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Joachim Bartholomae
Zuzanna Musialcyk und Ferdinand Leopold
Friederike Meltendorf
Stefan Beuse
Kristine Bilkau
Ursula Menzer
Akin E. Sipal
Tobias Sommer
Silke Stamm

Zuzanna Musiałczyk und Ferdinand Leopold

aus: Czesław Miłosz «Wo die Sonne aufgehet und wohin sie niedergehet»,
VII. Glocken im Winter

übersetzt aus dem Polnischen


Eines morgens also. Scharfer frost kommt auf.
Kälte rieselt. In schläfrig grauem nebel
Saugt himmelflur purpurlicht auf,
Röten sich schneehalden, von kufen ausgeschlitterte fahrbahnen,
Rauchwolken, ballen von dampf. Schlitten kling-ling
Bald näher, bald ferner. Den zottigen pferdchen
Beschlug reif die haare, jedes haar einzeln.
Dann aber glockengeläut. Bei Sankt Johannes,
Bei den Bernhardinern, bei Sankt Kasimir
Und in der Kathedrale, und bei den Missionaren,
Bei Sankt Georg, bei den Dominikanern,
Bei Sankt Nicolai, bei Sankt Jacobi.
Vieler glocken geläut. Als ob an seilen ziehende hände
Feierliches bauwerk errichteten über der stadt.

Auf dass gehüllt in ihr tuch geht zur frühmesse Alżbieta.

Lang hab ich nachgedacht über das leben Alżbietas.
Könnte die jahre zählen. Ich tu’s besser nicht.
Was sind schon jahre, da ich sehe den schnee und ihre stiefelchen.
Lustig, spitz, geknöpft an der seite.
Und ich der selbe, wenn auch anfängt und endet
Des fleisches hochmut.

Und wieder stoßen in goldne trompeten pummlige engel.
Den gebeugten priester im messgewand
Vergliche ich heute mit einem skarabäus
Der ägyptischen sammlung des Louvre.

Unsre schwester Alżbieta in der gemeinschaft der heiligen —
Der ins wasser getauchten und geräderten hexen
Unter dem bild der wolkenüberragenden Dreifaltigkeit,
Bis sie gestanden, dass sie nacht um nacht sich wandeln in elstern;
Der mägde dienstbar den herren zur ergötzung;
Der gemahlinnen, denen man den scheidebrief sandte;
Der mütter mit päckchen an der mauer —
Führt mit schwarzgerändertem nagel die buchstaben entlang,
Als der chorleiter, opferpriester, levit,
Steigt die stufen, und singt: Introibo ad altare Dei.
Ad Deum qui laetificat iuventutem meam.

[…]

Welches jahr haben wir heute? Leicht zu merken.
Es ist das jahr, in dem die eukalyptuswälder in unseren bergen ausfroren
Und jeder mit holz für den kamin nach belieben sich eindecken konnte
Für die zeit der regen und der stürme von der see.
Am morgen schnitten wir kloben mit der kettensäge,
Kräftiger, räuberischer zwerg, der reißt im gekrach und gestank der abgase.
Tief unter uns die bucht, spielende sonne
Und türme von San Francisco hinter rostigem dunst.

Bei mir, nicht willens zu verzeihn, dieselbe bewusstheit.

Möglich dass nur wunderung mich rettet.

Gäbs das nicht, wagte ich nicht auszusprechen das zauberwort der propheten:

«Was immer kann Erschaffen werden kann Zunichte werden Formen nicht
Die Eiche wird gefällt durch die Axt, das Lamm fällt durch das Messer
Doch ihre Ewigen Formen Sind, Für-immer. Amen Halleujah »

« Denn Gott selbst schreitet durch des Todes Tor stets mit denen die es durchschreiten
Und legt sich nieder ins Grab mit ihnen, in Gesichten des Ewigen
Bis sie erwachen & sehen Jesus & gebreitete Linnen-Gewänder
Die Frauen für sie gewoben, & Pforte ihres Vaters Haus »

Und wenn die stadt, da unten, niederbrennte
Und niederbrennten die städte aller erdteile,
Nicht sagte ich, mit lippen von asche, es sei unrecht.

Denn wir lebten unter Gericht, davon nichts wissend.

Das Gericht begann im jahre eintausendsiebenhundertsiebenundfünfzig,
Doch das ist nicht sicher, vielleicht in irgendeinem andern.
Es wird in erfüllung gehen im sechsten jahrtausend oder am nächsten dienstag.
Jäh wird verstummen die werkstatt des demiurgen. Unvorstellbare stille.
Und die form jedes einzelnen samens wird wiederkommen in herrlichkeit.
Gerichtet ward ich für die verzweiflung, denn ich konnte das nicht begreifen.