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Michael Kellner
Andreas Löhrer
Susanne Höbel
Jo Berlien
Friederike Gräff
Herbert Hindringer
Benjamin Maack
Magdalena Saiger
Judith Sombray

Benjamin Maack

aus: „Drei“ | Erzählung


"Wir sind tot."
Um uns herum schluckt die Dunkelheit alles, die schmale Straße in beide Richtungen, links und rechts die Weiden hinter den summenden Elektrozäunen, nach wenigen Metern kommt den Gräsern ihr letztes Grün abhanden. Sie sinken von Grau zu Grau ins Schwarz.
"Wir sind so was von tot."
Über uns muss eine dicke Wolkendecke hängen. Man sieht keinen einzigen Stern. Der Mond macht nicht ein bisschen Licht. Alles schwarz. Als wäre das Universum weggewischt.
"Ey, kapierst du das nicht? Wir sind tot, Mann."
Paul zerwühlt das Haar in seinem Nacken, massiert die Stelle, die nicht mehr ganz Hals aber auch noch nicht Kopf ist. Seit wir aus dem Auto sind, hat er kein Wort gesprochen, nur geschrien. Paul schreit und knetet an seinem Nacken herum. Die Nacht um uns ist trüb und stumpf. Nicht diese glasklare Witterung, die Geräusche transportiert. Eher feucht, eher stickig. Gewächshausluft. Eine Luft, die unbeeindruckt jeden Schrei schluckt und verdaut.
"Wir sind tot", schreit Paul, "wenn Papa das sieht, sind wir tot."
Das Tier liegt auf der Straße. Vor dem schneeweißen Mercedes meiner Eltern, für den mein Vater an diesem Abend wieder Paul den Schlüssel gegeben hat.
"Der ist hin", schreit Paul. "Siehst du das?", schreit er, "der ist total hin. Das ist ein scheiß 10.000-Euro-Schaden."

Das Tier liegt auf der Seite und atmet. Es ist sehr damit beschäftigt zu atmen. Es zittert. Ein Zittern, das in Wellen über seinen Körper geht. Ich versuche zu denken, dass ich dem Tier eine Decke über den Körper legen will, damit es nicht friert. Aber ich denke, dass ich dieses Zittern nicht mehr sehen will. Dass ich dieses Zittern unter einer Decke verschwinden lassen will. Und das Atmen.
Es atmet ganz vorsichtig. Man sieht, in welchem Moment es zögert. In welchem Moment das Luftholen die Hölle ist. Ein kurzes Innehalten, eine Anspannung der Muskeln, ein komischer Schatten an der Seite, wenn sich die Flanke senkt. Da ist eine Delle in der Seite. Eine Stelle, an der die Kuh eingedrückt ist. Man muss kein Tierarzt sein, um zu sehen, dass diese Delle da nicht hingehört. Man muss kein Genie sein, um zu verstehen, dass diese Kuh gerade stirbt.
Ab und zu taucht ihre Zunge aus dem Maul auf. Die Kuh leckt sich über die Nase. Ab und zu muht sie leise. Das Geräusch läuft dünn aus ihrem Mundwinkel. Ein Rinnsaal von einem Laut. Ich bin so müde.

Paul schlägt nicht schlimm zu, obwohl er es könnte. Es fühlt sich sogar gut an. Erst wie ein Stromschlag, dann taub, dann warm. Als würde an der Stelle Fell wachsen.
"Hörst du mir überhaupt zu?"
Obwohl er jünger ist als ich, könnte Paul mich ohne Probleme totschlagen. Er hat die Gene abbekommen, sagt einer unserer Onkel gern auf Familienfeiern. Obwohl ich eigentlich ein bisschen größer bin als Paul. Er ist auch nicht breiter als ich. Genau genommen, sehen wir fast aus wie Zwillinge.
Ich rede kaum, wenn er auch da ist. Muss ich nicht. Leute beachten mich nicht, wenn sie stattdessen ihn beachten können. Ich könnte auch gar keinen Körper haben, nur ein masseloses Dings sein. Wer zu wenig Lärm macht, könnte auch ganz weg sein. So ist es doch. So ist es zumindest auf unseren Familienfeiern. Erst hat meine Oma nicht mehr viel geredet. Und dann war sie ganz weg. Diese ganzen Familienfeiern, haben alle gesagt, sind doch viel zu anstrengend für sie. Und ihren Kuchen eklig gegessen, habe sie außerdem.

"Also, kannst du jetzt mal aufhören da Löcher in die Luft zu starren und hier mal mit anpacken?"
Paul geht um die Kuh herum, als würde er einen Griff oder Henkel suchen. Paul hat einen unverwüstlichen Glauben daran, dass es für jedes Problem eine praktische Lösung gibt. Oder wenigstens einen Aus-Knopf.
Ich mache zwei Schritte auf die Kuh zu, knie mich neben sie und schaue ihr in die Augen. Es sind große, feucht glänzende Augen. Sie schauen mich an, als hätte dieses Geschöpf den Moment der Verwirrung längst hinter sich gelassen. Die Kuh schaut, als wüsste sie genau, was jetzt kommt. Was jetzt kommt, was in ein paar Minuten passiert, was wir tun werden und was sie danach erwartet. Als wäre ihr längst klar, dass sie gleich stirbt, wie sich das anfühlen wird und was der Tod bringt. Dann rinnt wieder dieses merkwürdig silbrige Geräusch aus ihren Mund. Ein zartes Vibrieren, viel zu leise für einen so großen Körper. Als würde ein Geigenbogen ihre Stimme streichen. Ein Geräusch zum Losheulen.

"So geht's immer weiter", hat Oma am Ende immer gesagt, "und wir ändern doch nichts." Sie hat das wiederholt wie ein Mantra.
So geht es immer weiter und wir ändern doch nichts. So geht es immer weiter und wir ändern doch nichts. So geht es immer weiter und wir ändern doch nichts.

Die Kuh ist zu schwach, um ihren Kopf zu heben. Ich möchte etwas für sie tun. Aber ich weiß nur, was man jetzt für Menschen tun könnte. Den Schweiß von der Stirn tupfen. Das weiß ich. Nach dem Namen fragen, dem Alter, ob das Opfer weiß, wie es heißt, wo es wohnt, wo es gerade hinwollte oder herkommt. Das weiß ich. Diese Sachen. Das alles. Es wird immer so getan, als sei der Mensch so unendlich kompliziert, wunderbar und unergründlich. Und jetzt neben diesem Tier ist der Mensch ein Witz.
Paul packt die Kuh an einem Hinterbein.
"Pack mal mit an", sagt er und zerrt.
Erstaunt reißt die Kuh die Augen auf. Ihre Zunge verdreht sich, als wolle sie in ihrem Mund ein Wort formen. Als wolle sie Stopp sagen. Sie krümmt sich, will aufstehen. Eine hilflose Bewegung. Ihr Körper macht ein Geräusch auf dem Asphalt, als würde sich jemand die Füße abtreten.
Paul packt die Kuh am Hinterbein.
"Stopp", höre ich mich rufen. Ich reiße die Arme hoch. Ich muss aussehen wie jemand, der versucht, einen Zug aufzuhalten.
"Was?"
"Wir dürfen sie nicht bewegen."
"Warum nicht?"
"Sie könnte sich die Wirbelsäule verletzt haben."