Literaturpreise-Hamburg.de

Michael Kellner
Andreas Löhrer
Susanne Höbel
Jo Berlien
Friederike Gräff
Herbert Hindringer
Benjamin Maack
Magdalena Saiger
Judith Sombray

Herbert Hindringer

aus der Jurybewertung:


"Es beginnt mit einem Einkauf im Supermarkt, mit den Vorbereitungen für ein Fest der besonderen Art: ein gebildetes Mittelklasse-Ehepaar erwartet ein anderes zum gemeinsamen Geschlechtsverkehr. Was mit großer Aufgeregtheit und sexueller Vorfreude einhergehen soll, bereitet jedoch kurz zuvor nur noch Unlust. Beer, der Protagonist, kan sich gar nicht recht in die angesagte Geilheit hineinimaginieren, er ist müde und gefangen in Gedankenschleifen, die um seine Eltern kreisen. Die Mutter kommt ihm vor "wie ein Job", die Gespräche mit ihr sind eine mühselige Angelegenheit, freudlose Pflichterfüllung. An den schwerbehinderten Vater, der zusehends verkauzt und in eine Art Demenz abdriftet, denkt er mit zärtlicher Wehmut und Sorge. Da steht ein baldiger Abschied an, nur weiß das Beer noch nicht, aber die unbewusste Angst davor beeinträchtigt bereits sein erektiles Vermögen. Der Tod wirft seinen Schatten auf die Lust.

Mit wenigen Strichen malt der Autor das Bild eines eigensinnigen Charakters, eines empfindsamen Zwangsneurotikers und musischen Arithmetikers. Beer liebt Mozart, Zahlen und Buchhaltung. Er führt eine Statistik darüber, wie oft im Jahr er Sex mit seiner Frau hatte. "Als einmal Sex gilt übrigens, wenn er gekommen ist."

Der Text oszilliert zwischen Wirklichkeit und Phantasie Realität und Projektion, melancholischer Poesie und handfester Erotik, verfügt über eine beachtliche Tiefenschäfte und ist von abgründigem Humor. Elegant moduliert der Autor von Dur nach Moll, lässt auf engstem Raum und in gekonnter Beiläufigkeit alle Themen aufklingen, die eine menschliche Existenz ausmachen. Lust, Schmerz, Erotik, Tod, Liebe und Verlust, Musterbildung in Familien, Fragilität von Beziehungen, Einsamkeit. Hier wird auf knappem Raum fast ein ganzes Leben erzählt. Das ist so komisch wie anrührend. "Wir sind seltsame Vögel", sagt der Protagonist zu seiner Frau, "die ihn versteht, wenn er brummt. Er wiederum brummt, wenn er sie versteht."