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Joachim Bartholomae
Zuzanna Musialcyk und Ferdinand Leopold
Friederike Meltendorf
Stefan Beuse
Kristine Bilkau
Ursula Menzer
Akin E. Sipal
Tobias Sommer
Silke Stamm

Silke Stamm

aus: „Vierundvierzig Arten, eine Antwort zu erhalten“ | Roman


3.
Den Apfelstrudel, den er gebacken hat, zu essen und dabei die Posaune und die rein gestimmten Tonarten der Renaissancemusik erklärt zu bekommen, zusammen nach Italien zu reisen, Kirchen aus dem Cinquecento zu suchen, struppige Katzen zu streicheln und stundenlang in Gassen zu sitzen, Ziegeldächer zu zeichnen, die Bilder an Bewohner zu verschenken, falls sie sich blicken lassen, manchmal als Dank etwas zu essen zu erhalten, meistens unter Büschen zu schlafen, und nichts zu kaufen außer caffé con latte, Brot und etwas Käse, schon einen ziemlich flachen Bauch zu haben und zu merken, dass ihm auch das an Konsum noch zu viel ist; am letzten Abend eine Geschichte in der dritten Person erzählt zu bekommen, aber nur halb, die von erlebtem Missbrauch handelt, durch wen bleibt unklar, und am übernächsten Morgen, einen Tag später als geplant, den er auf heißen Straßen die ganze Zeit ein gutes Stück voraus lief, allein den Zug zurück zu nehmen.

14.
Von einer Freundin am Telefon gefragt zu werden, du, was soll ich denn jetzt tun, ich bin schwanger, und er gibt mir dafür auch noch die Schuld, acht Stunden hatte ich das Diaphragma drin, aber dann habe ich es vor Schmerzen nicht mehr ausgehalten, wegen der Blasenentzündung, sicher hab ich die auch von ihm, und er sagt, er will es nicht, ganz sicher nicht, wenn ich es krieg, dann ist er weg, das meint er ernst, ich weiß nicht, was ich tun soll; hm, zu sagen, und sie am Abend nach dem Modul, das sie verpasst hat, zu besuchen, eine Flasche Rotwein mitzubringen, den sie nicht mittrinkt, von ihm erzählt zu bekommen, der ja schon eine Tochter habe, die er fast nie sehe, immer nur, wenn es deren Mutter gerade einmal passe, und wie verkrampft dann alles sei, wie dann alles nur ums Kind kreise und sich keiner wohl fühle an solchen Tagen, auch das Mädchen nicht, das eine verwöhnte Göre sei, und dass sie es so ganz bestimmt nicht haben möchte, obwohl sie eigentlich ein Kind wolle, und das mit der Ausbildung sei ihr egal, sagt sie; ihr weiter zuzuhören, bis der Abend vorbei ist, ratlos zu sein, weil es bisher immer andere waren, die Kinder haben, niemand von uns; beim nächsten Treffen zu bemerken, dass sie wieder raucht, und erst Monate später vorgeworfen zu bekommen, geschwiegen zu haben wie alle anderen und sie alleine gelassen zu haben mit der Entscheidung, ohne dass auch nur einer klar ausgesprochen hätte, tu es nicht.

15.
An einem Tag im Mai einen auf dem Gepäckträger festgeklemmten Zettel zu finden, eine halbe Stunde habe ich gewartet, jetzt bin ich gegangen, ruf mich an, und dann die Nummer, sich zu freuen über diese Botschaft eines Unbekannten, aus der im Kopf eine Geschichte wird, und dann erst zu bemerken, dass das fremde Fahrrad am Baumschutzbügel mit am eigenen Schloss hängt.

16.
Auf einem französischen Frachtschiff jeden Tag zwei Mal den kleinen Swimmingpool am Heck des Schiffes aufzusuchen, in dem Meerwasser schlingert, abends weniger als morgens, jeweils eine Länge, also fünf Züge Kraul, ohne zu atmen durchzuschwimmen, wenden, wieder fünf Züge, immer hin und her, und auf dem Weg zurück zu der Kabine, nass und schwindelig und zitternd, vorbei an den Matrosen zu gehen, die in blauen Overalls die Wände streichen oder mit Schraubenschlüsseln an Winschen hantieren, oft sind es Rumänen, die nicht sprechen, die nur schauen oder höchstens nicken, auch nie schwimmen, denen aber in der halben Stunde vor dem Essen, wenn sie in T-Shirts und mit Schlägern in der Hand den Tischtennisraum betreten und in ihrer Sprache lachen, jeder Platz macht an der Platte, wo sie nicht zu schlagen sind, allerhöchstens manchmal von dem Meteorologen, der oben auf der Brücke arbeitet und mit den Offizieren isst; beim Tauchen im Pool jeden Tag eine Länge dranzuhängen, sieben, acht, neun, dann zehn, dann elf, danach nackt und unentschlossen vorm Schrank zu stehen und nicht entscheiden zu können, ob das blaue Kleid eine gute Wahl ist für das Barbecue an Deck, bei dem auch die Matrosen teilnehmen werden, die sonst getrennt in ihrer eigenen Kantine essen, schließlich im Kleid und mit dem zweiten Aperitif in der Abendsonne bei den jungen Offizieren zu stehen, die ihre Uniformen tragen oder zumindest ein weißes Hemd, auch vom Kapitän die Hand geschüttelt zu bekommen, während die Matrosen an den Aufbauten entlang einen großen Halbkreis bilden und in knappen Sätzen auf Rumänisch kommentieren, und erst an einem anderen Tag zwischen den Containern beim Ausschauhalten nach Delfinen einem der rumänischen Matrosen noch einmal zu begegnen, der zu nah herantritt, die Hand zu weit ausstreckt und auf Französisch sagt, ich weiß jetzt, wo du schläfst, danach immer einen Schraubenzieher auf dem Nachttisch liegen zu lassen, statt der engen Innentreppe nur noch die Außentreppe zu benutzen, dem dritten Offizier von der Begegnung mit seinem Landsmann zu erzählen und die Entgegnung anzuhören, ihm sei nun allerdings nicht klar, welcher der Matrosen das gewesen sein soll.