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Ursel Allenstein
Ingo Herzke
Susanne Höbel
Isabel Bogdan
Alexander Häusser
Karen Köhler
Dietrich Machmer
Ulrich Koch
Inga Sawade

Karen Köhler

aus: "Wir haben Raketen geangelt" | Erzählungen


1
Du hast mir den Siegelring von deinem Nazigroßvater mit der Bitte in die Hand gedrückt, ihn ins Meer zu werfen. Oder irgendwohin in ein Wasser. Weil du es nicht konntest. Da hab ich gesagt: das mach ich nicht, ist ja nicht mein Arschlochverwandter, ich hab selber Leichen im Keller, der is voll, da passen deine nicht auch noch mit rein,  die kann ich echt nicht für dich entsorgen.
Hab den Ring in meine Gruselkiste zur Plastikspinne und anderen Schlimmigkeiten gelegt und ihn für dich aufbewahrt. Da liegt er heute noch. Ist ein Zweiter dazugekommen.

2
Obwohl wir Namen haben, sogar ganz normale, also keine ultradoofen wie Babsi und Horst oder so, benutzen wir sie miteinander nicht. Wir haben Kosedinger. Du sagst Krassiwaja. Ich Libero. Libero, weil ich dich frei denke. (Und nicht an Fußball und  irgendwelche Verteidigungen, wie du immer behauptest.) Ich denke dich italienisch, obwohl du halber Rumäne bist. Italienisch und frei als Partisane im Gebirge oder so was.  Wir brechen manchmal auf dem Grat ein Brot und Käse, ohne das Messer zu benutzen, und schmeißen uns vor den Wolken in Deckung.  Hinter uns explodiert´s. Die kriegen uns nicht. In tausend Jahren nicht.
Krassiwaja, wegen, keine Ahnung warum. Weil ich den Kopf im Weltraum hab und die Füße nur gerade eben noch am Boden. Mein Blick immer schwerelos. 
Ich wollte Kosmonautin werden und  kenne mich mit Fallschirmen aus, da meine Flügel irgendwann unterwegs mal abgebrochen sind.  Ich muss damals so zwischen elf und zwölf gewesen sein.
[...]

4
Wir bombardieren mit Boulekugeln jeden Freitag im Sommer zwischen siebzehn und zwanzig Uhr dreißig den Park.
[...]

6
Ziegeunerjunge, sagte dein siegelringloser Großvater und meinte dich damit. Wir häkeln die schönsten Heldengirlanden um das Foto von deinem Vater, über den keiner spricht. Wir denken uns aus, dass er zur See fährt, seitdem er deine Mutter verlassen hat.  Und sich nicht, wie sie behauptet, im Wald an einen Baum gehängt hat. Ein Grab, ein Grab, was ist schon ein Grab. Ein Name auf einem Stein, mehr nicht. Wir trinken auf sein Wohl und deine Wurzeln und schmeißen Gläser an Wände, bis dein Mitbewohner brüllt, dass wir Arschlöcher sind. Dreckshure, sagte eine siegelringlose Verwandtenleiche zu seiner eigenen Tochter. Da hast du ausgeholt, gezielt, getroffen und am nächsten Tag  das Dorf verlassen. Dafür habe ich dir im Nachhinein eine Ehrenurkunde gebastelt und einen Freischwimmer auf dein rotes T-Shirt gestickt.
[...]

13
Mein Geburtstag ist immer im Winter.  Jedes Jahr. Das find ich nicht gut. Weil ich mir stets ein großes Fest mit allen Freunden im Park wünsche, oder an einem See mit Feuer und draußen schlafen und allem. Letztes Jahr im Sommer hast du bei mir geklingelt, mich zum Baden überredet, und mich auf die Vespa geschnallt. Vom Parkplatz bis zum Ufer hattest du mich über deiner Schulter und ich sang ein Kinderlied. Als dann da eine Festtafel am See stand, an der unsere Freunde saßen und alle Happy Birthday für mich sagen, wusste ich, dass du verrückt bist, und ich bin weggerannt. Was für ein Glück, dass du schneller bist als ich.

 14
Wir streiten nur an unserer Streitmaschine, einer alten Olympia, und die Regeln gehen so:

  1. Immer nur eine Person zur gleichen Zeit an der Tastatur.
  2. Es darf nur geschrieben und nicht gesprochen werden.
  3. Immer nur ein Satz, dann ist wieder der andere dran.

Die Streitprotokolle werden in Ordnern abgeheftet, die mit Jahreszahlen versehen sind.
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16
Weihnachten mit deiner Mutter.  Dein Opa war schon unter der Erde und deine Mutter einsam, also luden wir sie ein, mit uns zu feiern.  Heiligabend bei dir mit Gans und Rotkohl und Knödeln und Tanne und Wein und Singen. Erster Weihnachtstag bei mir auf der Couch mit Resten vom Vortag, Keksen und Der Pate I-III.  Am nächsten Tag hab ich euch gelassen und mich alleine einsam gefühlt.

17
Halb erfroren standen wir auf der Brücke über den S-Bahn-Gleisen. Deine alte Anglerausrüstung in den Händen. Jeder eine Angel. Der Himmel war längst wieder abgekühlt vom großen Geballer, da haben wir Raketen in leere Flaschen gesteckt und an das hölzerne Ende der Flugkörper unsere Anglersehnen befestigt. Commencing countdown, engine ´s on. Synchron hielten wir die Feuerzeuge an die Lunten. Rasch die Angeln in die Hände. Drei. Zwei. Eins.  Fauchend sausten die Raketen, von Sehnen gebändigt,  mühsam in den Himmel und explodierten über unseren Köpfen. Wir haben Raketen geangelt. Das war letztes Silvester.

[...]