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Inga Sawade

Inga Sawade

aus: „Mein Vater, der Embryo“ | Kurzgeschichten

Der Bahnhof

Der Bahnhof ist nun schon lange zugewachsen. Ich weiß nicht,
womit es anfing, dem Unkraut, das aus den Fliesen herausbrach
und nicht entfernt wurde oder der vergessenen Bank, die im Gebüsch
neben den Geleisen lag. Ich stand oft dort und wartete auf
den Nahverkehrszug. In dem alten Bahnhofsgebäude waren damals
ein Gebrauchtwarenhändler, ein Blumenladen und ein Frisör
mit günstigen Preisen.
Nun gibt es von diesem Bahnhof einen häufigen Pendelverkehr
in die Innenstadt und weiter aus der Stadt heraus fahren die Züge
seltener. Ich komme nur noch selten in diese Gegend, in der ich
schon lange nicht mehr wohne. Vielleicht möchte ich über den
Friedhof gehen oder zu dem Grundstück meiner Eltern, um
nachzuschauen, ob endlich wieder etwas darauf gebaut wird oder
ob alles noch wild durcheinander wächst. Ich kenne niemanden
mehr, den ich besuchen könnte, um einen Tee zu trinken und zu
reden.
Der übergrünte, zugewachsene und stachelige Bahnhof ist ein
Dickicht, ein kleines Paradies. Auf dem Weg zu meiner alten
Adresse treffe ich immer häufiger Leute, die ich vorher nicht gekannt
habe, und die mir Geschichten über den Bahnhof erzählen.
Manchmal gehe ich nicht mehr in die Straße meiner Eltern,
weil ich schon am Bahnhof bleibe, um mich mit Fremden
zu unterhalten.
In dem überwucherten Bahnhof soll seit einiger Zeit ein junges
Paar leben, ganz nackt, wird mir erzählt. Ich denke an den Automaten
auf dem Bahnsteig, wo ich früher einen Müsliriegel und
einen Cappuccino kaufte. Nun kann dieser Automat nicht mehr
aufgefüllt werden. Er wird in dem Urwald verrosten, und die
Eingeborenen haben sicher alle Fliesen vom Bahnsteig entfernt
und eine kleine Kultur angelegt.



trennlinie

Die Birken

Die Birken sind böse und gefährlich. Im Herbst kleben ihre vielen
Blätter auf dem Boden und rutschen unter den Schuhsohlen
meiner Mutter. Nur mit großer Mühe können die Blätter weggeharkt
werden. Im Herbststurm können die Birken auch auf
unser Dach fallen. Mein Vater hat draußen einen Tisch mit
Werkzeugen aufgebaut und eine Leiter an den Stamm gelegt. Es
gibt zwei Birken, eine beim Eingang und eine bei der Garageneinfahrt.
Die beim Eingang hat mein Vater schon letztes Jahr
abgesägt. Er trägt jetzt Ohrenschützer und Arbeitshandschuhe.
Er kann nicht sehen, wie meiner Mutter hinter dem Küchenfenster
steht und ihre Lippen bewegt.
Meine Mutter macht sich Sorgen, dass mein Vater nicht pünktlich
fertig wird. Ich habe meine Schulsachen auf dem Esszimmertisch
ausgebreitet. Aber ich lerne nicht, ich zeichne nur Muster und
Mädchenfiguren. Meine Mutter fragt mich, ob ich nicht wenigstens
Geschirr aufdecken kann. Ich laufe lieber schnell nach draußen
in der Vorgarten. Mein Vater sägt so geschickt, dass die Äste
in die Garageneinfahrt fallen oder über den Zaun auf den Gehweg.
Ich berühre die Sägen auf dem Tisch vorsichtig mit dem
Finger. In Physik und Erdkunde stehe ich auf vier-minus. In
Deutsch auf fünf. Dann laufe ich hinter das Haus und betrachte
seitlich meinen Bauch im Panoramafenster. Mein Bauch ist nicht
zu dick. Ich bin erleichtert. Mein Vater hat die große Säge wieder
angeworfen. Es ist ein kreischender Lärm.
Der Wind kommt ganz überraschend. Er kippt meinen Vater von
der Leiter. Er kippt auch das Haus um, aber die Reste der Birke
kann er nicht umwehen. Alle Sachen werden aus dem Haus in die
Höhe gewirbelt, auch die lästigen Hausaufgaben. Ich strecke die
Arme in die Höhe, um meine Mädchenfiguren zu retten. Dann
stelle ich fest, dass die Terrassentür nur angelehnt ist und setzte
Arme in die Höhe, um meine Mädchenfiguren zu retten. Dann
stelle ich fest, dass die Terrassentür nur angelehnt ist und setzte
mich an den Tisch mit den Hausaufgaben.