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Joachim Bartholomae
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Joachim Bartholomae

aus: Oscar Wilde „Der Kritiker als Künstler“

übersetzt aus dem Englischen
erschienen in "Die Wahrheit von Masken", Oscar Wilde, Männerschwarm Verlag, Hamburg 2013


Gilbert: Es ist schwierig, dem, was man liebt, gerecht zu werden. Aber lass uns zu unserem Thema zurückkehren. Was sagtest du doch gleich?
Ernest: Ganz einfach, in den besten Tagen der Kunst habe es keine Kunstkritiker gegeben.
Gilbert: Ich glaube, ich höre diese Behauptung nicht zum ersten Mal. Sie ist so kraftvoll, wie Irrtümer nun einmal sind, doch auch so langweilig wie ein alter Freund.
Ernest: Und doch ist es so. Ja: Du brauchst den Kopf nicht so gereizt zurückzuwerfen. Es ist die Wahrheit. In den besten Tagen der Kunst gab es keine Kritiker. Der Bildhauer schlug aus dem Marmorblock den großen, weißgliedrigen Hermes heraus, der darin schlummerte. Mit Wachs und Gold wurde der Statue Farbe und Leben verliehen, und die Welt, die sie sah, verehrte sie und blieb stumm. Der Künstler goss die glühende Bronze in eine Form aus Sand, und der Fluss aus rotem Metall erkaltete in edlen Formen und nahm die Gestalt eines Gottes an. Glaskugeln oder polierte Juwelen verliehen den blinden Augen Sehkraft. Wie Hyazinthen kräuselten sich die Locken unter seinem Stichel hervor. Wenn dann der Sohn der Leto auf seinem Sockel stand, in einem dunklen, ausgemalten Gotteshaus oder einer sonnendurchfluteten Säulenhalle, wurden alle, die vorbei gingen, ?βρως βα?υουτες δι? λαμπροτ?του α?θ?ρος1, sich eines neuen Einflusses bewusst, der über ihr Leben gekommen war; und traumverloren, oder voll fremdartiger, belebender Freude gingen sie zu ihrer Arbeit oder in ihr Heim, vielleicht wanderten sie auch hinaus aus den Stadttoren zu jener von Nymphen bevölkerten Wiese, auf der der junge Phaedrus die Füße badete, und dort, ausgestreckt im weichen Gras, unter den großen Platanen, wo der Wind flüstert und der Keuschbaum blüht, sinnierten sie über das Wunder der Schönheit und verstummten in unbekannter Ehrfurcht. In jenen Tagen war der Künstler frei. Aus dem Flussbett nahm er frischen Ton, und mit einem kleinen Stab aus Knochen oder Holz formte er daraus so entzückende Gebilde, dass man sie den Toten als Spielzeug in den Sarg legte, sodass wir sie noch heute in den staubigen Gräbern auf den Hügeln von Tanagra finden, auf Lippen, Haar und Kleidung die verblassten Reste von Gold und Purpur. Er zeichnete in den frischen Putz der Wand, aus hellem Bleirot oder einem Gemisch aus Safran und Milch, eine Gestalt, die müde über den purpurnen, weiß besternten Asphodeliengrund schreitet, «den ganzen Krieg von Troja in den Augen» – Polyxena, die Tochter des Priamos; oder er zeichnete Odysseus, den weisen und listenreichen, mit starken Seilen an den Mast gebunden, um ohne Schaden den Sirenen zu lauschen, oder er wanderte am klaren Wasser des Acheron, wo die Geister der Fische über die Kiesel im Flussbett huschen; oder er malte die Perser, in Mitra und Strumpfhosen, bei ihrer Flucht vor den Griechen in Marathon, oder das Aufeinanderprallen der Galeeren in der kleinen Bucht von Salamis. Mit Silber und Holzkohle zeichnete er auf Pergament und geglättetes Zedernholz. Auf Elfenbein und rosenfarbenem Terrakotta malte er mit Wachs, den er mit Olivenöl geschmeidig machte und mit heißem Eisen fixierte. Flächen aus Marmor, Holz und Leinwand wurden zu Wunderwelten, wenn sein Pinsel hinüberstrich. Das Leben erblickte sein Abbild, war still und wagte nicht zu sprechen. Alles Leben gehörte ihm, von den Händlern auf dem Markt bis zu den Hirten auf den Hügeln, von den Nymphen, die sich im Lorbeer verstecken, und dem Faun, der am Mittag sein Horn bläst, bis hin zum König in grün verhängter Sänfte, getragen auf ölglänzenden Schultern von seinen Sklaven, während Pfauenfedern ihm frische Luft zufächern. Männer und Frauen, mit fröhlichen und sorgenvollen Gesichtern, zogen an ihm vorbei. Er sah sie an, und er verstand ihr Geheimnis. Mit Form und Farbe schuf er ein zweites Mal die Welt.
Auch die feineren Künste standen ihm zu Gebot. Er hielt die Gemme an eine rotierende Scheibe, und der Amethyst wurde zum purpurfarbenen Lager des Adonis, und über den geäderten Sardonys eilte Artemis mit ihren Hunden dahin. Aus Gold hämmerte er Rosen und flocht sie zusammen zu Halskette und Reif, er formte daraus den Kranz für den Helm des Siegers, den Schmuck für tyrische Roben oder die Totenmaske des Königs. In die Rückseite des Silberspiegels gravierte er Thetis und die Nereiden oder die liebeskranke Phaedra mit ihrer Amme, oder Persephone, der Erinnerung müde, mit Mohnblumen im Haar. Der Töpfer saß in seiner Hütte, und wie eine Blume wuchs die Vase in seinen Händen empor von der lautlosen Scheibe. Er schmückte Fuß, Rundung und Henkel mit einem Muster aus Olivenblättern, dem Laub des Acanthus oder geschwungenen Linien. In Schwarz oder Rot malte er Männer darauf, im Zweikampf oder beim Rennen, Ritter in voller Rüstung, mit seltsamen Wappenschilden und rätselhaften Helmen, in muschelförmigen Streitwagen über feurige Rosse gebeugt, auch Götter beim Fest oder beim Wirken von Wundern und Helden, siegreich oder von Schmerzen gebeugt. Oder er ätzte in feinen roten Linien auf weißem Grund den harrenden Bräutigam und seine Braut, umschwebt von Eros wie einem Engelchen von Donatello, ein kleines, lachendes Wesen mit goldenen oder azurnen Flügeln. Auf die Wölbung schrieb er dann den Namen seines Freundes. Kalos Alkibiades oder Kalos Charmenides erzählen uns die Geschichte seiner Zeit. Und auf den Rand einer großen flachen Schale zeichnete er einen äsenden Hirsch oder den ruhenden Löwen, was immer die Fantasie ihm gebot. Von der kleinen Parfümflasche lachte eine sich putzende Aphrodite, und Dionysos tanzte vom Most beschmutzt um einen Weinbecher, Mänaden mit nackten Beinen in seinem Gefolge, und Silen, der alte Satyr, rekelte sich auf den prallen Schläuchen oder schüttelte seinen magischen Stab, umwunden mit dunklem Efeu und von einem Tannenzapfen gekrönt. Niemand störte den Künstler bei seiner Arbeit. Kein dummes Gerede lenkte ihn ab. Meinungen bereiteten ihm keine Sorge. Am Ilyssos gab es keinen Higginbotham 2. Am Ilyssos, mein lieber Gilbert, gab es keine dümmlichen Kunstkongresse, die provinzielle Kunst im Land verbreiten und die Mittelmäßigkeit sprechen lehren. Am Ilyssos gab es keine langweiligen Kunstzeitschriften, in denen eifrige Menschen über Dinge reden, von denen sie nichts verstehen. An den schilfbewachsenen Ufern des kleinen Flusses stolzierten keine lächerlichen Journalisten herum, die den Richterstuhl für sich beanspruchten, obwohl sie auf die Anklagebank gehörten. Die Griechen hatten keine Kunstkritiker.
Gilbert: Ernest, du bist wirklich entzückend, aber deine Ansichten sind furchtbar unvernünftig. Kann es sein, dass du die Gespräche von älteren Menschen belauscht hast? Das ist gefährlich, und wenn es zur Gewohnheit wird, kann es der geistigen Entwicklung ernsthaft schaden. Modernen Journalismus will ich nicht verteidigen; seine Existenz rechtfertigt sich durch das berühmte Darwin’sche Gesetz, das die Vulgärsten überleben. Meine Sache ist allein die Literatur.
Ernest: Worin besteht denn der Unterschied zwischen Literatur und Journalismus?
Gilbert: Oh! Journalismus kann man nicht lesen, und Literatur wird nicht gelesen. Das ist alles. Doch ich muss sagen, die Behauptung, die Griechen hätten keine Kunstkritik gehabt, ist völlig falsch. Eher könnte man sagen, die Griechen seien ein Volk von Kunstkritikern gewesen.


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1 Habrôs bainontes dia lamprotatou aitheros, frei nach Euripides, zu Deutsch: Sie (die Athener) wandeln erhaben durch die strahlende Luft.

2 Wilde erinnert sich hier falsch an eine Formulierung Matthew Arnolds. Der verweist auf den minderwertigen Landschaftsmaler Higginbottom (Higginbotham ist der Name einer berühmten Buchhandlung in Indien).