(…)
Wir sind auf uns alleine gestellt, hatte Mutter einmal gesagt, als Eis
die Rohre gesprengt hatte und die Heizung ausfiel, im ersten Winter ohne
ihn. Fortan hatte eine neue Zeitrechnung begonnen. Es folgten der erste
Frühling ohne ihn, der zweite Sommer ohne ihn, der dritte Herbst
ohne ihn. Die Jahre ohne ihn, die immer die ersten Jahre geblieben waren. „Die
ersten Jahre ohne ihn waren schrecklich“, sagte sie noch am Mittag
zur Bombek, die ihre Stärke lobte: „Ohne Mann mit Haus und
Kind!“ Und wirklich - Mutter hatte keine Angst vor den Herbststürmen,
die am Dach zerrten und den Baum entwurzeln könnten oder vor den
Fluten, die den Fluss über die Ufer treten ließen. Sie machte
sich keine Sorgen wegen der feuchten Stelle an der Decke oder um ihre
Gesundheit. Nur vor den Nächten fürchtete sie sich; vor dem
dunklen Raum, der sich auftat, und den sie in Gedanken nicht abmessen
konnte.
Das konnte die Bombek nicht wissen, das wusste nur ich. Wir waren ohne
ihn zur verschworenen Gemeinschaft geworden, aufeinander angewiesen, voneinander
abhängig. Ich wuchs buchstäblich über mich hinaus, erhob
mich über die anderen Kinder im Ort und in der Schule. Wer von ihnen
sorgte schon für die Mutter? Ich kochte, wusch ab, putzte, hütete
das Haus, während sie im Büro der Streichholzfabrik arbeitete.
WELT HÖLZER in alle Welt verschickte, jeden Tag, damit wir etwas zu
essen hatten. Überall setzten sich morgens die Kleinen an den gedeckten
Frühstückstisch, wurden von Mütterhänden Pausenbrote
geschmiert und in Ranzen gesteckt, die richtigen Schuhe fürs Wetter
geholt und an Jacken herum gezupft, damit auch alles ordentlich war. Ich
dagegen wachte morgens auf, ohne ermahnt werden zu müssen, hörte
Mutter schon aus dem Haus gehen, wenn ich selbst noch in der Unterhose
- die immer frisch war! - im Badezimmer stand. Ich allein kochte Kakao
und hörte Radio in der Küche und vergaß nicht, den Herd
auszuschalten und die Fenster zu schließen, wenn ich das Haus verließ,
um zum Schulbus zu gehen; nie ohne mich noch einmal umzudrehen und zu prüfen,
ob alles seine Richtigkeit hatte und ruhig war. Und ich war es, der am
Mittag unsere Welt wieder in Bewegung setzte. Mit Topfgeklapper in der
Küche und nach feuchter Erde riechendem Kartoffeldampf, immer für
Mutter einen Teller bereit, wenn sie hungrig von der Arbeit kam. Ich hielt
unsere Welt zusammen, und ich war absolut verlässlich. Wir hatten
einen Alltag ohne ihn gefunden. Ich stellte mir nicht die Frage, ob es
für Mutter ein Leben war. Vielleicht hätte für sie gerade
heute ein neues beginnen können; jetzt, wo sein alter Schuppen verrammelt
und sie beim Friseur in der Stadt gewesen war.
Die Dunkelheit drückte an das Fenster. Die Zeiger der Küchenuhr
klackten auf zwanzig Uhr und Mutter verstummte. Ich wusste, woran sie dachte.
Zu dieser Stunde war er immer nach Hause gekommen; hörten wir den
Transporter in den Hof fahren, das Motorengeräusch und vertraute Scheppern
auf den unebenen Pflastersteinen. Spätestens zur Tagesschau stand
er im Wohnzimmer, schälte sich aus der Lederjacke und dem Pullover
aus einer Wolke kalten Zigarettenrauchs, wie hypnotisiert den Bildschirm
im Blick, als wäre die Nachrichtensendung allein für ihn erfunden
worden und es gelte, keine zu verpassen. Was wäre, wenn Vater plötzlich
vor der Tür stünde? Ich hatte ihn zurückgeholt in ihre Gedanken
und Erwartungen. Mutter saß ganz klein auf dem Stuhl; klein und zerbrechlich
und die Stille machte sie fast durchsichtig; ihr feines seidenes Puppenhaar,
jetzt in Wellen gelegt, schimmerte im Licht. Sie nickte mit dem Kopf, als
sie schließlich aufstand, um den Tisch abzuräumen - leise die
Teller, Bestecke in die Spüle, Wurst und Käse in den Kühlschrank
stellte. Dann lauschte sie wieder auf die Geräusche draußen.
Wir sahen uns stumm an. Aber wir waren keine verschworene Gemeinschaft
mehr. (…)