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Inka Marter

aus: Norah Lange: 45 Tage und 30 Matrosen | Düsseldorf: Lilienfeld Verlag, geplant für 2013.

übersetzt aus dem Spanischen

Um neun Uhr morgens erklingt ein zäher Gong, der riesenhafte, schielende Steward erscheint, um sie in den Speisesaal zu führen, und teilt ihr mit, daß der Kapitän den Platz zu seiner Rechten für sie reserviert hat.
Sie geht hinunter und räkelt einen halb norwegischen, halb englischen Gruß heraus. Im Speisesaal warten der Kapitän, die beiden ersten Offiziere, ein Ingenieur und ein Passagier, der wie sie allein reist. Der Kapitän stellt ihr alle vor, doch ihr Erinnerungsvermögen zeigt sich vollkommen resistent gegenüber sämtlichen Ruf- und Familiennamen.
Sie setzen sich. Das Frühstück versöhnt sie mit dem Leben an Bord. Tee, Heringe, Toast, Leberpastete, Eier mit Schinken, Omelette usw. Der Kapitän führt sie in das komplizierte Spiel der norwegischen Ernährung ein: ein Spiel, das später zu einer festen, nur schmerzlich wieder aufgegebenen Gewohnheit wird.
Die letzte Mahlzeit, eine Art Wiederholung des Frühstücks, wird um sechs Uhr abends serviert. Dann Abstinenz bis zum nächsten Tag (abgesehen vom zusätzlichen gelegentlichen Whisky oder Aquavit; dieser Hinweis mit einem Augenzwinkern von Seiten des Stewards). Das Mittagessen wird um Punkt zwölf serviert.
Noch spricht sie nicht mehr als das Nötigste. Die vom vielen Weinen schweren Lider verschleiern ihre Augen und verleihen ihr eine unnötige, umständliche Bescheidenheit. Mit zwei oder drei flüchtigen Blicken auf ihre Tischgenossen verschafft sie sich eine generelle Vorstellung der fünf Männer, die sie jeden Tag zu den Zeiten der Nahrungsaufnahme umgeben werden.
Der Kapitän, am Vortag bereits flüchtig gemustert und ihrer Netzhaut schon nicht mehr vollkommen unbekannt, hat den üblichen Umriss norwegischer Männer Mitte Vierzig. Nur über den blauen Augen trägt er als entschiedenes Unterscheidungsmerkmal Brauen, die den kleinen pastellfarbenen Staubwedeln ähneln, mit denen alte Jungfern Klaviere und Deckelvasen von Staub befreien.
Die anderen motivieren sie nicht gerade zu tiefschürfenden Überlegungen über männliche Schönheit, keiner bietet ein im Gedächtnis bleibendes Äußeres. Solange sie in ihren Uniformen stecken, vermitteln sie den Eindruck am rechten Platz zu sein; in Zivil wissen sie nicht, was sie mit Armen und Beinen anstellen sollen, wie sie noch bemerken wird. Trotzdem, die Augen sehen sie gütig und voller Wohlwollen an. Sie spürt, dass alle ihr ein wenig erwartungsvoll begegnen, und wartet selbst mit Ungeduld darauf, daß das Frühstück vorüber geht, da sie ihnen dieses momentane, ihrer klar ausgeprägten Persönlichkeit kaum schmeichelnde Schauspiel nicht länger zumuten will. Sie haben besseres verdient. Sobald der Kapitän das Gefühl hat, daß keiner der Tischgenossen seinen Vorlieben noch einmal nachgeben wird, steht er auf, sagt „tak for maten“ (Danke für das Essen), das alle – sotto voce – wiederholen und verschwindet in Richtung Deck, während der Steward verschmitzt mit tieftönender Stimme antwortet: „velbekomme“ (keine Ursache).

Aber das Wasser ... das Wasser ... ! Hellsichtige, alltägliche, großartige Wirklichkeit des Wassers. Das erste Mal den Wellengang spüren, das erste Mal plötzlich und wie eine Heldin den Horizont aus Wasser wahrnehmen; das tiefe, zähflüssige, bewegte, ängstliche, ohnmächtige Wasser. Das Wasser ... das Wasser ...
Das Meer absorbiert während dieser ersten beiden Tage ihren Blick. Das Meer, das ihr bis zu den Büchern, den Augen, den Worten steigt. Der Wind zerzaust ihr Haar und presst ihr den Rock an die darunter gut sichtbaren Beine. Sie legt sich auf die Frachtraumluken in die Sonne, und die einschläfernde Hitze schickt sie in unwirkliche Träume, in denen sie immer allein ist.
Die Augen der Männer entkleiden sie im Vorübergehen von Sonne und Wind, und jeder von ihnen nimmt sie in einen Traum geteilten Alleinseins mit.
Obwohl sie vom ersten Augenblick an das schwerfällige Gespräch der anderen sucht, fühlt sie, daß das Meer sie in ihrem Inneren zurückhält, in dem Teil von ihr, der die anderen nicht interessieren kann.
In den langen Nächten steht ihre Silhouette an eine kalte Stange gelehnt, und sie beobachtet das Auf und Ab des Wassers, den verzweifelten Schaum, der gegen den Bug schlägt und ihn überfluten will, die der Bewegung müden Sterne und den schmalen glatten Pfad, den das Log ins Wasser zeichnet, während es die Ziffern zurückgelegter Weiten einholt.
Der Mond streut den Schatten ihrer schmalen Gestalt über das Deck, auf dem die Offiziere umherschlendern und unbedacht reden: Die schweigsame Ernsthaftigkeit ihrer Gestalt, bedeutet sie eher Verbot oder eher Abwehr?
An diesen beiden Tagen also, auf und ab, von Backbord nach Steuerbord, betrachtet sie auf den Bug geklettert träge das Wasser und läßt in der gelassenen Dunkelheit des Hecks die Gewißheit ihrer gerade erlangten Schönheit ausruhen.