Literaturpreise-Hamburg.de

Michael Kellner
Andreas Löhrer
Susanne Höbel
Jo Berlien
Friederike Gräff
Herbert Hindringer
Benjamin Maack
Magdalena Saiger
Judith Sombray

Friederike Gräff

aus: Eine höhere Ordnung | Erzählung

(…)
Gunnar Pleve unternahm drei Kontrollgänge, zwei in der U3 und einen in der U7, bevor er sich einen Ausweis erstellte. Es schien ihm, als seien insbesondere das Format und die Klarsichthülle wichtig, sowie ein runder, nicht zu großer Stempel. Er hatte wenig Geduld und keine besondere Freude an der Fälschung, aber es schien ihm mittelfristig zu riskant, seinen alten Studentenausweis in die Höhe zu halten. Er schrieb eine Bestätigung, dass Gunnar Pleve im Auftrag der städtischen Fahrgastbetriebe kontrolliere, die er auf taubengrauem Papier ausdruckte, dann stempelte er den Rand seines Passfotos mit einem Stempel, den er in seiner alten Kinderpost auf dem Dachboden gefunden hatte. Es war einer für Eilbriefe, aber Gunnar Pleve hatte bei seinen Probe-Kontrollen den Eindruck gewonnen, dass die Leute nur flüchtig auf den Ausweis sahen.
Es war ein ähnlich flüchtiger Blick wie der, den die Prüfer auf ihre Liste geworfen hatten, als man ihn zum Gleichnis vom Guten Samariter befragt hatte. Er mochte das Gleichnis, ihm gefiel die Klarheit der Unterscheidung zwischen dem hilfreichen Samariter einerseits und dem gleichgültigen Leviten und dem allzu gesetzesgläubigen Priester andererseits, vor allem gefiel ihm, dass niemand versuchte, die Schuld des Leviten und des Priesters zu bemänteln. Aber als der Prüfer ihn nach der augustinischen Auslegung befragte, wurde sein Kopf plötzlich wolkig, so sehr, dass er schließlich nicht einmal mehr das Wesen eines Gleichnisses erklären konnte und durch die Prüfung fiel.
Danach verbrachte er weniger Zeit an der Universität und schließlich blieb er ihr ganz fern. Stattdessen dehnte er seine Fahrten mit der U-Bahn, dem Bus und den Straßenbahnen aus. Er bevorzugte die Straßenbahnen und Busse, weil ihm die Stimmung darin freundlicher schien als im Untergrund, den Kontrolleuren begegnete er jedoch in der U-Bahn. Es waren zwei junge Männer mit kurz geschorenen Haaren und Jeans-Jacken, die mit einer Frau und einem Jungen, die keinen Fahrausweis hatten, an der nächsten Station ausstiegen. Gunnar Pleve folgte ihnen. Die Frau trug einen blonden Pferdeschwanz und einen blauen Mantel aus teuer Wolle und die Kontrolleure siezten sie und sagten, dass es kein Problem sei, wenn sie ihren Führerschein statt des Personalausweises vorzeigte. Der Junge war picklig und mürrisch. Dennoch schien es Gunnar Pleve unangebracht, dass die Kontrolleure ihn duzten und er fand es nicht angemessen, dass sie die Bahnpolizei riefen, als er keinen Personalausweis vorweisen konnte.
Gunnar Pleve stellte sich gelegentlich die Frage „was wäre wenn?“, in der Regel waren es düstere Fragen wie die, was wäre, wenn er von der S-Bahn Brücke spränge oder plötzlich die Sprechstundenhilfe des Hals-, Nasen-, Ohrenarztes anschriee. Er hatte diese Fragen nie weiter verfolgt und war er überrascht, als er sich fragte, „was wäre, wenn ich sagte, ,die Fahrkarten bitte'?“ und es dann tat. Die Fahrgäste hielten ihre Fahrausweise in die Höhe, ohne ihn dabei anzusehen. „Herzlichen Dank“, sagte Gunnar Pleve und er war froh, dass niemand ohne Fahrschein war, weil er nicht gewusst hätte, was er dann hätte tun sollen. Hinterher ging er zu einer Bankfiliale und bat um 100 Überweisungsformulare, in die er zuhause in das Empfängerfeld „Städtische Verkehrsbetriebe“ und die passende Kontoverbindung druckte.
Der erste Fahrgast, den er ohne Fahrschein antraf, war ein Punk. „Hab' ich nicht“, hatte er gesagt, als Gunnar Pleve ihn nach seiner Fahrkarte fragte. „Dann würde ich gerne Ihren Personalausweis sehen“, sagte Pleve. „Hab' ich auch nicht“, sagte der Punk. Seine grün-roten Haare standen armlang in die Höhe und er hatte einen räudigen Hund bei sich, der an Gunnar Pleve hochsprang.
Es saßen sieben Fahrgäste im Abteil, von denen ihnen vier interessiert zusahen, aber sie waren wie eine Schar Hühner, aus dem man eines herausgreift, es war ihnen nicht anzumerken, ob sie Mitleid empfanden oder voller Schadenfreude waren. „Dann müssen wir jetzt aussteigen“, sagte Pleve und fürchtete, dass der Punk sich dem verweigern würde. Aber der Punk sagte „auch gut“ und folgte ihm. Gunnar Pleve dachte, dass er ihn jetzt gehen lassen könnte. „Ich mache eine Ausnahme“, könnte er sagen und „denken Sie künftig daran, einen Fahrschein zu kaufen“. Aber er tat es nicht, sondern zog ein Bankformular aus seiner Tasche hervor. „Sie müssen leider das erhöhte Beförderungsgeld von 40 Euro bezahlen“, sagte er. „Auch gut“, sagte der Punk. „Auf Wiedersehen“, sagte Gunnar Pleve und da er nicht wusste, was er tun sollte, stieg er die Treppe zum Ausgang hoch. Auf dem ersten Absatz drehte er sich vorsichtig um und glaubte zu sehen, wie der Punk das Überweisungsformular zu einem Ball formte und es für den räudigen Hund in die Luft warf. Erst auf der Rückfahrt fiel Gunnar Pleve auf, dass er nicht die Personalien des Punks aufgenommen hatte und er fragte sich, ob diesem seine Unprofessionalität aufgefallen war.
Er gewöhnte sich an, an seinen Dienst-Tagen ein blaues Cordjacket zu tragen und wenn er in den Gang der U-Bahn trat und eine Kontrolle ankündigte, fühlte er sich wie ein Dirigent, der den Taktstock hebt. Bei guten Kontrollen kam er mit den Fahrgästen ins Gespräch, meist waren es ältere Leute, die sagten, dass es gut sei, dass jemand nach dem Rechten sähe oder darüber klagten, dass die Karten immer teurer würden. „Ich muss Ihnen da Recht geben“, sagte Gunnar Pleve, „aber wir unterliegen einer höheren Ordnung“.
An einem Sonntag, an dem er sich einsam fühlte, kontrollierte er in der Straßenbahn M4. Er war sich unsicher, ob Kontrollen in den Straßenbahnen üblich waren, aber er hatte Sehnsucht nach ihrem unregelmäßigen Klingeln und dem holprigen Auffalten ihrer Türen. In der Straßenbahn saß lediglich eine alte hutzelige Frau mit Haarknoten, die einen Korb mit Äpfeln auf dem Schoß hatte. „Das ist doch kein Leben“, sagte sie zu Gunnar Pleve. „Hast du nichts gelernt?“, fragte sie und sortierte die großen Äpfel in ihrem Korb, bis sie einen sehr kleinen fand, den sie ihm gab. „Ich schätze meine Arbeit“, sagte Gunnar Pleve und fragte sich, ob das Cordjackett möglicherweise schäbig aussah. Es dauerte lange, bis die Straßenbahn wieder hielt, er setzte sich auf den am weitesten entfernten Sitzplatz und als er ausstieg, warf er den Apfel in einen Mülleimer.
An einem Mittwoch fühlte er sich eigentlich nicht im Dienst, aber als er in die U-Bahn einstieg, hatte er das Bedürfnis nach einer Aufmunterung und rief: „Die Fahrkarten, bitte“. Am Ende des Waggons stand eine junge Frau, deren fatalistischer Blick ihm sagte, dass sie keinen Fahrschein haben würde. Neben ihr stand ein Mann in löchrigen Jeans, der ein Bündel Straßenzeitungen unterm Arm trug. „Ich habe noch eine Fahrkarte übrig“, rief er freudig, während die Frau ihn unschlüssig ansah. „Das geht so nicht“, sagte Gunnar Pleve. „Ich habe eine, ich habe eine“, rief der Straßenzeitungsverkäufer. „Es ist wie mit den klugen und den törichten Jungfrauen“, sagte Gunnar Pleve. „Irgendwann ist es zu spät“. Aber der Straßenzeitungsverkäufer hörte nicht auf ihn und Gunnar Pleve fühlte sich in seiner Autorität als Kontrolleur missachtet. „Das ist Strafvereitelung“, sagte er, wie er es in einem Film gesehen hatte, „hören Sie auf damit“. Der Straßenzeitungsverkäufer schwieg und Gunnar Pleve schrieb die Personalien der Frau auf. Als er ausstieg, sprach ihn ein Junge mit Mardergesicht an. „Mir gefällt der Job“, sagte er. „Man darf die nicht davonkommen lassen“. Gunnar Pleve sagte nichts. „Braucht man eine Ausbildung dafür?“, fragte der Mardergesichtige. „Ja, und es dauert lange“, sagte Gunnar Pleve und wandte sich ab. (…)