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Herbert Hindringer

aus: "Mutter steht kurz vor dem Kollaps, Vater liegt im Sterben“ | Erzählung


Das ist sein Lieblingssupermarkt. Beer kauft gern hier ein, vor allem aber befindet sich irgendwo zwischen diesen Regalreihen die Schwelle zum Feierabend. Hier kann Beer das Händeschütteln endlich abschütteln, hier ist er kein Mensch mehr, sondern Kunde. Der Markt ist so groß, dass sich die späten Einkäufer in den vielen Gängen selten ein zweites Mal begegnen, außer sie haben in etwa die selbe Route und ein ähnliches Tempo. Beer ist langsam, manchmal steht er vor Waren, die er nie und nimmer kauft, er vergleicht trotzdem die Preise und liest sich die Inhaltsstoffe durch, das entspannt ihn und er hat Zeit. Er nimmt sie sich. Musik dudelt gleichförmig im Hintergrund, manchmal Songs aus seiner Jugend, „Voyage Voyage“ oder „Wonderful Life“ von Black, das ist gut erträglich, wie eine Schicht Staub ganz oben auf den Regalen. Am liebsten aber mag Beer die Durchsagen, Herr Simon zur Leergutannahme, ein Mitarbeiter in die Weinabteilung bitte, einmal Preisauskunft an Kasse 4, auch das klingt immer gleich, es ist wie Joggen auf einer Lieblingsstrecke. Zwischen den Kühltheken ist es angenehm. Am Schönsten aber ist es, mit den Einkäufen in der Tragetasche auf den schon dunklen Parkplatz hinauszugehen. Diese angeschwärzte Abendstimmung macht Beer beinahe glücklich, das sind die Momente, in denen sein Mund unwichtig ist, alle Luft geht durch die Nase. Er mag den späten Herbst am Liebsten, zwischen den Schichten aus frischer Abendluft liegt eine dunklere Kühle, wenn vorerst auch nur in dünnen Scheiben. Hier dann stellt sich bei Beer das Feierabendgefühl endgültig ein, nach einem langen zähen Arbeitstag, den er bei Morgengrauen begonnen hat. Das Geräusch der Autotür, das bisschen Luft, das von außen mit hineingepresst wird, die Welt so klein und menschenleer. Innen riecht es, wie es in Autos riecht, die lange schon im Dunkeln parken. Und das Ende einer Geschichte wäre in so einem Fall jetzt schon erreicht. Beer ist froh und schiebt Mozart in den CD-Player. Er hört auf das Geräusch des Blinkers, bevor das Alban Berg Quartett den Atem anhält und losstreicht.

Aber jetzt ist Sommer. Ein schlechter noch dazu, schwül und drückend, nie freudig orange. Immer wieder Regen, Gewitter. Aber nie zur rechten Zeit, nie dann, wenn man vor dem geöffneten Fenster auf der Couch sitzen kann und nur zuhört, wie das Wasser vom Himmel herab fließt. Es regnet immer dann, wenn man auch nass wird. Draußen, in Eile, in weiten Stoffhosen, die Regenjacke im Büro hängend, der Schirm in einer längst verjährten Vergangenheit zurückgelassen. Auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt ist es jetzt immer hell, wenn Beer herauskommt, auch kurz vor Ladenschluss. Im Radio ist es grell. In den CD-Player hat Beer vor Wochen in einem Moment der Verwirrtheit ein Parkticket geschoben, das er jetzt nicht mehr heraus bekommt. Klassikradio bringt überwiegend Filmmusik. Deutschlandradio Kultur mag er vormittags lieber. Er findet dann schon irgendeinen Sender, driftet bald ab und fährt lautlos dahin.

Aber jetzt ist alles anders. Er sitzt nämlich noch gar nicht im Auto, er ist noch im Supermarkt und fühlt sich wie manchmal nach dem Aufwachen. Sein Mund hängt feucht im schiefen Winkel im Gesicht und er kann nicht sagen, wo der Tag beginnt oder wo er endet. Heute aber ist es soweit. Nicht Feierabend, es ist Wochenende, Samstag Nachmittag, Mitte Juli. Bei Beer ist es so: Er schiebt Termine gerne vor sich her. Mit drei Monaten Abstand sind ihm selbst die unangenehmsten Dinge gleichgültig. Sie sind wie Blutergüsse, sie ändern zwar ihre Farbe, aber sie sind kein Grund zur Besorgnis. Dann kommen die Termine näher. Noch näher. Ah, den Termin gibt es wirklich. Aus der Weite sah er aus wie ein Farbklecks, jetzt kann er ihn spüren, wenn er mit den Fingern darüber fährt. Jetzt ist die Sorge doch berechtigt. Beer ist immer wieder überrascht, dass Zeit so zuverlässig linear verläuft. Er kann sich dann gar nicht vorstellen, dass sein Leben jemals endet. Und ein paar Tage vor dem geplanten Ereignis wird er unruhig. Manchmal ist er sogar regelrecht verschreckt. Und meistens hat er keine Lust. Aber das geht heute nicht. Das kann heute nicht sein, denn heute ist es soweit. Heute bumsen Beer und seine Frau ein anderes Paar.