Literaturpreise-Hamburg.de

Michael Kellner
Andreas Löhrer
Susanne Höbel
Jo Berlien
Friederike Gräff
Herbert Hindringer
Benjamin Maack
Magdalena Saiger
Judith Sombray

Magdalena Saiger

aus: „Andernorts“ | Roman


MITTWOCH

Es schneit.
Der Schnee setzt den bunten Mützen weiße Mützchen auf, und den überfahrenen Tauben legt sich der Schnee wie eine weiche Decke um. Beobachten lässt sich, dass auf Wolle der Schnee sich länger hält als auf Blut und Federn, zumindest solange das Blut und die Federn noch recht frisch sind und von daher warm.

Die lachende, trubelige Familie ist wieder ausgestiegen nach wenigen Stationen, mit ihren Wagen und Tüten und lauten, fröhlichen Stimmchen, die immer wieder feststellen, dass es schneit, und nur ein Mitlächeln sitzt noch auf dem Gesicht eines alten Mannes, und ein leichtes Kopfschütteln, die Jugend.

[…]

Die Passage wieder.
Es dauert nicht lang.
Erst sind die Gerüstbauer gekommen und haben dem Haus eine Rüstung gebaut, hinter der es sich zum Sterben legen kann.
Dann wird das Gebäude ENTKERNT, vor und zurück setzen die Raupen. Schwerfälliges Brüllen, das jedesmal beinahe verstummt, sobald Anna die Tür wieder schließt, als würde sie den Raupen eine Decke ÜBERS MAUL werfen.
Was man herausgebrochen hat, wird nach Materialien sortiert, zu feineren Bröckeln zerkleinert und weggefahren als Sondermüll.
Zurück bleibt ein ausgeweidetes Skelett, ohne alle Verschalung, mit großen Säcken in den ausgeräumten Räumen. Und der feine, helle Staub, der die Häuser und Gehsteige und Mantelfalten in der Umgegend alle kaum sichtbar belegt.
Ansonsten nur, was TRAGEND ist, Röhren und Balken. Wenn schließlich die Schweißer kommen mit ihren Brillen und Griffeln, prallen tagelang die Goldfunken von den Querstreben ab. Ein paar Tage später verbeißt sich schon die Abbruchzange in eine Metallstrebe und verdreht sie zwischen ihren Kiefern WIE NICHTS und wieder zurück und zieht sie heraus, und das Zertrümmerte rieselt als ein grauer Wasserfall aus Staub zu Boden, dazwischen einzelne dicke Brocken, und stäubt groß wieder nach oben und beruhigt sich lange nicht, und in dem Nebel muss die Zange mit ihrem lächelnden Drachenkopf nur ganz leicht auf die nächste Wand tippen, und die Wand fällt als der gleiche graue Riesel wie die Zwischendecken nach unten, und man kann den Schutt in den großen, bunt lackierten Containern sammeln und entsorgen, keine Sorge, es dauert nicht lang.

Und die Frau sitzt wie immer immer da und hat ihr bleiches Gesicht wie immer, das sieht vor sich hin auf die Straße, auf die es schneit.
Die Frau hält sich nicht gerade.
Die Frau glaubt ja selbst nicht, dass noch einer kommt. Die Frau muss es selbst gemerkt haben, dass ihr Sortiment einfach nicht den HEUTIGEN GESCHMACK trifft: Immerhin kleben jetzt auf manchen Möbeln noch extra Zettel in roter Farbe, auf de­nen steht geschrieben ANGEBOT in Großbuchstaben, als letzter Versuch.
Und die Möbel stehen trübselig herum wie vergoldeter Schrott, den man AUF BIEGEN UND BRECHEN ei­nem andrehen will.

[…]

Wie Anna zum ersten Mal die verdammte Prüfung machen sollte, ist sie damals durchgefallen, weil sie hinter dem Satz GRUNDSÄTZLICH GILT DIE ALLGEMEINE RÜCKSICHTNAHME ihr Kreuz ganz außen bei Nicht zutreffend eingetragen hat. Ach du Schande, SO DARFST DU DOCH NICHT DENKEN, Anna, hat Karl damals gesagt, wie zu einem ungelehrigen Kind, und den Kopf geschüttelt, so darfst du doch nicht den­ken in der Prüfung.

[…]

Wann das angefangen hat – dass man halt still dasitzt beieinander und spürt einen unbestimmten GROLL auf die Hände des Andern, die man viel zu gut kennt und vielleicht nicht mehr recht mögen kann und nicht mehr mag, man ist eben selber inzwischen auch älter und blass und unförmig gewor­den.
Und dass den ganzen Tag lang wieder keiner angerufen hat, wie jeden Tag lang; wenn man ehrlich ist, hat sich der Anrufbeantworter auch nicht gelohnt. NEULICH WAR EINE NACHRICHT DRAUF, das Gerät hat geblinkt, und man konnte noch das Geräusch hören, wenn einer auflegt.
Vielleicht war es eines der Kinder gewesen.
Wahrscheinlich war es ein Kollege, der einen Dienst tauschen wollte.
Es könnte aber eines der Kinder gewesen sein.

[…]

Mitten in dem Zimmer, in dem sie jetzt die Wäsche abstellt, um sie beizeiten einmal zu machen, hängt dicht unter der Decke noch immer das leichte Tanzröckchen, das das Kind nie besaß, und oben auf dem Schrank steht noch immer der leere Käfig des Kanarienvogels. VOGEL hieß der Vogel, und krank war der, schon nach zwei drei Jahren, dabei hieß es, wie sie ihn kauften, die werden MINDESTENS ZEHN.
Der Vogel hat einen ganz kahlen, grindigen Kopf bekommen und sich andauernd den Bauch aufgehackt, und in der Zeit hat Anna immer wieder eins der Kinder erwischt, wie es davor saß UND KEINEN MUCKS GEMACHT hat und sich hat wegbringen lassen ohne Widerrede. Hat laut geschimpft, DAS WILL ICH ABER NICHT MEHR SEHEN VON DIR, verstanden?, und das Kind mit heftigem Griff am Arm angepackt, weil sie selber immer wieder hat so untätig hinsehen müssen und nichts hat aufhalten können von dem kleinen Elend.

[…]

Halbe Gedanken, vielleicht war es ja doch für etwas gut.

Wie DIE ZEITEN eben auch vorbeigegangen sind, in denen man den Kopf in den Nacken legt und gemeinsam ein Flugzeug mit dem Blick verfolgt, wie es langsam über den Himmel rückt, weil man sich dabei mit den Haaren in einem Hemdknopf verfangen kann hinter sich, wie beiläufig, und einen sachten Atem spürt am Hinterkopf.
Und Karl sagte: „Schau, die kommen aus meiner Stadt.“ Und das sollte klingen wie EINE VERHEISSUNG, eine Einladung, die Anna bald angenommen hat, leichtwillig, warum auch nicht, so viel schon gewesen, warum nicht auch dies.
Weil sie doch gerne auch einmal anteilnehmen und anteilhaben wollte, nicht immer DIE GÄSTIN sein, am Rande, DA HAST DU WAS UND JETZT GEH WEITER, das hergelaufene, späte Mädchen, das den Leuten zusieht beim Leben und we­nigstens auf der schattigen Bank im Hof noch einigermaßen gern gesehen ist.

Heut denkt sie, ob es möglicherweise zum Dazugehören dazu gehört, dass es immer nur den Anderen eigen ist.
Und sieht noch manchmal ein Flugzeug aufbrechen am Horizont, wo der Flughafen liegt, und denkt sich nicht viel dabei, es ist alles im Stillen unaufhörlich VERALLTÄGLICHT worden. Eine Zeit, die nicht vorbei ginge, wäre das überhaupt eine richtige Zeit.

Komm, wir singen.
Aber Kind doch nicht hier, sagt die Mutter.