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Alexander Häusser

aus: Pilot des Lebens | Romanauszug

(…)
Wir sind auf uns alleine gestellt, hatte Mutter einmal gesagt, als Eis die Rohre gesprengt hatte und die Heizung ausfiel, im ersten Winter ohne ihn. Fortan hatte eine neue Zeitrechnung begonnen. Es folgten der erste Frühling ohne ihn, der zweite Sommer ohne ihn, der dritte Herbst ohne ihn. Die Jahre ohne ihn, die immer die ersten Jahre geblieben waren. „Die ersten Jahre ohne ihn waren schrecklich“, sagte sie noch am Mittag zur Bombek, die ihre Stärke lobte: „Ohne Mann mit Haus und Kind!“ Und wirklich - Mutter hatte keine Angst vor den Herbststürmen, die am Dach zerrten und den Baum entwurzeln könnten oder vor den Fluten, die den Fluss über die Ufer treten ließen. Sie machte sich keine Sorgen wegen der feuchten Stelle an der Decke oder um ihre Gesundheit. Nur vor den Nächten fürchtete sie sich; vor dem dunklen Raum, der sich auftat, und den sie in Gedanken nicht abmessen konnte.
Das konnte die Bombek nicht wissen, das wusste nur ich. Wir waren ohne ihn zur verschworenen Gemeinschaft geworden, aufeinander angewiesen, voneinander abhängig. Ich wuchs buchstäblich über mich hinaus, erhob mich über die anderen Kinder im Ort und in der Schule. Wer von ihnen sorgte schon für die Mutter? Ich kochte, wusch ab, putzte, hütete das Haus, während sie im Büro der Streichholzfabrik arbeitete. WELT HÖLZER in alle Welt verschickte, jeden Tag, damit wir etwas zu essen hatten. Überall setzten sich morgens die Kleinen an den gedeckten Frühstückstisch, wurden von Mütterhänden Pausenbrote geschmiert und in Ranzen gesteckt, die richtigen Schuhe fürs Wetter geholt und an Jacken herum gezupft, damit auch alles ordentlich war. Ich dagegen wachte morgens auf, ohne ermahnt werden zu müssen, hörte Mutter schon aus dem Haus gehen, wenn ich selbst noch in der Unterhose - die immer frisch war! - im Badezimmer stand. Ich allein kochte Kakao und hörte Radio in der Küche und vergaß nicht, den Herd auszuschalten und die Fenster zu schließen, wenn ich das Haus verließ, um zum Schulbus zu gehen; nie ohne mich noch einmal umzudrehen und zu prüfen, ob alles seine Richtigkeit hatte und ruhig war. Und ich war es, der am Mittag unsere Welt wieder in Bewegung setzte. Mit Topfgeklapper in der Küche und nach feuchter Erde riechendem Kartoffeldampf, immer für Mutter einen Teller bereit, wenn sie hungrig von der Arbeit kam. Ich hielt unsere Welt zusammen, und ich war absolut verlässlich. Wir hatten einen Alltag ohne ihn gefunden. Ich stellte mir nicht die Frage, ob es für Mutter ein Leben war. Vielleicht hätte für sie gerade heute ein neues beginnen können; jetzt, wo sein alter Schuppen verrammelt und sie beim Friseur in der Stadt gewesen war.
Die Dunkelheit drückte an das Fenster. Die Zeiger der Küchenuhr klackten auf zwanzig Uhr und Mutter verstummte. Ich wusste, woran sie dachte. Zu dieser Stunde war er immer nach Hause gekommen; hörten wir den Transporter in den Hof fahren, das Motorengeräusch und vertraute Scheppern auf den unebenen Pflastersteinen. Spätestens zur Tagesschau stand er im Wohnzimmer, schälte sich aus der Lederjacke und dem Pullover aus einer Wolke kalten Zigarettenrauchs, wie hypnotisiert den Bildschirm im Blick, als wäre die Nachrichtensendung allein für ihn erfunden worden und es gelte, keine zu verpassen. Was wäre, wenn Vater plötzlich vor der Tür stünde? Ich hatte ihn zurückgeholt in ihre Gedanken und Erwartungen. Mutter saß ganz klein auf dem Stuhl; klein und zerbrechlich und die Stille machte sie fast durchsichtig; ihr feines seidenes Puppenhaar, jetzt in Wellen gelegt, schimmerte im Licht. Sie nickte mit dem Kopf, als sie schließlich aufstand, um den Tisch abzuräumen - leise die Teller, Bestecke in die Spüle, Wurst und Käse in den Kühlschrank stellte. Dann lauschte sie wieder auf die Geräusche draußen. Wir sahen uns stumm an. Aber wir waren keine verschworene Gemeinschaft mehr.  (…)