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Michael Kellner
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Michael Kellner

aus: Jack Kerouac und Allen Ginsberg: Ruhm tötet alles. Die Briefe

übersetzt aus dem amerikanischen Englisch


Allen Ginsberg [o. O., New York, New York?] an
Jack Kerouac und Neal Cassady [San Francisco, Kalifornien]
ca. 8. März 1952

Mon Cher Jack, Mon Cher Neal:
Hier läuft alles bestens. Seit meinem letzten Brief bearbeite ich pausenlos die
Schreibmaschine und setze verrückte Gedichte zusammen  – ich habe jetzt
schon 100 beisammen, ich mache Luftsprünge. Hört euch das an: Ich ver-
binde Bruchstücke von »Shroudy Stranger« mit einem kleinen, deskriptiven
Gedicht – bin zu sehr mit den Bruchstücken beschäftigt, um zu dem EPOS zu
kommen, das als Nächstes dran ist.
Was ich nun aber von euch wissen will: Meine Fantasien und Formulierungen
haben sich inzwischen so liebevoll, Jack, mit deinen vermischt, dass ich kaum
noch weiß, was vom wem ist und wer was verwendet hat: so ist rainfall’s hood
and moon zur Hälfte von dir. Ich lege Abschriften von ein paar Gedichten
bei, die von dir zu stammen scheinen, wie die Rhetorik am Ende von »Long
Poem« – ist »very summa and dove« von dir? Ich will nicht feilschen, ich will
nur wissen, ob es in Ordnung ist, wenn ich benutze, was sich so einschleicht.
Habe mit [William Carlos] Williams telefoniert, morgen geh ich runter zur
River Street. Er sagte, er hätte bereits (er hat die ganzen hundert noch gar nicht
gesehen, nur etwa fünf Gedichte) mit Random House gesprochen (ich hatte
an New Directions gedacht), vielleicht kommt das Buch da raus. Ist das nicht
verrückt? Ich bin schier übergeschnappt vor Gegiggel und Arbeit. Apropos,
eines der beiliegenden Gedichte, beginnt »Now mind is clear« hört sich an wie
Synopse von Giggling Ling. Ist das in Ordnung? Ich lege außerdem »After
Gogol« bei. Benutzt du diesen Begriff oder hast du es vor? Kommst du aus
dem Konzept, wenn ich ihn verwende? Scheiß drauf, benutzen wir ihn doch
beide. [John] Hollander meint ich sei so urplötzlich aufgeblüht wie Rilke und
weint jedes Mal, wenn er mich ansieht, vor Staunen. Aber ich kann dir sagen,
auch wenn ich in drei Wochen deprimiert und unzurechnungsfähig und wieder
in der Klapsmühle bin, ich schwör dir, ich hab das ganze Problem mit der
Metrik endlich im Griff, und das hat mich aufgehalten – Versmaß, der Ausbruch
daraus, und sprechen wie wir wirklich sprechen, über Madtown. Ich lag völlig daneben.
Hör dir diese »Gedichte« an: (sollte es je ein Buch geben, dann wird es Scratches in the Ledger heißen; und wird Jack Kerouac, Lucien Carr und Neal Cassady gewidmet sein: »GEWALTIGE AMERIKANISCHE GENIES DENEN ICH METHODE UND WAHRHEIT VERDANKE«)

 

Jack Kerouac [San Francisco, Kalifornien] an
Allen Ginsberg [Paterson, New Jersey]
15. März 1952

Lieber Allen:
Blas, Baby, blas!
Ich hatte keine Ahnung, dass du von selbst begreifen würdest, was für ein großer
Dichter du bist, ohne meine Hilfe, mein ich (indem ich’s dir sage, »Unter-
stützung«, nicht dabei, ein Genie zu sein) (ist ganz und gar deins). Summa and
dove.
Dein Brief wurde doch tatsächlich vom großen tollen Neal gelesen und, obwohl
er gar nichts davon wusste, Carolyn hat ihn unter der Spüle gefunden,
dahin hatten ihn die kleinen Mädchen geworfen; sonst hätte ich ihn vielleicht
nie zu sehen bekommen. (Neal mag dich sehr – nur arbeitet er sechzehn Stun-
den, zwanzig Stunden am Tag in wahnsinnigen Knochenjobs und das nur um
seine Weltangst in den Griff zu kriegen und um auf Carolyns große Heimreise
nach Tennessee zu sparen, auf die sie sich alle fünf in ihrem Kombi machen
wollen – Jamie, Cathy, Jack Allen, Neal, Carolyn – vielleicht fahre ich bis No-
gales mit, um mir einen Vorrat T. [Marihuana] zu besorgen, für meine nächsten
littrarischen Mühungen – aber Neal geht’s so weit gut, abgesehen davon, dass er
nicht schreiben kann, er hat keinen Daumen.*)
Die einzige Formulierung, die ich in On the Road benutzt habe, ist »strange
angel«  – vergiss mal SÄMTLICHE Bedenken von wegen »voneinander
klauen« – ich klau die ganze Zeit von dir, das ist schon okay – alles was da so
reinschleicht, ist nichts als die Wahrheit … wir schleichen unterm Schleier des
Nebels dahin.
[…]

 

* Cassady hatte sich bei einer handgreiflichen Auseinandersetzung mit LouAnn Henderson schwer am Daumen verletzt.