Literaturpreise-Hamburg.de

Joachim Bartholomae
Zuzanna Musialcyk und Ferdinand Leopold
Friederike Meltendorf
Stefan Beuse
Kristine Bilkau
Ursula Menzer
Akin E. Sipal
Tobias Sommer
Silke Stamm

Friederike Meltendorf

aus: DJ Stalingrad Exodus | Matthes & Seitz, Berlin

übersetzt aus dem Russischen

Die Sonne brennt. Der strahlende Himmel und das Wasser im Meer – ein Chlorblau wie in der Kindheit. Wir steigen den Hügel hinauf, zur Altstadt, dorthin, wo die antike Festungsmauer ihre Ringe gezogen hat wie sich windende steinerne Drachen. Ringsum verfallene Häuser, sie dürfen weder abgerissen noch restauriert werden, in den meisten wohnen Zigeuner. Auch wir suchen ein neues Haus. Hinauf, hinauf die kleine Kopfsteinpflasterstraße, fast bis ganz oben sind wir gelaufen und haben eins gefunden.
Ein nicht zu großes, ordentliches, weiß gestrichenes Landhaus, zwei Stockwerke, Weinreben, Veranda. Wir haben geprüft, ob es Strom gibt, gibts, geprüft, ob es Wasser gibt, gibts auch, Menschen nicht. Angekommen und gefunden.
Ich habe einen Sessel auf die Veranda gestellt. Hitze, im Hof ist Dezember. Unten Ziegeldächer, ein Hafen, eine Bucht und verschneite Berge am Horizont. Zwischen dem Kram im Haus fanden sich Bücher in unbekannten Sprachen und ein leeres liniertes Heft. Da schreibe ich rein. Ich wollte sehr lange nichts schreiben, jetzt will ich. Ich brauche es. Ich bin entspannt und schreibe einfach Bilder auf, eins nach dem anderen, wie sie in meiner Erinnerung auftauchen. Sie haben die ganze Zeit in mir gelebt, mich belagert und gequält, ich konnte an nichts anderes denken. Jetzt mache ich diese Aufzeichnungen, und mit jeder Seite kann mich einer der Dämonen, die dort hängengeblieben sind, die sich über meinem Kopf verhakt haben, verlassen und für sich eine neue Form auf dem Papier finden. Je länger ich schreibe, desto leichter wird mir, all mein Leiden banne ich auf dieses Papier, und wie immer erduldet es alles. Mir wird tatsächlich leichter, ich erinnere, um zu vergessen.

 

***

Durch die schwarzen Fenster der Nacht, aus dem Dunkel der endlosen Moskauer Winter kam Er zu mir. Er öffnete das Fenster, betrat mein verängstigtes Kinderherz und sagte:
»Siehe, du bist verdammt. Alles wird sehr schlimm, dein Leben wird für dich eine sinnlose, endlose Qual und für deine Mitmenschen eine Bürde. Du wirst ertragen, dann wird man dich ertragen, es wird niemals enden. So habe Ich dir geheißen. Aber du kannst das ändern, knie vor Mir nieder, diene Mir, übergib dich vollständig Meinem Willen, und Ich mache dein Leben zu dem, was Ich will. Es wird darin viel Schreckliches, Dummes, Krasses, Scheußliches geben … Nichts wird dir gehören, Ich gebe dir, was Ich will, nur das. Als Besitzloser wirst du dich durchbetteln und klauen. Ich werde dich mehr und mehr ausnutzen, du wirst zur Lieblingsfigur in Meinem Spiel, doch irgendwann werde Ich dich austauschen, zerquetschen und in den Müll werfen. So wird es, vertrau Mir.«
Und ich blieb bei Ihm, Er trat als Bedrohung und Angst für immer in mein Herz, ich kniete vor Ihm nieder und ließ Ihn ein. Jahre später kam ich zu dem Schluss, dass Er der Herrgott ist. Mir bleibt nur, auch jetzt auf Ihn zu hoffen …

Sagt mir warum? Warum? Insgeheim weiß ich genau warum.
Der Typ ist nicht schlecht gekleidet, bescheiden, geschmackvoll. Ordentliche Frisur, entschlossene Gesichtszüge, wirkt athletisch, treibt Sport, zuversichtlicher Blick aus braunen Augen. Er ist keine dieser modischen Schwuchteln, er ist ein ernsthafter, guter Kerl – ein starker, mutiger, okayer Typ. Er handelt überlegt, liebt aber die Leidenschaft, den Moment und den Übermut des Spiels. Seine Nase hat einen kleinen Höcker, sie war mal nach einer Schlägerei gebrochen – der Junge kennt den Geschmack von Blut auf den Lippen nicht nur vom Hörensagen. Er ist immer bereit, für sich und seine Nächsten einzustehen, hat viele Freunde, unter denen er berechtigtes Ansehen genießt. Viele Freundinnen, die ihn dafür lieben, dass er gefährlich, risikofreudig, ja männlich wirkt, was den Jungs aus der Stadt einfach abgeht. Er amüsiert sich, spielt leidenschaftlich, gibt gerne Geld aus, findet leicht aus schwierigen Situationen raus – er ist noch jung, hat aber schon ordentlich was erlebt. Und er ist rechtschaffen, ein guter Kerl. Er hat die richtige Vorstellung davon, wie man das Leben richtig lebt. Nicht nur schön, übermütig, mit lustigen Mädels und wilden Freunden, sondern auch bedacht, so, dass er sich nicht seiner sinnlos vertanen Jugendjahre schämen muss. Wissen braucht man und Einsicht. Sein Land muss man lieben, Vater und Mutter ehren, Prinzipien vertreten, Alkoholmissbrauch vermeiden, ein gutes Mädchen finden, eine Familie gründen, Kinder erziehen. Alles tun, wie es sich gehört, schön ein schönes Leben führen, ohne Unterlass.
Tja, dieser Kerl steht abends vor einem Laden, und ich trete von hinten an ihn ran. In einem ollen Pulli, dreckigen Turnschuhen, mit einer schlampig rasierten Glatze, pubertärem Bartflaum, das Gesicht voller Pickel, verfaulte Zähne. Und innerhalb einer Sekunde verwandelt sich dieser super Typ in ein Stück Scheiße. Ein Eisenrohr macht aus seinem Kopf blutiges Hackfleisch. Zähne, Hautfetzen, Blut fliegen in alle Richtungen. Ich bin ein Fünferkandidat aus der letzten Reihe, meine Klassenkameraden verachten mich, ich saufe und wichse. Ich habe eine eingefallene Brust, einen rachitischen Bauch, ich neige zu Asthma, habe ein schwaches Herz, hatte nie eine normale Arbeit, hatte nie einen Vater, hatte nie eine Freundin. Innerhalb einer Sekunde räche ich mich an diesem Wichser für all die Jahre, für mein ganzes Leben, für all die Idioten wie mich, für die Krüppel, die Kranken, für die Kinder des Angestelltenproletariats, für alle Dummen, Infantilen, für die Versager, die einen beschissenen Wahnsinnsanteil an der Bevölkerung unseres Landes ausmachen. Ich werde ihm mit diesem Eisenrohr für uns alle den Kopf einschlagen, und es wird etwas von Heiligkeit haben. Beziehungsweise hat Heiligkeit immer etwas davon.

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