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Tobias Sommer
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Tobias Sommer

aus: „Kurze Tage“ | Roman


Ich habe mich verloren in der Vorstellung, wo der Ort sein könnte. Die Angaben in den Zeitungsartikeln und in den Polizeiberichten decken sich nicht mit den Aussagen der Hinterbliebenen. Einige behaupten, der Ort liege südlich der Grenze, außerhalb der Sichtweite der Wachposten, andere vermuten ihn in Richtung Norden, in der Nähe der Flussbiegung. Viele sind überzeugt, er müsse im Zentrum des Waldes liegen, von den nächsten Siedlungen am weitesten entfernt. Ich befinde mich im Zentrum und mir bleiben wenige Stunden Tageslicht, wenige Stunden für zwanzig brauchbare Fotos, Bilder von einem Ort, an dem unzählige Menschen ihr freiwilliges Ende fanden.
‚Der Freitod ist verwirrend wie die Krone einer hundert Jahre alten Eiche.‘ Ich habe mir diesen Satz, den ich vor Jahren kurz vor Redaktionsschluss schrieb, und der vermutlich nie unter einer meiner Kriegsfotografien veröffentlicht wurde, gemerkt, als ahnte ich, eines Tages würde ich in einem dichten Wald die Wurzeln dieses Baumes suchen.
Ich sehe Wurzeln, die vom Untergrund durch den Waldboden über meine Knöchel und bis zum Himmel ragen. Ich nehme auf einem besonders alten Baumstumpf Platz und atme durch.
Ich wollte diesen Job nicht. Warum sollte ich mich für ein Gebiet interessieren, in dem sich lebensmüde Verlierer treffen? Das interessiert niemanden, außer meinen Redaktionsleiter, und der kennt mich und meinen Ehrgeiz. Denke an deine Kollegen, die sich an dieser Story die Zähne ausgebissen haben, war die Begründung, die er ausspielte, um mich für diesen undankbaren Job zu gewinnen, von Meier hat man seitdem nie wieder etwas gelesen, und Stachmann wurde für verrückt erklärt, aber dir glauben die Leute.
Was sollen die Leute glauben, fragte ich mich. Die Fotos, die ich schießen soll und die später an die Tagespresse und an Hochglanzmagazine verkauft werden, können keine Erklärung bringen, auf ihnen wird niemand erkennen, warum dieser Ort seit Jahrhunderten Selbstmörder anzieht. Aber die Leute werden auf den Bildern nach Hinweisen suchen, als müsse man nur lang genug schauen, um die Antwort zu entdecken, sie werden etwa in einer rötlichen Flüssigkeit auf einer Baumrinde, in der Bewegung erstarrt, oder in dunklen Lücken zwischen den Bäumen, bedrohlich wie Schießscharten, einen möglichen Tatort erahnen. Ich gebe mir drei Tage, höchstens, auch wenn ich überzeugt bin, der Redaktionsleiter wird die Fotos – wenn ich den Ort denn finde – nicht umgehend in den Druck geben, er wird auf den richtigen Zeitpunkt warten: Der letzte Suizid in dieser Gegend liegt über ein Jahr zurück.

Es ist still hier im Unterholz, zwei Stunden vom Gästehaus entfernt. Aber es kann nicht still sein, es ist nie still. Wenn ich meinen Atem anhalte, höre ich die Geräusche des Waldes. Ich stochere mit einem Ast im Laubmoos und zähle die Bilder, die ich an diesem Tag gemacht habe. Ich bin Auftragsfotograf. Ich richte den Fokus systematisch auf mein Zielobjekt, fixiere es und versuche, alles zu überblicken und mir die Ecken, die ich nicht einsehen kann, vorzustellen, mir den Raum anzueignen, egal ob er winzig wie der Zahlencode einer Bombe auf der Unterseite einer Jagdmaschine oder unüberschaubar wie ein Truppenübungsplatz ist. Meine Fotos an diesem Tag zeigen die vier Eckpunkte meiner Karte, zwischen denen der Ort liegen muss. Ich fotografierte den festgetretenen Kieselboden und einen der hölzernen Wegweiser, auf denen eingebrannte Fußabdrücke, hintereinandergesetzt wie Tanzschritte, den Wanderweg markieren. Ein zweites Bild zeigt die Fichtenreihen, die den westlichen Teil des Waldstückes begrenzen, und durch deren schmale Zwischenräume die Felder, die kilometerweit bis zum nächsten Hof reichen. Zum Dritten sicherte ich mit der Kamera den Blick auf die Grenztürme, den Drahtzaun und auf entfernte Heuballen, gestapelt zu mannshohen Vogelscheuchen. Dann, auf einer Anhöhe stehend, entdeckte ich den vierten Punkt, ein mit Schilfgrün befleckter Bootssteg, der zwei Meter über einer klaren, seidenglatten Wasseroberfläche ragt – nicht vorstellbar, ein Land weiter wird aus diesem Fluss ein Strom, der in ein Meer mündet, das Kontinente verbindet. Ich hielt den Fokus lange auf diesen vierten Ausschnitt, drückte, für mich ungewöhnlich, zwanzig oder dreißig Mal den Auslöser und stellte mir vor, jemand käme mit ausgestreckten Armen aus dem Wald über die freie Fläche auf den Steg gelaufen, um kopfüber ins Wasser zu springen. Ich kann mir diese Person, ob männlich oder weiblich, ob sportlich oder übergewichtig, nur mit ausgestreckten Armen vorstellen, als bräuchten die Figuren in meinem Kopf Tragflächen, um abzuheben. Ein Darsteller würde meinen Bildern heute guttun, oder ein zweideutiges Detail, das die Fantasie anregt, aber ich will meine Bilder nicht manipulieren, kein absichtlich platt getretener Grasboden, kein Seil, das von einem Ast hängt, keine Statisten, die ins Bild laufen, ich werde keine Holzkreuze und keine Blumenkränze platzieren, wobei ich diese, genau überlegt, in diesem Wald finden müsste. Aber ich sehe keine Totenaltäre, keine Fotos und keine Spruchbänder, die Trauer ist unsichtbar. Vielleicht wurden Waldarbeiter beauftragt, diese Zeichen zu beseitigen, damit der Ort nicht gefunden wird, nicht von Nachahmern und nicht von Schaulustigen. Wie weit bin ich von dem Ort, den ich suche, entfernt? Ich kann den Wald an einem Tag durchqueren, ihn aber nicht restlos erkunden, das Gebiet ist groß wie ein Fünftausend-Seelen-Dorf. Meine räumliche Vorstellungskraft ist durch meine Arbeit ausgeprägt, aber mir fällt es schwer, Entfernungen in dieser Größenordnung einzuschätzen.

Nachdem mich der Reiz für dieses Vorhaben gepackt hatte, las ich als Vorbereitung Texte über Selbstmorde und deren Erklärungsversuche, immer wieder wurde von der ‚Dunkelheit im Alltag der Selbstmörder’ gesprochen. Lachhaft, mein halbes Leben verbringe ich im Dunkeln, und es tut mir gut, meine Dunkelkammer ist der perfekte Erholungsort. Ein Philosoph schrieb im 17. Jahrhundert: ‚Das Glück der Menschen ist die Unwissenheit über den Weg dorthin.’ Wüssten wir also, wie wir unser Glück fänden, wäre dieses Wissen zugleich unser Unglück? Die Unglücklichsten der Unglücklichen treffen sich an dem Punkt, den ich auf meiner Karte eingekreist habe. Es gibt absonderliche Theorien über diesen Ort. War es im Mittelalter ein Sammelplatz für Hexenbräuche oder bietet der Wald den Nährboden für eine Pilzart, die, in Pfeifentabak geraucht, berauscht und tötet, oder liegt hier die Brutstelle einer seltenen Käferart, die giftige Duftstoffe absondert? Kein Versuch, das Rätsel zu lösen, gelang.
Kein Ort ist ohne Spuren, mache ich mir Mut, unter dem Moos konservierte Futterreste oder im Buschwerk die Zeichen eines Kampfes, von Tieren oder von Menschen, im Untergrund Fährten, die als Wanderweg überdauern, oder tief im Mutterboden die verseuchten Abfälle einer Explosion. Es gibt Möglichkeiten, aber ich kann nicht einen Anhaltspunkt für den Ort ausmachen. Ich versuche diesen Wald zu betreten wie etwas nie zuvor Betretenes. Meine Augen sind geübt, der erste Blick liest die Grenzen und der zweite das Offensichtliche in ihnen, als gäbe es nicht mit jedem Blinzeln ein neues Bild. Ich kontrolliere grundsätzlich alle meine Fotos und mache mir auf Zetteln oder auf der Rückseite Vermerke. Ich liebe das Gefühl, etwas lang Gesuchtes zu finden.
Dieses Gefühl will sich heute nicht einstellen und ich mache mich auf den Heimweg. Für den Rückzug wähle ich einen Pfad, der mich in großem Bogen über eine Anhöhe zurück zum Ausgangspunkt bringt. Wenn ich es richtig einschätze und die Angaben auf meiner Karte korrekt sind, ist es ein Umweg von zwei Stunden, aber der Hügel ist der höchste Punkt des Waldes, und diese Aussicht sollte ich als Chance nutzen.
Der Anstieg ist aufwendiger, als ich vermutet habe, und der Schweiß sammelt sich in meinen Augenbrauen. Auf dem Berg angekommen, versuche ich, meinen Pulsschlag zu normalisieren und gleichmäßig durchzuatmen. Das Sonnenlicht, das ich für ein gutes Foto brauche, ist verschwunden. Ich kann die Grenztürme und auf der anderen Seite den Fluss in schwachen Farben erkennen. Ich richte meine Kamera auf die Grenzzäune und ziehe das Bild heran, bis der Ausschnitt einen einzelnen Turm zeigt, der in diesem Licht den schlanken Fichten am Waldrand ähnelt. Auf dem Turm befindet sich eine Plattform mit einem achteckigen Glaskasten, ein geschlossener Raum, in dem vermutlich nicht mehr als zwei Stühle Platz finden. Der Mond spiegelt sich in den Fensterscheiben und auf den ersten Blick sieht es aus, als leuchte jemand mit einer Taschenlampe in den Wald. Ich bin sicher, diese Aufnahme wird meinem Chef gefallen. Ob der Turm als Beobachtungsposten genutzt wird, kann ich nicht sagen, mir fallen keine Gründe dafür ein. In den Grenzzäunen befinden sich sauber durch Stacheldraht abgetrennte Durchgänge, und das Gras vor diesen Schlupflöchern ist knöchelhoch, und davor, als dienten diese Büschel als Abgrenzungen oder Schranken, beginnen Trampelpfade, die ins Innere des Waldes führen. Ich erahne das Ziel und fokussiere den Badeplatz, der Holzsteg ist als dunkler Strich hinter der letzten Baumreihe erkennbar. Ich fotografiere die Gischt am Ufer und einen Ast, der wie die Hand eines Ertrinkenden aus dem Wasser ragt, zumindest ist es das, was ich aus dieser Entfernung zu erkennen glaube. Ich erinnere mich an einen Briefwechsel, der in einer der Polizeiakten abgeheftet war, in dem sich zwei Jugendliche für ‚den gemeinsamen Tauchgang in der Mitte des Sees‘ verabredeten. Ich suche nach einer Erklärung, wie ein Mensch es schafft, sich selbst jede Energie aus den Armen und Beinen zu entziehen und wie von Geisterhand auf den Gewässergrund zu sinken. Ist nicht in jedem der Instinkt, um sein Leben zu paddeln, ist der freiwillige Tod durch Ertrinken nicht wie in Komödien nur mit einer Bleikugel möglich, ist die Selbstmordankündigung ‚ich gehe ins Wasser‘ nicht ein Trugschluss, ist diese Überwindung und Körperkontrolle möglich, kann man einfach sinken?
Der See beansprucht einen großen Teil meiner Karte, und dennoch bin ich an ihm vorbeigelaufen. In der Akte, zusammen mit den Briefen, befand sich das Foto einer Wasserlandschaft, von der man zwar nicht sagen konnte, ob es ein Binnensee oder das Meer ist, doch auf der Rückseite war mit einem staatlichen Dienstsiegel beglaubigt, dass die Aufnahme vor sieben Jahren in diesem Bezirk entstanden war. Die Beamten hatten das Wort ‚Bezirk‘ verwendet, was aus meiner Sicht unangemessen war, wir befinden uns in einem Waldgebiet und nicht in einem Stadtviertel. Doch die handschriftliche Notiz daneben beindruckte mich: ‚Wie finde ich die Mitte eines Sees, wenn ich das Ufer nicht sehen kann?‘
Ich würde mich nie freiwillig auf einem Gewässer treiben lassen, denn ich vermeide ungeschützte Flächen, ich bewege mich als Fotograf abseits des Geschehens, beobachte aus sicherer Distanz, um später in meiner Dunkelkammer alleine, ohne fremde Blicke, das Ergebnis zu betrachten.
Ich schwenke meine Kamera über den Wald, der See müsste im südwestlichen Teil liegen, der Fluss als Ausläufer und als Verbindung von diesem Gewässer zum Meer, oder nördlicher, dort, wo der Wald am dichtesten bewachsen ist. Aber ich muss einsehen, ich habe das Gebiet unterschätzt, es ist in seinen Ausmaßen und in seiner Dichte mächtiger, als es meine Landkarte vermittelt, und ich begreife, die Karte ist allenfalls ein Auszug, das Puzzleteil von etwas Größerem, in dem ich mich verlaufen kann.
Ich werde mich nicht in meinem Vorhaben verrennen, ich werde meinem Chef alle Bilder geben, soll er entscheiden, was in ihnen erkennbar ist. Mein Job war es, diesen Wald zu fotografieren, so wie er ist, das habe ich geschafft, souverän, wie ich meine Ziele immer erreiche.
Ich beende meine Arbeit, stütze mich mit dem Rücken gegen einen Eichenstamm ab und richte mich auf. Die Eiche, der einzige Baum auf diesem Hügel, ist gewaltig, den Schatten könnte ich nicht mit einem Bild erfassen, die Wurzel wühlt sich links und rechts aus dem Erdreich, als bestünde diese Eiche nicht aus einem Stamm, sondern aus mehreren, die sich im Astwerk der alles überragenden Krone vereinen. Ich gehe einige Schritte zurück, um die Eiche zu fotografieren, solche Bäume gibt es in der Großstadt nicht mehr, oder es gibt sie nicht mehr in meiner Vorstellung von einer Großstadt. Ich schaue durch den Sucher und führe die Kamera langsam nach oben, den übergroßen Stamm entlang, der sich kurvenreich windet und nach oben hin dicht verzweigt. Mein Objektiv kann lediglich einen kleinen Teil der Baumkrone fixieren. Auf der Suche nach einer Besonderheit richte ich den Fokus auf einen äußerst dicken Ast. Diese Wahl erweist sich als geglückt, denn auf dem Holz erkenne ich eine vertikale Einkerbung, als wäre dort etwas befestigt gewesen. Ich drücke den Auslöser und frage mich, was vom Baum heruntergehangen haben könnte. Der Strich auf dem Ast wird nichts weiter als eine natürliche Einfärbung im Holz sein, denke ich, denn um etwas dort zu befestigen, hätte man zwanzig Meter den Baumstamm hochklettern müssen. Ich gehe weitere Schritte nach hinten und richte das Objektiv auf das Geäst und halte auf dieses Bild, bis mein Auge nur noch eine einzige schwarze Fläche wahrnehmen kann. Meine Augen beginnen zu tränen, und in diesem Moment scheint sich ein Schatten aus dem Gezweig zu lösen. Ich nehme die Kamera von meinem Gesicht, starre auf den Punkt, den ich zuvor fokussiert habe, und sehe nichts, der Baum steht bewegungslos da. War es ein Tier, das sich versteckt hat, überlege ich, oder haben mir meine müden Augen einen Streich gespielt? Ich lausche, kann aber kein Knistern oder Rascheln hören.
Ich bewege mich einen Schritt zur Seite und schaue den Hügel hinunter. Der Wind fährt tief in das Gehölz des Waldes hinein, als gäbe es nur eine Richtung, und trägt die Dunkelheit mit sich. Erst jetzt, im schummrigen Abendlicht, realisiere ich, wie steil diese Erhebung ist.
Etwas kracht hinter mir zu Boden. Erschrocken drehe ich mich um und sehe einen Ast, der zwei Meter vor mir am Boden liegt. Der Ast ist doppelt so dick wie mein Oberarm und in der Mitte durchgebrochen. Er muss aus einer beachtlichen Höhe mit Wucht aufgeschlagen sein, und hätte mich diese Wucht zu Boden gerissen, ich wäre nie wieder aufgestanden, und mein Redaktionsleiter hätte seinen wichtigsten Mitarbeiter verloren. Aber die Trauer würde nur einen kurzen Tag dauern, bin ich mir sicher, ich sehe das Titelbild und die Überschrift vor mir: ‚Starfotograf von Todeseiche erschlagen‘. Und ich bin überzeugt, mein Chef hätte keine Skrupel, mit einer Lüge zu arbeiten: ‚Fotograf des Jahres nimmt sich im Selbstmordwald das Leben‘. Ich weiß, mit dieser Lüge bekämen meine Bilder, die ich in den letzten Tagen gemacht habe, eine neue Qualität, die Presse könnte aus mir einen Fotografen machen, der tragisch an seinem Erfolg verzweifelte, und es wäre zugleich begehrtes Material für Verschwörungstheoretiker, die behaupten würden, ich wäre etwas Ungeheuerlichem auf der Spur gewesen. Aber ich hatte Glück, und meine Fotos aus diesem Wald werden wohl niemanden interessieren. Ich fokussiere den Riss, der sich im Zickzack, wie eine Lebenslinie auf einem Elektrokardiogramm, durch das Holz zieht. Ich möchte den Auslöser betätigen, jedoch mein Puls pocht vor Aufregung und meine Beine zittern, dieses Zittern überträgt sich auf meine Arme und auf meine Kamera und somit auf das Bild. Ich muss mich für dieses letzte Foto zusammenreißen, denn in diesem Augenblick bekommt das Bild, wie so oft bei meiner Arbeit, unerwartet und mit einem Schlag, die erhoffte Qualität.