Literaturpreise-Hamburg.de

Daniel Gerzenberg
Miriam Mandelkow
Claudia Steinitz
Sigrid Behrens
Manuel Funk
Tino Hanekamp
Jonis Hartmann
Catharina Junk
Susanne Neuffer

Jonis Hartmann

Die folgenden Texte sind eine Auswahl aus dem Erzählungswerk Trilogie, dessen drei Bände in ansteigender Länge/ Bandstärke die Textsorten Miniaturen, Midiaturen, Maxiaturen versammeln.

 

Sieben Miniaturen

 

Adé
Ein Haar fiel von ihrem Haupt. Es fiel und fiel und ich verfolgte es mit meinem Blick. Es landete in einer Schüssel, die sich auf einer Waagschale befand. Daraufhin geriet die Waage ins Ungleichgewicht. Sie neigte sich. Immer weiter neigte sie sich. Dann berührte sie den Zünder der komplizierten Vorrichtung, und das war das Ende. Aber noch jetzt kann ich vor meinem ehemaligen Auge dieses Haar herunterfallen sehen. Wie ein Winken.

Bass zu Bass an Miss Lindberg
Lieber Rauchmelder, melde mich an. Hier steht etwas in Flammen, das fackelt durch die Zimmer wie Geisterfahrer auf der Autobahn, gefährlich euphorisch.

DJ
Nando aus Santiago wünscht sich, einmal seinen Kopf auf den drehenden Teller legen zu können. Dann würde die Nadel tastend darüber fahren und Gedankenkaskaden transportieren und wenn es gut lief, dann würde die Welt dazu tanzen. Das erzählt er einem, während man auf seine Tattoos starrt. Dann versucht man, sich diese Nadel vorzustellen.

Feilschen
Später nach dem Flohmarkt trafen wir den unzuverlässigen Erzähler und denk dir, was er sagte. Morgen werdet ihr schreien. Wir lachten und das tun wir auch jetzt noch, während wir uns anschauen und keiner der Erste sein möchte.

Grünes Licht
Das Pech klebt an den Füßen, als ob man im Auftrag des Unglücks unterwegs wäre. Und siehe da, eines Morgens klingelte ein Herr an der Tür und überreichte mir einen ansehnlichen Scheck für die jahrelangen Bemühungen. Das war gerecht, fand ich, während ich mir erst den Zeh am Kühlschrank stieß, dann den Wandteller zerbrach und am Abend den Kellner zu Fall brachte.

Skelettmenschen versuchen weg zu laufen
Kein Knall, bloß ein Wind. Und nichts ist mehr an Ort und Stelle. Nur ein paar Knochen-Karikaturen, die fliehend in sich zusammenfallen. Wer immer uns findet, wird sich fragen, warum wir es nicht haben kommen sehen. Er soll dies hier wissen: Liebe hat es nicht gegeben, es war bloß Wasserstoff – und ein paar Ableitungen davon.

Sprechen Sie komisch!
Die Welt ist auch ohne dich vollständig. So lautet die liebe SMS eines Freundes. Damit wäre ja wieder einmal alles gerade gerückt. Und am Ende stapeln sich die Geraden, bis der Horizont sich bildet. Wie auf dem Bild in der städtischen Galerie. Ohne Titel, aber es ist das Abbild der Menschheit, schön geordnet. Ich fahre heute noch ein paar Mal im Kreis um die Stadt. Mal sehen, ob das was ändert.

 

Zwei Midiaturen

 

Der Großvater Knast
Piet, 22, fand, er sei alt. Schon fast einer von den Großvätern, die einem überall begegneten. Alles roboterähnliche Anzüge, gesteuert von unsichtbaren Menschen darin, notierte Piet in sein Tagebuch. Langsam wird es Zeit, fügte er hinzu und legte den Stift beiseite. Das Tagebuch bestand aus den Rückseiten von Physik-Skripten. Nachdem er sie auswendig gelernt hatte, rupfte er die Seiten auseinander. Das Geld, das er dabei sparte und das Geld, das er in einem Laden für Fantasyzubehör verdiente, gab er für seine Comicsammlung aus. Als Piet auf dem Weg zu seinem Comic-Archiv war – ein fensterloser Raum in einem alten Weltkriegsbunker – kam er an einem wartenden Mädchen vorbei. Obwohl es ihm peinlich war, musste er im Vorbeigehen nach ihr schauen. Beinahe wäre er gestolpert und gegen zwei Großväter geprallt. Sie standen unter dem Dach der Haltestelle und unterhielten sich. Der eine trug einen grünen Tweed-Anzug. Als Piet in seinem Leseraum eingetroffen war und sich in einen italienischen Superhelden-Comic aus den 50er Jahren vertiefte, in dem ein grüner Hubschrauber eine Küstenstadt beschützte, sah er den Großvater im grünen Tweed Anzug wieder vor sich. In diesem Moment beschloss er, mit dem Großvater-Training zu beginnen.
Er besorgte sich Gehstöcke, einen Zylinder und abgetragene Reitstiefel von einem Antiquitätenhändler, der auf englische Garderobe und Lampen aus Ozeandampfern spezialisiert war. Den ganzen Sommer über probierte Piet die Garderobe und trainierte. Er übte die Bewegungen, bis er verstand, was dahinter steckte. Nachdem er den Aktionsradius verinnerlicht und die Garderobe hermetisch aneinandergeschlossen hatte, machte er sich daran, einen Joystick zu konstruieren, mit dem man den Großvateranzug auch von zu Hause aus bedienen konnte. Es war kein leichtes Unterfangen, aber wenn es erst einmal soweit wäre, könnte Piet den Großvater zum Kiosk gehen lassen, während er selbst im Bunker bei seiner Sammlung sein konnte. Manche brauchen Jahre für die erfolgreiche Konstruktion eines Anzugs, notierte er, aber wo immer sich ein Fortschritt wie zum Beispiel die Fernsteuerung anbietet, sollte man ihn ausnutzen und es versuchen.
In den Ferien schloss er den Anzug in seinem Spind ein und besuchte seine Eltern, die im Norden des Landes wohnten. Es war ein felsiges Gebiet mit vielen Aussichtspunkten, Lugs genannt. Dort war er allein unterwegs und kam nur zu den Mahlzeiten ins Haus. Als Piet eines Tages an Lug 6 ein Mädchen sah, erstarrte er. Nur sein Kopf bewegte sich. Das Mädchen tat das, was ihre Kameradinnen taten: zum Geländer gehen, hinunter gucken, weggehen, lachen, ein Foto mit den anderen Mädchen machen, wieder zum Geländer gehen, hinunter gucken, lachen und dann mit den anderen Mädchen weggehen und nicht wiederkommen. Piet stand da. Dann versuchte er, ihr hinterherzugehen. Immer wieder hob er das Knie mit dem Fuß dran und dann sein anderes. Als neue Besucher zur Aussichtsplattform kamen, darunter ein Großvater, machte er einen Schritt zur Seite, aber da war die Plattform zu Ende. Er stürzte in den Abgrund. Im Fallen biss er sich auf die Lippen. Es war ihm sehr peinlich und er hielt den Mund, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Nur der Großvater hatte es bemerkt. Piet sah, wie der Großvater ihm stumm mit der Hand zuwinkte, bis er zu tief war, um ihn noch erkennen zu können.

Parodie eines Clowns
Grog und Rum, von denen letzterer eine Erfindung – wenn auch eine logische – ist, inspirierten den arbeitsmüden Staatsbeauftragten Karl Vreund dazu, sich ein Clownskostüm zu schneidern und sich zum Gedenken an diese zwei großen Vertreter der Komischen Zunft den Künstlernamen Milch zuzulegen. Per Zeitungsannonce suchte er nach einem Partner mit dem Namen Zucker, den er allerdings nicht fand. Wenn man schon von Problemen spricht, muss hinzugefügt werden, dass Milch zwar ein Clownskostüm besaß, eben das, was er sich geschneidert hatte, er aber nicht im Mindesten komisch war. Er litt an Neidanfällen und hypochondrischer Humorlosigkeit. Wenn er auftrat, musste er stets hoffen, im Publikum Leute vorzufinden, die ihn allein deswegen komisch fanden, weil er ein Clownskostüm trug. Tatsächlich war das zeitlebens der Fall. Sein Programm bestand darin, die alltäglichen Handlungen von Immobilienmaklern, Börsenspekulanten oder Wirtschafts-Ingenieuren zu imitieren und währenddessen reale Objekte oder auch Aktienkurse mit einzubeziehen. Da er seine Investitionsentscheidungen mit einem gewissen Händchen traf, waren die Auftritte komisch und lukrativ zugleich. Regelmäßig johlte das Publikum und wälzte sich am Boden, während Milch per Telefon auf den Index setzte oder Interessenten zur Wohnungsbesichtigung eines seiner Objekte lud. Mit stoischer Miene erläuterte er Kosten und Nutzen oder sagte Phrasen auf wie: Nur wenige Autominuten entfernt vom Szeneviertel. Dabei schwangen seine selbstgehäkelten Bommel durch die Luft, und seine weiße Schminke vermischte sich mit kullernden Schweißtropfen. Es war eine anstrengende Kunst. Milch verließ trotz seines Erfolges nie das Gefühl, seine verehrten Vorbilder Grog und Rum niemals erreichen zu können. Unerwartet verstarb er, kurz nachdem er seine beliebte Nummer Ich-eröffne-ein-neues-Konto aufgeführt hatte. Es war ein tödlicher Neidanfall, für den jede Hilfe zu spät kam. Auch eine Bluttransfusion in einem lachenden Krankenwagen konnte ihn nicht retten. Er hinterließ sein Vermögen einem unbekannten Artisten, welcher zu sein in der Folge viele für sich in Anspruch nahmen, der aber nie gefunden wurde. Aufgrund der klugen Investitionen Karl Vreunds alias Milch wächst sein Vermögen bis heute beständig. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann es den ersten Schlag führt gegen uns alle, die wir hier sitzen und Comedy-Shows im Kabelfernsehen schauen, während die Chips zur Neige gehen.

 

Keine Maxiatur