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Joachim Bartholomae
Zuzanna Musialcyk und Ferdinand Leopold
Friederike Meltendorf
Stefan Beuse
Kristine Bilkau
Ursula Menzer
Akin E. Sipal
Tobias Sommer
Silke Stamm

Kristine Bilkau

aus: Die Glücklichen | Roman

Eigentlich glaubt sie nicht an Glücksbringer, alte Pfennige, geerbte Schmuckstücke, Dinge, Zeichen, Rituale, die können nichts bewirken. Vorsichtig reißt sie einen Zettel in zwei Streifen. Meine Hände werden nicht zittern. Mit geschwungener Schrift notiert sie den Satz. Und nochmal, auf das zweite Stück Papier. Meine Hände. Das M und das H zieht sie größer als die anderen Buchstaben. Werden nicht zittern. Der Bleistift erzeugt ein Wispern. Kurz vor halb sieben, in einer Viertelstunde muss sie los. Die gefalteten Zettel stopft sie in die Taschen ihrer Jeans, einen in die linke, einen in die rechte. Draußen ist es dunkel, der Abendverkehr schiebt sich langsam durch die Straße. Die Lichter der Autos schimmern hinter der Plastikschicht. Seit Wochen verschwimmt die Außenwelt jenseits der Plane und des Baugerüsts. Ein vorübergehender Zustand. Bei weitem nicht so schlimm, wie die Nachbarn finden, die im Treppenhaus nörgeln, wie lange denn noch. Die milchige Hülle macht die Wohnung zu einem verborgenen Raum, verbreitet ein Höhlengefühl, sie filtert das Tageslicht und entlässt es sanft in die Zimmer.
Noch einen Augenblick am Fenster bleiben. Sie stellt sich den Ahornbaum hinter dem Baugerüst vor. Die feinen Anzeichen des Jahreswechsels bemerkt sie an ihm zuerst. Wenn sich an den Zweigen Knospen bilden und Tage später hellgrüne Spitzen. Wenn sich die Blätter rot und gelb färben und nach zwei, drei stürmischen Nächten die Äste kahl sind. Und sie Georg mitteilen kann: Wir haben Frühling. Bald ist Winter. Während sie die Plane betrachtet, sieht sie den Baum vor sich. Das handtellergroße, gezackte Ahornblatt löst sich wie zufällig von seinem Zweig, fällt langsam kreiselnd, vom Wind getragen. Sie hat ihre Straße vor dem Auge. Die Altbaufassaden in Hellblau, Lindgrün und aufreizendem Himbeerrot mit weißen Ornamenten, nach und nach herausgesputzt während der letzten Jahre. Dazwischen, wie kümmerliche Provisorien, Häuser aus stadtschmutzigem Gelbklinker. Die Hutmacherei und der Feinkostladen mit Bistro gegenüber. Daneben der kleine Laden, in dem es überteuerte, schöne Dinge gibt; Rosenseife aus Portugal oder Strickpullis einer südfranzösischen Manufaktur. Die hohen Fenster des Yogastudios im ersten Stock. Darin am späten Nachmittag die Umrisse der Körper, ihre synchronen Bewegungen im warmen Licht. Die Äste der hochgewachsenen Bäume über den bunten Dächern der parkenden Autos. Alles Teil ihres Daheims.
Auf dem Weg in die Küche schiebt sie die Zettel tiefer in die Taschen, fest stecken sie unter dem engen Jeansstoff.
Georg sitzt am Tisch und füttert Matti. Zwischendurch beißt er von seinem eigenen Brot ab. Auf einem bunten Teller hat er Apfelscheiben und Gurkenwürfel arrangiert, dazu ein paar Häppchen Toast mit Butter. Manchmal muss man mit Tricks Mattis Aufmerksamkeit suchen, damit er das Essen nicht vergisst. Wenn er mit seinem Löffel spielt, in der Küche umherschaut, fordernd seinen speichelnassen Zeigefinger auf die Lampe, auf eine Banane, auf eine Flasche richtet, weil er das Wort dazu hören will. Dann sitzen sie neben ihm, jeder an einer Seite, und machen aus einer Mahlzeit ein Spiel. Ein Löffel Grießbrei brummt wie ein Flugzeug und fliegt zum offenen Mund des Kindes. Ein Stückchen Gurke kreist wie eine Hummel durch die Luft. Ein komisches Bild, das sie dabei abgeben. Zwei Erwachsene, die Theater spielen und sich über ihr sattes Kind freuen wie über ein Geschenk.
Auf dem Herd zischt die Espressokanne, Georg hat wieder Milch dazu aufgesetzt.
„Da ist Kaffee“, sagt er und blättert durch eine Zeitschrift auf seinem Schoß. „Ich bin heut gar nicht müde“, antwortet sie, stellt den Herd aus und kann ein Gähnen nicht unterdrücken. Georg blickt auf. Sie hält sich die Hand vor den Mund und muss lachen. „Ich brauch’ keinen Kaffee, bin konzentriert genug.“ Die Milch gießt sie in einen Becher und rührt Honig hinein. Koffein kann Hände zittern lassen, warme Milch beruhigt die Nerven. Konzentriert hat sie gesagt, obwohl sie angespannt meint. Aber sie will jetzt keine Fürsorge von Georg, und auch nicht darüber reden, über die Hände und die Zettel. Sie muss erst in den alten Rhythmus finden. Seit es Matti gibt, fallen ihr abends um neun die Augen zu. Jetzt soll sie um diese Zeit in Höchstform sein, nach der Vorstellung geht es für manche noch weiter, in die Clubs und Jazzkeller. Sie aber wird nach Hause eilen, schnell ins Bett. Sie wird versuchen einzuschlafen und wissen, dass Matti sie bald wecken wird. Er schläft selten mehr als drei Stunden am Stück. Erschöpft und wach wird sie auf Geräusche aus dem Kinderzimmer warten, die Leuchtziffern des Weckers sehen und an den kommenden Tag denken, den nächsten Abend. Sie sehnt sich nach den letzten Wochen der Schwangerschaft. Nach der Langsamkeit und der Ruhe. Als sie zu Hause Musik machte, ohne Dirigent, ohne Kollegen, ohne Publikum. Sie spielte für einen unsichtbaren Menschen. Ihre Musik und die Gegenwart des Kindes, das sich unter ihrer Bauchdecke regte. Allein zu sein und doch zu wissen: Jemand hört mich.
Sie drückt ihre Wange an Mattis, atmet seinen Geruch, buttrige Haut und Apfelsäure. Dann gibt sie Georg einen Kuss. Im Flur schultert sie den Cellokasten. „Hab’ einen grandiosen Abend.“ Georg hat keine Ahnung, wie sehr sie sich fürchtet vor dem Abend. Im Treppenhaus hört sie von der Straße her Musik, Flöten, etwas schrill, Pauken und Blechbläser. Im Schritttempo fährt ein Streifenwagen vorweg, dahinter geht der kleine Spielmannszug, Schüler mit roten Wangen, ihre Hände in fingerlosen Handschuhen, das spielende Grüppchen gefolgt von Müttern, Vätern und Kindern, die Laternen vor sich her tragen. Sie bleibt stehen und schaut zu, wie der Umzug durch die Straße zieht. Laternelaufen, sie hatte vergessen, dass es zum Herbst gehört. Eine Frau mit Pudelmütze schiebt ihr Kind in der Karre vorbei, in seiner Faust hält es einen Holzstab, an dem nur ein Lämpchen mit etwas Draht befestigt ist. Die Mutter bewegt die Lippen zum Lied. Isabell würde sich gern Matti mit dem Tragetuch vor den Bauch binden und eine Weile dabei sein, in der Menge verschwinden, mit den anderen singen.

(…)