McIntosh sich das vorgestellt. Lord McIntosh mochte Tiere im Allgemeinen sehr gern, verstand aber nicht sonderlich viel von ihnen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass die Pfauen ihren Bewegungsradius ausweiten und meist gar nicht zu sehen sein würden. Er hatte auch nicht damit gerechnet, dass man sie umso besser hörte, ihre Schreie hallten weit durchs Tal, es klang ein bisschen nach Urwald. Aber daran gewöhnten die McIntoshs sich, die Pfauen waren weitgehend sich selbst überlassen und gingen ihrer Wege. Einmal im Jahr brüteten sie irgendwo im Wald und bekamen Junge, von denen die meisten nicht überlebten. Pro Jahr schafften es vielleicht ein oder zwei Junge, inzwischen waren es insgesamt vier Männchen und sechs Weibchen. Nur gelegentlich fütterte der Lord die Tiere, vor allem im Winter, wenn sie selbst nicht viel zu fressen fanden. Sogar mit der grantigen alten Gans hatten sie sich arrangiert, nach einer Weile kamen sie miteinander aus und ließen sich im Wesentlichen in Ruhe. Man lebte friedlich nebeneinander her, und die Feriengäste waren so oder so entzückt.
Bis einer der Pfauen verrückt wurde. Oder schlecht sah. Hinterher ließ sich natürlich nicht mehr feststellen, was es war und wann es angefangen hatte. Als Mr. und Mrs. Bakshi ankamen, konnte jedenfalls noch niemand etwas ahnen. Die beiden hatten für zwei Wochen eines der Cottages gemietet, sie bezogen das ehemalige Waschhaus und fanden es zauberhaft und hinreißend und sagten ziemlich oft, wie gut sie es doch hätten und wie reizend das doch alles sei und was für ein Glück, dass sie hier gelandet seien. In Wahrheit war das Cottage nicht gerade luxuriös, es gab keine Dusche, nur eine Badewanne, und das heiße Wasser reichte jeweils nur für einen. In der Küche war der Fußboden so schief, dass die Bakshis sich in den ersten Tagen fühlten wie auf einem Schiff, denn der Boden war beim Gehen immer haarscharf nicht dort, wo man ihn erwartete. Aber es dauerte nicht lange, da hatten sie sich daran gewöhnt, dass das Wasser in der Spüle nicht komplett ablief, weil der Abfluss nicht an der tiefsten Stelle lag; auch damit, dass das Öl in der Pfanne sich immer auf einer Seite sammelte, konnte Mrs. Bakshi natürlich umgehen, sie fand auch das charmant und zauberhaft. Irgendwann fanden sie es sogar praktisch, dass jede Weintraube, die ihnen hinunterfiel, in dieselbe Ecke kullerte.
Mr. Bakshi spritzte einmal am Tag mit dem Gartenschlauch die Bodenplatten vor dem Cottage ab, um die Gänsescheiße wegzuspülen. Die Gans hielt sich aus unerklärlichen Gründen am liebsten direkt vor ihrer Tür auf, und Mr. Bakshi war täglich aufs Neue beeindruckt, wie viel eine einzige Gans scheißen kann.
Sie hatten die zwei Wochen hauptsächlich mit Nichtstun verbracht, waren spazieren gegangen, hatten gelesen und der Gans und den Pfauen beim Stolzieren über die große Rasenfläche zugeguckt. Mrs. Bakshi hatte eine Decke für ihr erstes Enkelkind gehäkelt, das sie bald erwarteten.

Die Bakshis waren von allem so begeistert, dass sie die McIntoshs an ihrem letzten Abend zum Abschied zu sich ins Waschhaus einluden, wo Mrs. Bakshi dem Lord und der Lady ein Geflügelcurry auftischte, von dem die McIntoshs noch Jahre später schwärmen sollten. Eigentlich gehörte es sich nicht, zahlende Gäste in ihrem Cottage zu besuchen, aber seit dem Tod des alten Lords waren die McIntoshs da nicht mehr so. Und die Bakshis sowieso nicht. Die Lady kam sich geradezu verwegen vor, wenn sie sich über die Gepflogenheiten hinwegsetzte.
Als erstes wollte Lord McIntosh an diesem Abend jedoch die Formalitäten erledigen. Das schottische Fremdenverkehrsamt führte eine statistische Erhebung durch, und der Lord sollte alle Feriengäste einen Fragebogen ausfüllen lassen: wie lange sie in der Gegend bleiben, wie oft sie schon dort waren, wie alt sie sind, in welcher Art Unterkunft sie übernachten, und so weiter. Ein endloser Fragebogen, den er, wie er den Bakshis gestand, meistens selbst ausfüllte, statt die Gäste damit zu behelligen. Notfalls dachte er sich halt etwas aus.
Na, dann geben Sie mal her, sagte Mr. Bakshi und nahm ihm den Fragebogen ab. Mrs. Bakshi sagte, die Leute würden das sowieso auch nicht wahrheitsgetreuer ausfüllen als der Lord es tat, er solle sich da mal keine Gedanken machen. Sie selbst würde in solchen Fällen grundsätzlich das ankreuzen, was sie am lustigsten fand, oder irgendeinen Quatsch reinschreiben. Lady McIntosh kicherte. So etwas hätte sie niemals gewagt.
Mr. Bakshi las die Fragen laut vor und fragte seine Frau: Warum sind wir denn hier, was haben wir hier gemacht? Lass mal gucken, sagte seine Frau, was steht denn zur Auswahl? Hier, sagte sie, Wildlife watching, klingt doch super, dafür waren wir hier. Neulich abends haben wir tatsächlich eine Eule gesehen! Ja, sagte der Lord, die sieht man hier öfter. Und dann hier, sagte Mrs. Bakshi, action and adventure, auch toll, das kreuzen wir auch an. Tatsächlich, erzählte Mr. Bakshi den McIntoshs, hätten sie morgens beides gehabt, reichlich action and adventure mit dem wildlife, und zwar hier in ihrem Cottage.
An diesem Morgen, erzählten sie, seien sie nämlich sehr früh von einem sonderbaren Geräusch aufgewacht. Mrs. Bakshi habe gedacht, es müsse sich um Vögel handeln, die draußen auf der Fensterbank herumtobten und vielleicht, nun ja, kleine Vogelkinder machten und dabei gegen die Scheibe schlugen. Sie stand auf, schob vorsichtig den Vorhang zur Seite, und tatsächlich sei dort eine kleine Meise gewesen, allerdings nicht draußen, sondern drinnen. Sie fragten sich, wie die Meise wohl hereingekommen war, über Nacht waren alle Fenster geschlossen gewesen. Weniger aus Angst vor Vögeln als vor Mücken. Der Lord sagte, manchmal würden Vögel tatsächlich durch den Kamin hereinfallen und eine ziemliche Sauerei veranstalten mit dem ganzen Ruß, den sie mitbringen. Die Meise hatte allerdings ganz sauber ausgesehen, naja, jedenfalls sei sie also drin gewesen, in ihrem Schlafzimmer, wie auch immer sie da reingekommen war. Mrs. Bakshi hatte das Fenster hochgeschoben und die Meise verstand schnell, flatterte auf die Fensterbank und hinaus in den Wald. Mrs. Bakshi war wieder ins Bett gegangen und hatte das Fenster offengelassen, damit ein bisschen frische Luft hereinkam.
Keine besonders aufregende Geschichte, aber eine Stunde später seien sie von demselben Geräusch wieder aufgewacht. Blödes Vieh, hatte Mr. Bakshi in sein Kissen geknurrt, kommt hier einfach wieder rein. Diesmal war es aber eine Schwalbe, und sie war tragischerweise zwischen den beiden Scheiben des hochgeschobenen Fensters eingeklemmt, es kostete die Bakshis eine gewisse Mühe, sie da herauszumanövrieren. Das Tier war in Panik und klemmte sich, wenn man versuchte, das Fenster zu bewegen, nur noch weiter den Flügel ein. Mit einem Kochlöffelstiel konnten sie den völlig verstörten Vogel schließlich irgendwie zwischen den Scheiben hochschieben, Mr. Bakshi bekam ihn endlich zu packen, setzte ihn aufs Fensterbrett, und er flog davon, hinaus an die Luft, er war zum Glück nicht verletzt.
Etwas weiter oben in den Bergen, sagte der Lord, lebe ein Adlerpaar, und gelegentlich sei einer der Adler von hier aus zu sehen, weit weg, hoch am Himmel. Dann würden die Vögel hier im Tal immer ganz verrückt, vielleicht sei das heute morgen der Fall gewesen, denn dass erst ein Meise auf mysteriöse Weise ins Haus gelangt und sich dann eine Schwalbe zwischen den Scheiben verklemmt, so blöd seien die Vögel normalerweise nicht. Es könne gut sein, dass sie wegen eines großen Raubvogels in Panik geraten und unzurechnungsfähig geworden seien.
So plätscherte das Gespräch dahin, man unterhielt sich bei Mrs. Bakshis köstlichem Geflügelcurry über Vögel. Mr. und Mrs. Bakshi fanden alles total interessant und herrlich, so nah an der Natur zu sein, und der Lord und die Lady freuten sich über ihre glücklichen Feriengäste.

Am Ende dieses Abends spielte der Pfau zum ersten Mal verrückt. Mr. und Mrs. Bakshi begleiteten die McIntoshs zur Tür, öffneten sie, und das Licht aus dem Cottage fiel auf den Wagen der Bakshis. Er war in blau-metallic lackiert, glänzte im Lichtschein und war, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade ein Luxusgefährt. Man stand noch ein bisschen vor der Tür und tauschte Höflichkeiten aus, als plötzlich und wie aus heiterem Himmel einer der Pfauen sich von oben auf den Wagen stürzte und ihn mit Geschrei und Flügelschlagen attackierte, mit dem Schnabel auf der Motorhaube herumhackte, dass es nur so schepperte und die McIntoshs ebenso verblüffte und erschreckte wie die Bakshis. Mit einem rasenden Pfau möchte man sich nicht anlegen, und dieser hier war offensichtlich ziemlich wütend. Die Damen flohen zurück ins Cottage, die Herren ließen sich eine Decke herausreichen, wedelten damit vor dem Pfau herum und brüllten ihn an, was ihn offenbar genügend beeindruckte. Er flatterte davon.
Auf den Schreck tranken die Bakshis und die McIntoshs erstmal einen Whisky. Und dann noch einen. Und dann keinen mehr, denn die Lady war eine Lady.
Der Schaden am Auto war, wie sich am nächsten Morgen zeigte, beträchtlich. Der Pfau hatte in der kurzen Zeit ordentlich was angerichtet, die Motorhaube hatte Dellen, und der Lack war an einigen Stellen abgeplatzt. Mr. Bakshi sagte, das sei nicht so schlimm, bei dem alten Auto, seine Werkstatt würde das schon wieder hinkriegen, beziehungsweise finde seine Frau ja schon seit Jahren, er solle sich endlich einen neuen Wagen kaufen. Aber nun ja, sagte Mr. Bakshi, er hänge halt irgendwie an dem alten Ding.
Na also, sagte der Lord, und genau deswegen solle er das mal schön über seine Versicherung laufen lassen, er wolle selbstverständlich für den Schaden aufkommen, und im Übrigen seien die Bakshis eingeladen, im folgenden Jahr zwei Wochen kostenlos im ehemaligen Waschhaus zu wohnen, wenn sie sich denn noch hierhertrauten, nach dieser Attacke. Bis dahin würde der Pfau sich bestimmt wieder beruhigt haben. Wer weiß, vielleicht war er ja ebenfalls noch vom Besuch des Adlers verstört gewesen. Wieso er deswegen allerdings ein Auto angriff, sei dem Lord nicht klar, aber wer wisse schon, zu was für Übersprungshandlungen so ein Pfau in der Lage sei.
Und so verabschiedeten die beiden Paare sich unter allerlei Beteuerungen, dass es halb so wild sei und dass die Versicherung das schon regeln würde und man sich sicher einig werde und Mr. Bakshi auf jeden Fall die Rechnung schicken solle und man sich freuen würde, sich im nächsten Jahr wieder zu sehen.

In den folgenden Wochen zerfetzte der Pfau eine blaue Mülltüte und verteilte ihren Inhalt großräumig über den Rasen, er nahm einem Gastkind ein blaues Spielzeug weg und verschleppte es in den Wald, wo man es nicht mehr wiederfand, sodass der Lord das Kind mit einem etwas größeren Geschenk in rot wieder versöhnen musste, und er zerdepperte die Dekokugel aus blauer Keramik, die die Lady neben den Teich gelegt hatte, und hackte sie in tausend Scherben. Ein Freund der McIntoshs konnte seinen Wagen gerade noch rechtzeitig in die Garage stellen. Es war inzwischen eindeutig, dass es nicht der Adler, sondern die Farbe Blau war, die ihn wütend machte, und er offenbar alles Blaue für Konkurrenz hielt. Das einzige Blaue, was er nicht angriff, waren die anderen Pfauen. Vermutlich waren sie auch die einzigen, die sich wehrten. Die McIntoshs beschlossen, noch ein bisschen abzuwarten, ob das Problem sich von allein erledigen würde, und dann gegebenenfalls den Tierarzt um Rat zu fragen. Im Moment hatten sie ohnehin keine Zeit, sich darum zu kümmern, denn es hatte sich hoher Besuch angekündigt. Die Vorstandsvorsitzende einer Londoner Privatbank hatte für eine Woche den Westflügel des Herrenhauses gemietet, sie reiste mit fünf Kollegen und einer Köchin zusammen an, zu einer, wie es hieß, kreativen Auszeit und Teambuilding-Maßnahme. Die McIntoshs hatten sich ein wenig umgehört, die Dame galt als schwierig, und so waren sie damit beschäftigt, den Westflügel herzurichten. Denn der Westflügel war zwar vor hundert Jahren noch ganz luxuriös gewesen, aber das war eben hundert Jahre her. Und mit Köchin war hier schon ungefähr ebenso lange niemand mehr angereist.

Die Vorstandsvorsitzende der Londoner Privatbank und ihr irischer Setter kamen in einem nagelneuen blau-metallic-farbenen Geländewagen, der Rest der Gruppe fuhr in gediegenem Schwarz vor. Die McIntoshs ließen sich nichts anmerken, sie begrüßten die Vorstandsvorsitzende und ihre Entourage, fragten, ob man gut hergefunden habe und ob es eine anstrengende Fahrt gewesen sei, und noch während Lady McIntosh die Gruppe herumführte und ihnen alles zeigte, entschuldigte sich der Lord für einen Moment und rief sein Faktotum an, einen jungen Polen namens Ryszard. Er bat ihn, die Pfauen mit etwas Futter oder sonstwie möglichst weit weg zu locken, er wolle sie in den kommenden Tagen nicht in der Nähe des Hauses sehen, Madame sei mit einem blauen Wagen angereist. Ryszard tat, was er konnte. Er suchte die Pfauen zusammen, klapperte mit dem üblichen Futtereimer und lockte sie in den Wald, ziemlich weit weg. Dort streute er auf einer größeren Fläche reichlich Futter aus und hoffte, dass die Vögel nicht allzu bald zum Haus zurückkehren würden. Wenn er das dreimal täglich tat, so dachte er, würde er die Pfauen wohl für einige Tage vom Haus und dem blauen Wagen fernhalten können.
Die Pfauen allerdings hielten sich nicht an diesen Plan, sie kehrten spät abends unbemerkt in die Nähe des Hauses zurück.

Als Lord McIntosh am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe aus dem Haus trat, hörte er es gleich. Im Westflügel waren noch alle Vorhänge geschlossen, die Gäste schliefen noch. Der Lord lief zum Wagen der Vorstandsvorsitzenden, verjagte den Pfau inzwischen mit einer gewissen Routine und besah sich den Schaden. Ein paar Dellen, Kratzer und abgeplatzter Lack am hinteren Kotflügel links. Die Gäste würden noch ein paar Tage bleiben, sie waren wichtig, so ging es nicht weiter. Weder der Lord noch Ryszard konnten die ganze Woche damit verbringen, den Pfau von dem Wagen fernzuhalten, und jetzt konnte er die Vorstandsvorsitzende auch nicht mehr bitten, den Wagen in seine Garage zu stellen, denn dann würde er auch den bereits entstandenen Schaden erklären müssen, und das kam nicht in Frage. Der Eindruck, den er von der Vorstandsvorsitzenden hatte, genügte ihm, um diese Möglichkeit gar nicht erst zu erwägen. Besser, er wusste überhaupt nichts über den Schaden an ihrem Geländewagen. Kurzentschlossen holte der Lord sein Gewehr aus dem Schrank, nahm das Pfauenfutter mit und lockte den verrücktgewordenen Pfau in den Wald. Er konnte ihn ja nicht gut direkt vor der Haustür erschießen, da wäre er nur in Erklärungsnot gekommen.
Er konnte, ging ihm nach getaner Tat auf, auch nicht gut mit einem Gewehr in einer Hand und einem toten Pfau in der anderen zum Haus zurückkehren, die Gäste würden inzwischen sicher aufgestanden sein. Also ließ er den Pfau liegen, wo er war, irgendwo im Unterholz, deckte ihn mit ein paar Zweigen zu, sodass er vom Weg aus nicht gleich zu sehen war, versteckte das Gewehr unter einem Steinhaufen und ging nach Hause. Nicht gerade fröhlich pfeifend, es tat im durchaus leid um den schönen Pfau, aber man musste auch wissen, wann Schluss war. Und bevor als nächstes eine alte Dame mit blaugefärbten Haaren anreiste und der Pfau ihr den Kopf aufhackte, ging er lieber auf Nummer sicher, da war er ganz unsentimental. So ein Pfau war schließlich kein Hund.

Der Irische Setter der Vorstandsvorsitzenden der Londoner Privatbank allerdings, der war ein Hund. Als die kleine Gruppe am späteren Vormittag einen ausgedehnten Spaziergang machte, unternahm er, wie Hunde es eben tun, Streifzüge durchs Unterholz, folgte seiner Nase und fand den toten Pfau. Kurz war er ein wenig verwirrt, denn er hatte nicht gemerkt, dass dies ein Jagdausflug war. Es hatte niemand geschossen, aber ein noch warmer, erschossener großer Vogel muss natürlich apportiert werden, alte Jagdhunderegel, der Setter kannte seine Pflichten. Und so brachte er seinem Frauchen den Pfau, nur ein klein wenig zerfleddert, der Setter war stolz und zufrieden, wedelte mit dem Schwanz und freute sich auf Lob und Streicheleinheiten.
Er verstand überhaupt nicht, warum sie ihn stattdessen anschrie und beschimpfte, ihn sogar schlug, was sie sonst nie tat, und warum diese ganze unangenehme Aufregung unter den Menschen entstand. Alle waren ganz aus dem Häuschen, aber offenbar nicht vor Freude, sondern sehr böse auf ihn. Er zog den Schwanz ein und verkroch sich. Er hatte doch alles richtig gemacht.
Die Vorstandsvorsitzende der Londoner Privatbank und ihr Gefolge beratschlagten, was zu tun war. Einer war dafür, den McIntoshs die ganze Sache zu beichten, er meinte, sie hätten sicher Verständnis, wenn so ein Hund einen Pfau reiße, jeder gute Brite habe schließlich Verständnis für Hunde, und man könne ihnen ja einen neuen Pfau besorgen, womöglich würde den sogar die Versicherung bezahlen. Kommt nicht in Frage, befand die Vorstandsvorsitzende, man wisse schließlich nicht, wie das Verhältnis der McIntoshs zu ihren Pfauen sei, am Ende hätte das Tier ihnen am Herzen gelegen wie ein Hund, wie würden sie – und ihr Hund – denn dann dastehen. Nein, das könne man nicht machen, der tote Pfau müsse weg. Wie, weg, sagte ein anderer. Na, lassen Sie ihn halt verschwinden, sagte die Vorstandsvorsitzende, die in entscheidenden Momenten sehr gut delegieren konnte. Wie, verschwinden, dachte der Mann, sagte aber: in Ordnung, ich kümmer mich drum. Fürs Erste versteckte man den toten Pfau ungefähr dort, wo der Lord ihn auch schon versteckt hatte und kehrte in gedämpfter Stimmung ins Haus zurück.

Der Mann, der den Pfau verschwinden lassen sollte, hatte ein Problem. Er ekelte sich. Er wollte den toten Pfau nicht anfassen, es war Sommer, natürlich hatte er keine Handschuhe dabei. Er hatte überhaupt keine Ahnung, wie er den Pfau verschwinden lassen sollte, so ein Pfau ist ja keine Amsel, sondern vielmehr ziemlich groß, die einzige Möglichkeit war wohl, ihn noch tiefer in den Wald zu tragen und zu verbuddeln, aber womit, und wenn ihn dabei jemand erwischte, und wie sollte er den Pfau überhaupt tiefer in den Wald bringen, ohne ihn anzufassen, der arme Mann war ganz verstört. Und suchte Trost und Zuflucht in der Küche, wo die Köchin gerade einen Fisch putzte. Die Köchin tröstete immer gern verstörte Männer, mit Kuchen und Plätzchen und Eintöpfen und ihrer ganzen Mütterlichkeit.
Der Mann wollte keinen Kuchen und keinen Eintopf, er wollte Whisky. Den bekam er auch. Und dann noch einen. Nach dem dritten Whisky erzählte er der Köchin von seinem Problem. Da liege ein toter Pfau im Wald, gerissen vom irischen Setter der Chefin. Und er solle ihn jetzt wegschaffen. Und er wisse doch gar nicht, wie. Und wenn er versage, wäre die Chefin sicherlich not amused, und was das bedeute, wisse man ja. So ein Pfau ließe sich ja nicht einfach verstecken, den müsse man schon verbuddeln. Und ob er jetzt etwa in die Garage des Lords einbrechen solle, um eine Schaufel zu stehlen, oder was, das ginge doch alles nicht. Wenn er erwischt würde. Beim Schaufelklau. Oder beim Verbuddeln des Pfaus. Wie er das denn dem Lord und der Lady erklären solle. Er sei doch kein Einbrecher. Und auch nicht Waldarbeiter oder Bestatter. Er sei Banker.
Dann trank er noch einen Whisky.
Und ich, sagte die Köchin, ich bin Köchin.