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Joachim Bartholomae
Zuzanna Musialcyk und Ferdinand Leopold
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Ursula Menzer
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Ursula Menzer

aus: "Die Stunde der Aurora (Arbeitstitel) | Roman


1 (Januar)
Das Zimmer ist die Aussicht.
Das Fenster öffnet den Blick Richtung Osten, Nordosten: das Fenster eines früh aufstehenden Menschen, der, wünscht er es - halsreckend, rückenstreckend oder den Schreibtischstuhl ein wenig zur Seite fahrend - den Sonnenaufgang registrieren, betrachten, genießen kann. Ein Zimmer für den Tagesanbruch, ein Fenster in den Morgen; orientalische Orientierung. Im Winter ist es nicht nötig, besonders früh aufzuwachen, aufzustehen und sich erwartungsvoll für den Sonnenaufgang am Fenster einzufinden, denn Anfang Januar geht die Sonne erst kurz nach halb 9 Uhr auf; am spätesten im Jahr. Doch dem Mirakel des tagtäglichen Sonnenaufgangs geht an vielen Tagen ein längeres, mindestens ebenso mirakulöses Präludium voraus. Es ereignet sich zwischen Nacht und Tag, in der Zeit der schattenlos-demeterdüsteren Helligkeit, in der Zeit, in der sich die Sonne gleichsam ankündigen läßt, indem ihre vorauseilenden Strahlen die bevorstehende Erscheinung anzeigen und Horizont und Himmel zuweilen prachtvoll erglühen lassen. Das ist die Zeit der Morgenröte, die Stunde der Aurora. Das Fenster öffnet den Blick auf ein Dickicht von hohem Baumgeäst, durch das unten, durch Zweige und Stämme hindurch, das gewundene Band eines Wasserlaufs schimmert, auf dessen anderer Seite eine Deichböschung ansteigt, hinter der sich eine Landschaft aus Wiesen, Äckern, Gebüsch und Baumgruppen ausdehnt; ein ehemals dem in seinem Urstromtal mäandernden Strom abgerungenes Gebiet. Damals Natur, heute Landschaft; Marsch: feuchtes Land am Wasser. Die alte Windmühle von Reitbrook, südöstlich, ist nicht zu sehen, höchstens unter äußerst halsreckenden Umständen oder aus dem Fenster lehnend; anstrengungslos jedoch aus dem runden Giebelfenster darüber, ein Stockwerk höher oder aus den schrägen Süddachfenstern; nachts ist sie angestrahlt und ragt bizarr wie ein Hirngespinst aus dem Dunkel. Parallel zu dem gewundenen Band des Flusses verläuft das ebenfalls gewundene Band der erhöhten Deichstraße, die an der wasserabgewandten Nordseite des Hauses vorbeiführt. Zwischen den beiden Bändern erstreckt sich ein schmales, in der Tiefe sich verbreiterndes, verwildertes Gartengrundstück; ein Hain, ein kleines, lichtes Wäldchen, dessen Bäume auf der einen Seite den Fluß säumen, auf der anderen Seite an die Allee der Deichstraße heranreichen.
Der Fluß, der Wasserlauf, ist im eigentlichen Sinne kein Fluß, sondern ein früherer Ablauf, ein künstlich abgetrennter Altarm der Elbe, der gleichsam in einer schwach geballten Faust endet; der vor sechshundert Jahren durch einen Damm vom nach Süden abgedrängten Hauptstrom der Unterelbe abgeschnitten und somit taub wurde, was niederdeutsch fügsam den Namen Dove-Elbe, tauber Fluß ergibt.
Elbe ist die zum Namen gewordene Bedeutung für Fluß, wie viele Flüsse namentlich Fluß oder Flüssiges oder Fließendes oder Rinnendes heißen in derjenigen Sprache, in deren Gebiet sie entspringen oder deren Gebiet sie durchlaufen: niederdeutsch Elbe; slawisch Labe; keltisch oder niederhochdeutsch Rhein; kiswahili Kongo; sanskrit Indus. Ist die Bezeichnung Fluß als Name für das vermeintlich einzige Exemplar vergeben und wird dann mehr an Fluß und Wasser entdeckt, kommen zur weiteren Unterscheidung Farben oder Eigenschaften der Quantität oder spezielle Modalitäten hinzu: Weiße Elbe oder Weiße Labe; Weißer und Blauer Nil, Gelber Strom, Roter Fluß; Breiter Fluß, Langer Fluß, Rauschender Fluß, Lärmendes Wasser. Was für eine erstaunliche Entwicklungs- und Fließfähigkeit der Sprache vom ganzhaften Allgemeinen zum verzweigten Einzelnen, Individuellen, Differentiellen; sprachlich sprudelnder Quellcode bis zum Bewußtseins- Strom, der auch Erinnerungen an Gelerntes, einst Gelesenes, solide Mentalsendimente mit sich führt und - falls diese nicht ausreichen - recherchierend schnorchelnd ins ubiquitär rieselnde Flachwasser Internet eintaucht. ...

12 (Dezember)
Fenster auf. Der Monat beginnt mit einem Gipfel an grauer Indifferenz. Nicht einmal ein winziger Gegenakkord in Rosenrosa oder Hibiskus oder Malve oder Hyazinthe oder Herbstzeitlose. Graublauer, feuchter Dunst. Fenster zu. Keine Spur von Morgenröte.
Fenster auf. Kalte Luft. Alles mit Rauhreif überzogen, von dichtem Nebel umhüllt. Unbewegliche, schwarze Baumsilhouetten, dahinter Nichts. Fenster zu. Etwas tiefer im Nichts leuchten Straßenlaternen, aus dem Nichts dringen Scheinwerfer. Sonst nichts. Der rauchgraue Nebel hellt auf, wird diesig weiß. Unter den Eiskristallen des Rauhreifüberzugs leuchten die Grasbüschel grellgrün. Keine Spur von Morgenröte. Später die Sonne; kaltdiffuse Helligkeit wie hinter einer Milchglasscheibe. In den Bäumen auf den Schneewiesen jenseits des Flusses scheinen sich die Vögel, die seit Tagen im Laufe des frühen Morgens in großen Schwärmen von West nach Ost über das Haus fliegen, zu einem Zwischenstopp niedergelassen und versammelt zu haben. Fenster auf. Kein einziger Vogel ist zu sehen in der griesig-grauen Dämmerung, doch die Luft ist erfüllt von einem vibrierenden Klang, von einem schwebenden Ton, der überlagert ist von einem unentwegt melodisch singenden, von einem hellen Piepsen und kontrapunktisch einfallenden Krächzen. Eiskalte Luft, Schneeluft, die ins Zimmer fällt und fällt und fällt, die Füße urplötzlich beschwert in eine Kältezange nimmt und schreckliche Ahnung hervoruft für das Empfinden, das weiter und weiter ansteigen, den Körper höchst schmerzhaft besänftigen und allmählich überwältigen wird. Piepsen und Krächzen; Schwingen des Lebendigen. Wie entsteht dieses Summen, dieses Rauschen? Schwirrendes Atmen, Flattern, Flügelschlagen; Gefieder weiten und schmiegen, Köpfe wenden, Hälse drehen, Schnäbel öffnen und schließen sich, enthauchen Laut, entkehlen Geschrei. Was spielt sich da draußen ab? Dann fliegt Schwarm für Schwarm weiter; einzelne Vögel, schwarze Vögel, lösen sich aus dem schwarzen Geäst der Bäume, weitere folgen ihnen, bilden ein dunkles Geschwader, verbinden sich mit Geschwadern, die aus anderen Bäumen aufsteigen. Über dem Haus ein chorisches Piepsen; ein Ziehen; ein Weiter- und Hinweg- und Vondannenziehen, irgendwann ein versiegendes, immer leiser werdendes Nachschwingen. Zuende, vorbei die Aubade. Vorbei der Schwarm, das Schwärmen. Gegen Abend werden sie aus dem Osten zurückkommen; wieder eine große schwarze Wolke über der weißen Landschaft; eine schwarze Wolke gestopft voller serenaden Geflügelgesangs. Fenster zu.
Grau in Grau. Dunkelgrau, hellgrau, lichtgrau. Dahinter: Erwartung einer kleinen Röte, eines Hauchs von Rosa, einer Andeutung, eines Anflugs, eines Wischs. Doch nichts.
Auch der letzte Tag ist ein Tag. Der letzte Tag ist ein besonderer Tag. Wie wird er sein? Noch einmal Schnee von den Autofenstern schieben. Vogelfutter kaufen, vermeintlich ambrosiafreies; die Futterkolben auffüllen; Hühnerfutter für die Fasane; ein paar Stücke Fleisch mit fester Schwarte zum Festbinden auf dem Dach des Gartenhäuschens für die Bussarde. Und die Autofenster mit Frostschutzmittel einreiben, damit sie fürs erste nicht vereisen und Benutzung vortäuschen. Und vielleicht Seneca lesen und im Laufe des Abends gegen Mitternacht für den Gedanken „Dieser Tag, vor dem du, als sei er der letzte, Grauen empfindest, ist der Geburtstag eines ewigen Lebens.“1 versuchen, eine andere Übersetzung zu finden; besser als Bleigießen, weil es ohnehin keiner Zukunftsdeutung mehr bedarf, aber ein guter Satz der Gegenwart genügt.
Keine Spur von Morgenröte. Kein sichtbarer Sonnenaufgang.
Morgen, am ersten Tag des neuen Jahres, wird es eine Lichtumkehr geben, eine Wende zur Helligkeit. Morgen wird der Sonnenaufgang - sichtbar oder auch nicht - eine Minute früher einsetzen; dem entsprechend auch die Morgenröte eine Stunde zuvor. Aber morgen - morgen - wird ein anderes Jahr sein. Fenster zu.

ENDE