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Michael Kellner
Andreas Löhrer
Susanne Höbel
Jo Berlien
Friederike Gräff
Herbert Hindringer
Benjamin Maack
Magdalena Saiger
Judith Sombray

Andreas Löhrer

aus: Maurizio Maggiani "Himmelmechanik”

übersetzt aus dem Italienischen

Die Santarellina sagt, die Duse wäre zur Brücke gegangen, auch wenn Generalfeldmarschall Kesselring persönlich kontrolliert hätte, was sie tat, und deshalb hat sie sie mit ihrer Sichel begleitet, weil die Duse nie die Gefahr hatte sehen können. Jedenfalls hat mir die Duse nur erzählt, dass sie gegangen ist und dass ihr das Akkordeon an jenem Morgen so schwer wog, als wäre sie wieder ein Kind geworden.
Sie setzten sich auf das Brückengeländer, die Duse das Akkordeon genau auf ihren Schenkeln platziert, die Santarellina den Beutel mit der Sichel auf dem Schoß; keine von beiden war groß genug, um die Füße auf den Boden zu stellen, und sie ließen sie baumeln und leicht an den Stein des Geländers prallen. Das war ihre Gewohnheit, das taten sie immer, wenn sie sich auf die Brücke setzten, um die Leute vorbeigehen zu sehen: Sie ließen ihre Füße baumeln, weil sie glaubten, sie würden so eine Haltung verschlagener junger Frauen annehmen. Wegen der Kälte hatte sich die Duse Wollstrümpfe angezogen, die sie an den Waden kratzten, und außer dass sie die Füße baumeln ließ, rieb sie sich auch noch an den Beinen, um das Jucken etwas zu beruhigen. Auf die Platanen des Wirtshauses hatten sich Stare gesetzt und zirpten wie Liebeszikaden. Und doch schien es, als herrschte Stille, denn, so sagt die Santarellina, wenn die Kanone aufhört, ist jedes Geräusch Stille.
In dieser Stille, als wären sie im Zirpen der Stare herangewachsen, hörten sie die Motoren der Amerikaner. Und soweit man das sagen konnte, waren sie nicht mehr im Leerlauf. Und im Nu bogen sie in die Kurven von Campo ein. Die Duse erzählte mir, dass sie wegen des Juckens der Wollstrümpfe keine Gelegenheit gehabt hatte, genau darüber nachzudenken, was sie mit ihrem Akkordeon tun sollte. Sie hatte es mitgenommen, weil sie wusste, dass sie es spielen würde, aber erst als hinter der letzten Kurve der Staub aufwirbelte, wurde ihr klar, dass sie noch nicht wusste, was sie spielen sollte. Und da dachte sie an etwas Fremdes, denn alles, was sie in Kürze zu sehen erwartete, war fremd, so fremd, dass die Deutschen im Vergleich dazu
geradezu Nachbarn waren. Die Amerikaner kamen. Und sie kannte kein einziges amerikanisches Lied und hatte auch noch keines gehört. Die Waden juckten sie so sehr, dass sie am liebsten nach Hause zurückgerannt wäre und sie gebadet hätte. Sie versuchte, die Finger auf die Tasten zu legen, doch sie spürte die Fingernägel, die am Elfenbein kratzten. Und während sie kratzten, kam ihr ein Tango in den Sinn. Ein Tango, der nicht im Wirtshaus und auch nicht auf dem Dorfplatz getanzt wurde, ein Tango, den sie von ihrem Vater gelernt hatte, der sie viele Abende lang bestürmt hatte, damit sie die Worte richtig auszusprechen lernte. Das Fremdeste, was sie je gespielt hatte.

Ay limón limonero
Limonero de mi corazón.

Und sie steckte ihre Haare zusammen, die ihr auf die Hände fielen, richtete ihren jungen Rücken auf, bis sie die gut angespannten Muskeln spürte, öffnete ihre Arme im weitesten Bogen, den sie vollführen konnte, nahm alle Luft in den Balg, die sie von der Brücke holen konnte, und schlug den hohen, durchdringenden Akkord an, der der voranrückenden Armee den Schmerz eines verliebten Mädchens auslieferte, das zu Füßen eines blühenden Zitronenbaums um Mitleid flehte.
Und sie sang und spielte. Und im Eifer dieses Tangos wimmerte und schwor sie, dass die Welt nie etwas so sehr ersehnt hatte, wie dieses Mädchen die Liebe ihres mocito ersehnte, ihre langen ungebändigten Haare fielen ihr zerzaust ins Gesicht und in die Falten des Balgs. Und sie sang und spielte. Und mit dem Eifer dieses Tangos überhäufte sie die Stare auf den Platanen und die gesamte alliierte Armee.
Als sie am Ende der ersten Strophe Luft holte, versuchte sie die Augen zu öffnen und bevor sie etwas sah, roch sie etwas. Sie roch süße Benzindüfte und Tabakrauch. Und dann sah sie meinen Vater. Es war alles etwas konfus und sie wollte mit der zweiten Strophe weitermachen, in der das Mädchen zu dem Zitronenbaum singt, so wie man zu einer Rose singt, vom Kummer, sich verlassen zu fühlen.
Um sie herum waren keine Lastwagen und Panzer, die waren ein wenig zurück und ihre Motoren hörte man kaum bei ihrer Musik; zwei Schritte vor ihr standen angewurzelt Soldaten und hörten ihrem Tango zu. Etwas weiter vorn als die anderen mein Vater. Er war ein großer junger Mann mit Locken und dem Gesicht in einer Farbe, wie sie die Bauern am Ende der Heuernte haben. Er hatte ein Tuch um den Hals in einer Farbe, die zu Frauen passt, fast rosa, und eine Zigarette hing ihm zwischen den Lippen. Und in seinen Händen hatte er ein riesiges Gewehr, dessen Lauf auf den Boden gerichtet war. Sie schloss die Augen und fing wieder an zu singen und zu spielen. Und nach der Hälfte der Strophe roch sie den Tabakduft noch stärker, der sie an der Nase kitzelte und sie ärgerte; also hob sie die Augen und sah diesen jungen Mann an, der ihr in die Haare qualmte.
Mein Vater sah sie an und lächelte auf lustige Weise, und seine Zigarette schaukelte hin und her, während er mit einer Hand in seiner Jackentasche wühlte. Er holte eine Schachtel heraus und begann sie zu schütteln. Er hatte ein gutes Rhythmusgefühl, hat mir die Duse erzählt: Er spielte seine Streichholzschachtel präzise und geschmeidig, als wären es ein paar Maracas. Und damals wusste die Duse noch nicht, was Maracas sind. Er begleitete ihren Tango des Limonero bis zum Ende, dann verbeugte er sich vor ihr, während seine Kameraden applaudierten und sich Feldflaschen mit Wasser weiterreichten, mit dem sie sich bespritzten wie bei einem Kinderfest. Die Santarellina kannte dieses Lied nicht und sang es daher nicht mit der Duse mit. Sie hätte es sowieso nicht getan, sagt sie, und sie sagt auch, sie habe die ganze Zeit eine Hand auf ihrem Beutel gehabt und den Griff ihrer Sichel umklammert. Aber dieser junge Mann war schön, das sagt auch sie.