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Tino Hanekamp

aus: "Let's Get Lost" (extrem unverbindliche Arbeitsprobe)


1

„Hey, mach dir keine Sorgen, Vida kriegt das wieder hin“, sagte Howe und legte mir die Hand auf die Schulter.
„Wer ist Vida?“, fragte ich.
„Wenn ich das wüsste“, antwortete Howe.
Wir standen auf dem Parkplatz vor Daisy’s Diner, einem dieser typisch amerikanischen Fast-Food-Restaurants, in denen man auf Aluminiumstühlen an Plastiktischen sitzt und von kräftigen Damen bedient wird, die einen mit honey anreden, son oder darling, und wo man Pfannkuchen isst mit Ahornsirup und Eier mit Speck, zwei Tassen dünnen Kaffee trinkt mit viel Zucker und Milch, der Dame ein ordentliches Trinkgeld gibt, noch mal ein darling oder ein honey hört, um dann mit neu gewecktem Tatendrang hinaus zu schreiten in die Welt, die zu erobern man ja dereinst angetreten ist, und wo das irrwitzig (im übertragenen wie im wörtlichen Sinne) heiße Automobil steht, dass einem der Freund, der hier lebt, sechs Stunden zuvor anvertraut hat, damit man die unlängst entwendete Asche seines verstorbenen Onkels stilgerecht und frei beweglich in der Wüste hinter Tucson verstreuen kann, was bereits geschehen ist und möglicherweise die Schwermut erklärt, mit der man sich eine halbe Stunde zuvor in Daisy’s Diner geschleppt hat – man steigt also frisch gestärkt und durchaus zuversichtlich in besagtes Kraftfahrzeug der Marke Plymouth, startet den Motor, startet den Motor, aber der Motor startet nicht, und das war’s dann auch schon mit den Welteroberungsplänen, stattdessen hätte man nun gerne eine Arbeitserlaubnis zur Hand, um sie der Dame im Diner vorzulegen, auf dass sie dem Elend gnädigst ein Ende bereite, nur hat man diese Papiere natürlich gerade nicht dabei, und überhaupt ist ein Leben als Bulettenbrater auf Dauer sicher auch nicht das Wahre, also bittet man die Dame einfach nur höflich um einen weiteren Kaffee, hockt sich an den Straßenrand, schaut den Trucks hinterher, die gen Westen donnern und den Staub von der Straße reißen, legt sich einen Sonnenbrand zu, bastelt einen schönen Bandwurmsatz, hängt ihn sich um den Hals und sieht besagten Freund auf den Parkplatz des Diners einfahren, woraufhin man schwankend aufsteht, schief grinsend auf ihn zu geht und in Richtung des fahruntüchtigen Autos was von „fahruntüchtig“ und „sorry“ murmelt, und wenn man Glück hat, wenn man ganz viel Glück hat, sagt der Freund dann so was wie „hey, mach dir keine Sorgen, Vida kriegt das wieder hin“ und legt einem die Hand auf die Schulter.
„Wer ist Vida?“
„Wenn ich das wüsste.“
Ich habe mich natürlich schon kurz gewundert über dieseAntwort, aber nicht weiter nachgehakt, denn Howe (mit stummem e) sagt öfter Sachen, die man nicht versteht, das ist sein Job, er ist Poet. Zudem war mir egal, wer oder was diese
Vida war, solange sie das Auto wieder reparierte, und außerdem sollte ich mir ja keine Sorgen machen. Howe öffnete die Motorhaube seines 67er Plymouth Barracuda, kontrollierte die Zündkerzen, das Kühlwasser, die Kabel an der Batterie, fand jedoch nichts, was die plötzliche Arbeitsverweigerung des Automobils erklärt hätte und sagte: „Mysteriös, diese Maschinen. Auf geht’s!“
Wir fuhren zurück in die Stadt. Es waren 25 Grad im Schatten, und das Mitte Januar, selbst in Tucson, Arizona, war das ein rotes Kreuz im Kalender. Ich blinzelte in die Landschaft, die bis auf ein paar Reklametafeln und Lagerhallen leer war, ließ meine Hand auf dem Fahrtwind schweben und dachte: „Hier lässt sich’s leben“. Vor uns ragte die Skyline Tucsons in den Himmel und rechterhand erhob sich ein wild gezackter Gebirgszug aus dem flachen Land, hinter dem sich jener Teil der Wüste befand, in dem zwischen Büschen, Sträuchern und unzähligen Kakteenarten diese riesigen Saguaros wuchsen; jener Teil der Wüste, in dem ein Drittel der Asche meines Onkels einfach so verweht war, als hätte es ihn nie gegeben.
Eigentlich hätte ich einen Teil der Asche behalten müssen, dachte ich in Howes State Trooper sitzend, zur Erinnerung, und um irgendetwas zu haben, an dem ich mich festhalten kann. Aber „eigentlich“, dachte ich weiter, ist ein hässliches Wort, oder wie W.P. sagen würde: ein halbsteifes Wort, eine verbale Erektionsstörung, eine Haltungslosigkeit auf allen Ebenen. Und genau deswegen stand es auf meiner Liste der unbedingt zu vermeidenden Wörter, die im Büro an der Wand über meinem Schreibtisch hing, und die ich W.P. dereinst vorgelegt hatte, woraufhin er den ständig bekifften Neumeyer endlich gefeuert und mich zum Textchef gemacht hatte. „Vielleicht“ ist auch so ein Wort, das auf der Liste steht, ebenso „wahrscheinlich“, „ungefähr“, „amtlich“ und „geil“. Unser Heft von diesen Wörtern zu befreien ist eine meiner Aufgaben bei der „Musik zur Zeit“. Früher habe ich noch selber geschrieben, aber seit drei Jahren verfasse ich lediglich meine monatliche Kolumne, Einleitungen und ab und zu das Editorial, was mir im Übrigen sehr recht ist, denn Schreiben verursacht Schmerzen. Seitdem ich Textchef bin (oder Steuermann, wie W.P. sagt, der sich Capitano nennt), redigiere ich vor allem die Texte der anderen, verteile Aufträge, suche nach Themen und neuen Autoren und gebe mein Bestes, um unser Flaggschiff der Popkultur auf Kurs zu halten in der schweren See der neuen, papierlosen Zeit, denn dem Musikjournalismus, dieser aussterbenden Spezialform der Kulturberichterstattung, hatte ich es immerhin zu verdanken, dass ich mich einer einigermaßen sinnstiftenden und noch dazu bezahlten Tätigkeit widmen durfte, die sich zudem noch mit meinen persönlichen Interessen deckte, was ja ein großes Glück ist und mich letztlich in Howe Gelbs State Trooper gebracht hat.
„Wie war’s denn da draußen? Hast du was gefunden?“
„Ja“, sagte ich, „nichts.“
„Fantastisch“, sagte Howe. „Wo nichts ist, kann was werden.“
Er trug eine grüne Schirmmütze, auf der „good luck, suckers“ stand, undseine Lippen umspielte dieses leichte Lächeln, als sei alles nur ein großer Witz, und wahrscheinlich war’s das auch, und ich hatte es nur noch nicht begriffen.
„Hoffe, ich habe dich nicht bei irgendwas gestört“, sagte ich kurz vor der Stadtgrenze.
„Wir mischen das neue Album“, sagte Howe, „ist gut, da mal rauszukommen.“
„Ein neues Album?“ Ich schnappte nach Luft. „Schon wieder? Wie geht das denn?“
„Was meinst du?“
„Ich meine … so schnell!“
Er zuckte mit den Achseln. „Es passiert einfach. Es fließt. Es ist wie Atmen.“
„Wow“, sagte ich.
„Na ja, ich bin jetzt auch schon ein paar Jahrzehnte dabei. Der Trick ist, nicht zu denken. Früher habe ich Pot geraucht, heute geht‘s so.“
Ich sah ihn lange an, diesen schönen, klugen, wachen Mann, der so sehr Künstler war, wie man es nur sein konnte. Das Wunder der Entstehung von Worten, Tönen, Formen, Bildern, die uns bewegen, geschaffen von Menschen, die sind wie wir, aber eine Gabe haben? Mehr Mut? Mehr Kraft? Mehr Leid? Mehr Seele? Warum kann dieser Mann einfach eine Gitarre in die Hand nehmen, seine Stimmbänder in Vibration versetzen und bei denen, die ihn hören, Gefühle erzeugen, von denen sie noch gar nicht wussten, dass sie sie haben?
„Und, was hast du jetzt vor?“ Howe steckte sich einen Kaugummi in den Mund und reichte mir die Packung.
„Keine Ahnung“, sagte ich, schob mir vier davon in den Mund und kaute und kaute; der Klumpen wurde größer und größer, er schmeckte nach Wildkirschen und Badeschaum.
Ich hatte innerhalb von drei Tagen einen Unfall verursacht, einen Teil derAsche meines Onkels gestohlen, eine Beerdigung verzögert, meine kanadischen Verwandten verstört, meine Freundin in Panik versetzt und einen unübersichtlichen Haufen Schulden angehäuft – es wäre also wahrscheinlich, vielleicht und eigentlich das Beste gewesen, wenn ich mich für ungefähr zwei Tage irgendwo amtlich weggeschlossen hätte, dann geil unaufgeregt nach Hause geflogen wäre, darauf hoffend, dass sich die Dinge irgendwann wieder zu meinen Gunsten wenden. Wäre hätte gewesen. Stattdessen sagte ich
„Schätze, ich besorg mir nen Mietwagen und guck mir die Stadt an. Auf jeden Fall muss ich noch mal in die Wüste und mit einem Indianer reden, auf einen Berg steigen, für euch kochen und Jenny ein Geschenk besorgen, dass sie in Ohnmacht fallen lässt. Und Mexiko ist doch auch nicht weit. Da düse ich vielleicht auch noch kurz runter. Ich hab ja noch zwei Tage.“
That’s the spirit!“, rief Howe, schlug mit der flachen Hand aufs Lenkrad und stoppte den Wagen an einer roten Ampel, die auf der anderen Seite der Kreuzung über der Straße hing. Der Verkehr lief, wie von einer unsichtbaren Mechanik gesteuert, es war wie immer ganz erstaunlich. Howe zog sein Handy aus der Hosentasche und verkabelte es mit dem Autoradio. Eine verwehte Gitarre erklang, gefolgt von einem stolpernden Schlagzeug, und dann war da seine Stimme; sie fuhr mir bis in die Knochen, und die Welt um uns franste an den Rändern aus.

(...)