Literaturpreise-Hamburg.de

Ursel Allenstein
Ingo Herzke
Susanne Höbel
Isabel Bogdan
Alexander Häusser
Karen Köhler
Dietrich Machmer
Ulrich Koch
Inga Sawade

Ursel Allenstein

aus: Kim Leine: Die Untreue der Grönländer, Mare 2011

übersetzt aus dem Dänischen, Originaltitel: Tunu

Wörter

Markus ist mit einem Kanister Solaröl von der Tankstelle auf dem Weg nach Hause. Er hat eine Schnur am Griff des Kanisters befestigt und zieht ihn im Schnee hinter sich her. Wie immer, wenn er draußen unterwegs ist, hält er nach dem kleinen Mädchen mit dem runden Bauch Ausschau, das gemeinsam mit seiner fetten Großmutter neben der Kirche wohnt. Eigentlich ist der Bauch noch nicht rund, aber Markus stellt sich vor, er wäre es. Er weiß, dass das Mädchen schwanger ist, und er weiß auch, wer der Vater ist. Jørgen Baunsgård, einer der Dänen vom Flughafen. Alle wissen es, bis auf Jørgen Baunsgård selbst. Eleonora heißt das Mädchen. Eleonora. Ein Name, der sich so wunderbar leicht über die Zunge schlängelt. Markus sagt ihn häufig, wenn er allein ist. Er hat Schwierigkeiten mit Wörtern, aber nur im Beisein anderer Menschen. Wenn er allein ist, kann er eigentlich alles sagen. Eleonora.
            Er wünschte, er hätte den Mut, sie anzusehen, ihrem Blick zu begegnen, etwas zu ihr zu sagen. Du bist hübsch. Möchtest du eine Limo? Wollen wir heiraten? Aber bisher hat er immer den Kopf gesenkt, wenn sie ihm über den Weg lief, und natürlich hat er auch nicht mit ihr gesprochen. Er wirft ihr verstohlene Blicke zu, sobald sie ihm den Rücken gekehrt hat, er beobachtet sie heimlich und mit sicherem Abstand, von einer Hausecke aus, hinter einer Gardine. Er mag es, ihre kurzen Beine zu betrachten, die wie Trommelstöcke trippeln, ihr süßes Mädchengesicht, das, so stellt er sich vor, von einer träumerischen Sehnsucht nach dem werdenden Kind durchdrungen ist.
            Einmal wäre er auf dem Weg aus dem Laden beinahe mit ihr zusammengestoßen. Sie gab einen erschrockenen Laut von sich, er sah ihr eine halbe Sekunde lang ins Gesicht, dann eilte er nach Hause und krümmte sich auf seinem Bett zusammen. Dem Anblick ihres Gesichts so nah zu sein, war ihm vorgekommen, wie einen Blick in ein Geheimkästchen werfen zu dürfen, dessen Schublade man vorsichtig aufzog. Ein anderes Mal lief er einige Schritte hinter ihr her, ganz leise, er ging neben ihrer Fußspur im Schnee, dann kniete er sich schnell hin und berührte einen der Abdrücke. Er nahm das Gefühl ihres Fußabdrucks an seinen Fingern mit nach Hause, hob ihn sich auf. Jetzt besaß er zwei Dinge, einen Fußabdruck und einen Blick.
            Früher in der Schule nahm man Rücksicht auf Markus, was bedeutete, dass man ihn ignorierte, und seit er zwanzig Jahre alt ist, bekommt er Erwerbsunfähigkeitsrente. Jetzt ist er fünfundzwanzig. Er hat fünf große Schwestern und einen kleinen Bruder. Sie behandeln ihn freundlich herablassend. Seit er denken kann, hat er Probleme mit dem Sprechen. Wenn er etwas sagen will, kommen die Worte viel zu schnell angestürmt, wie panische Bewohner eines brennenden Hauses, die alle auf einmal hinausstürzen und die Tür blockieren.  Aus seinem Mund dringen nur unverständliche Brocken. Mit der Zeit hat er gelernt, sich mittels einsilbiger Wörter und Gesten zu verständigen. Theoretisch ist er jedoch in der Lage, alles Mögliche zu sagen, sogar die längsten und schwierigsten Silbengirlanden, allerdings ohne Stimme, mit geschlossenem Mund, straffen Lippen und zusammengebissenen Zähnen. Sonst flüchten die Wörter in Panik.
            Wenn er allein ist, übt er E-le-o-no-ra zu sagen. Er ist dabei, es zu lernen. Ele-ono-ra. Eleo-nora. Eleonora. Er schreibt ihr einen Brief, einen langen Brief, seiner schriftlichen Ausdrucksweise fehlt es an nichts. Er liest den Brief vor, zehn, dreißig, fünfzig Mal. Die Wörter marschieren in Reih und Glied aus seinem Mund, solange er ihn verschlossen hält. Er schreibt weitere Sätze, übt sie ein. Er hält lange, fehlerfreie Monologe vor sich selbst, stumm. Nur den Namen sagt er mit offenem Mund und einer Stimme, die bereitwillig die Silben umfängt. Doch in Gesellschaft anderer bleibt Markus der Stumme. Er hält die Wörter zurück, hebt sie auf. Für Eleonora.
            (...)