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Catharina Junk

aus: „Blast“ | Roman


blast: (engl., ugs.) Detonation, Stoß, Druckwelle, Wahnsinnsspaß

Blast: (von gr. blastos „Keim“, „Spross“) eine junge, nicht endgültig differenzierte Zelle, die sich teilt. Blasten differenzieren in der Regel zu einem speziellen Zelltyp aus. Manche an sich ausdifferenzierte Zellen können wieder zu Blasten „entdifferenzieren“. Auch bei Tumorzellen spricht man bei Vorliegen der typischen Eigenschaften der Blasten von blastären Tumorzellen.

Ab jetzt möglichst ein Leben ohne Van Gogh. Ich sitze auf dem Bett, starre auf den gerahmten Druck an der Wand und hoffe, dass ich die fünfzehn Sonnenblumen nie wiedersehen muss. Hier nicht, aber auch sonst bitte nicht. Eventuell ist mein Verhältnis zu Sonnenblumen für immer gestört. Kann sein, dass ich sie für den Rest meines Lebens meiden muss. Wie lang auch immer das noch sein mag. Erinnerung an mich selbst: Für die Familie aufschreiben, dass im Falle des Falles keine Sonnenblumen auf mein Grab sollen. Dann lieber Buchsbaum ohne Ende. So schneckenförmig gepflanzt, wie ich es mal gesehen habe. Langweilig und farblos? Bedankt euch bei Van Gogh.
Die vergangenen vier Monate habe ich in Zimmer 9 auf diesen Kunstdruck geguckt und die Zeit davor von Januar bis April lag ich in Zimmer 4, wo der geflochtene Stuhl mit Pfeife hängt. Und ganz am Anfang, die ersten vier Monate nach der Diagnose, war ich im Zimmer 11 mit den Fischerbooten am Strand von Saintes-Maries-de-la-Mer untergebracht. Dabei kennt doch jeder die Geschichte mit dem abgeschnittenen Ohr. Ich sag es mal so: Wenn man über Monate mit diesen Bildern in einem Zimmer eingeschlossen ist, bekommt man irgendwann auch Lust, sich ein Ohr abzuschneiden. Oder sich die Pulsadern aufzuschneiden.
Natürlich, klar, es hätte auch schlimmer kommen können. Matisse zum Beispiel. Der Tanz. Ganz schnell wünscht man sich dann den Stuhl mit Pfeife zurück. Plötzlich: Leukämie? Nicht ohne meinen Van Gogh!

Ich warte. Obwohl ich in den vergangenen zwölf Monaten nichts anderes gemacht habe, bin ich immer noch nicht gut darin, zu warten. Die Taschen stehen gepackt vor dem Einbauschrank, die Ablage am Waschbecken ist leer und an der Wand über dem Kopfteil des Betts verraten nur ein paar Klebefilm-Reste dass hier einmal meine Karten und Fotos klebten. Endlich geht die Tür auf und Dr. Wehmeyer tritt ein.
„So. Dann geht’s also heute nach Hause?“
„Ja.“ Ich lächle, weil wir beide wissen, dass diese Situation vor kurzem noch nicht absehbar war.
„Wird ja auch mal Zeit, oder?“
Ich nicke. Dem kann ich nicht widersprechen.
„Das mit den Tabletten...?“
„Wurde mir gesagt.“
„Rezept?“
„Hab ich auch schon.“
„Den Brief an Ihren Internisten schicken wir heute noch raus.“
„Ich soll jeden Montag zum Blutbild in die Praxis kommen.“
„Okay und wir hatten ja besprochen, dass wir den Port erst noch einmal drin lassen.“
Damit ist der implantierte Katheder gemeint, der unter meinem linken Schlüsselbein sitzt und über den ich meine Chemotherapie bekommen habe. Eine kleine Kammer mit einer Silikonmembran unter meiner Haut, von der aus ein Schlauch bis zum rechten Vorhof meines Herzens führt.
Ich verziehe den Mund zu einem schiefen Lächeln und nicke: „Für den Fall, dass wir ihn wieder brauchen.“
Dr. Wehmeyer will das Gespräch sofort wieder in positive Bahnen lenken und ergänzt schnell: „Mit jedem Tag, den Sie gesund bleiben, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie es auch bleiben.“
„Aber die Rückfallquote ist ja jetzt auch nicht so niedrig.“ Irgendetwas in mir sperrt sich gegen dieses Das-wird-schon.
Der Arzt schaut mich ernst an: „Die Statistik soll uns jetzt mal gar nicht interessieren. Wir schauen nur auf Sie und sehen eine gesunde junge Frau.“
„Mit Hamsterbacken.“
Dr. Wehmeyer lacht über meinen Scherz: „Die bleiben auch noch eine Weile. Wir können das Cortison nicht abrupt absetzen, es muss langsam immer weiter reduziert werden. Dauert ein bisschen, aber in ein paar Monaten werden die Schwellungen zurückgehen.“
Ich nicke. Okay. Und ich weiß, dass Eitelkeit in meiner Situation undankbar und lächerlich ist, aber ich sehe nicht gern wie ein Nagetier aus, das sämtliche Wintervorräte in seinen Proviantbacken mit sich herum trägt.
„Denken Sie daran, was Sie schon geschafft haben.“
Wann gehen dem armen Mann die Motivationssprüche aus? Und schäbig fühle ich mich auch. In den anderen Zimmern liegen Menschen im Sterben und ich halte den Arzt mit einem Gespräch über mein Aussehen auf.
„Ja, ich weiß.“
„Na dann...“ Dr. Wehmeyer nickt freundlich, „Alles Gute für Sie.“
„Für Sie auch. Und noch mal vielen, vielen Dank.“ Das ist von Herzen so gemeint, reicht aber gar nicht für das, was ich gerne sagen würde. Deswegen wiederhole ich mich: „Wirklich. Vielen Dank für alles. Ehrlich. Ohne Sie alle hier...“ Ich mache mit dem Arm eine ausholende Bewegung wie ein römischer Kaiser, aber dann kippt meine Stimme und ich bin schnell still. Jetzt nicht heulen. Das ist schließlich nur sein Job. Beim Bäcker weint man ja auch nicht wenn die Brötchen gut schmecken. Andererseits: Bäcker retten keine Leben. Der Vergleich ist also völlig unpassend. Obwohl ich mich so anstrenge, rollen Tränen meine Wange hinunter.
Dr. Wehmeyer lächelt: „Sie schaffen das.“
Der Arzt gibt mir die Hand, drückt richtig fest zu und zeigt mir damit, dass er voller Zuversicht ist. Keine Ahnung, ob er das wirklich so sieht, oder nur so tut. Kann ich jetzt aber auch nicht fragen. Dr. Wehmeyer verlässt mit einem Nicken das Zimmer, lässt die Tür offen stehen und macht sich auf den Weg, um andere Leben zu verlängern.

Meine Mutter wartet unten vor dem Haupteingang zwischen all den rauchenden Kranken, die in zombiehafter Haltung in Rollstühle gegossen, auf Krücken gestützt und an Infusionsständer gekabelt nicht anders können.
Als sie mich sieht breitet sie ihre Arme aus und strahlt: „Nina! Endlich!“
Ich stelle die Taschen ab, lasse mich drücken und es ist so ungewohnt, andere Luft einzuatmen als die durch die Klimaanlage surrende auf der Station. Die Sonne scheint, aber es weht ein kühler Wind. Es fröstelt mich, doch das kann auch die Aufregung sein.
Meine Mutter schaut mich glücklich an: „Und?“
„Irgendwie seltsam.“ Ich zucke mit den Achseln und lache ratlos.
Meine Mutter zieht mich noch einmal an sich: „Ach, ich bin so froh! Jetzt hast du es geschafft!“
„Ja, mal abwarten.“ Wir lösen die Umarmung und weil ich nicht weiß, wo ich hingucken soll, drehe ich mich um und schaue den hohen Bettenturm der Klinik hinauf, der ein ganzes Jahr meine Welt war. Meine Mutter folgt meinem Blick. Zusammen stehen wir da, die Köpfe in die Nacken gelegt, und gucken nach oben. Vierzehnter Stock mit Blick über Münster. Die Stadt, in die ich zum Studieren gezogen war und in der ich krank geworden bin, bevor ich überhaupt das Bezahlsystem in der Mensa verstanden hatte. „Was für ein Wahnsinn“, sage ich.
„Ja, aber das liegt jetzt alles hinter dir!“ Meine Mutter knufft mich liebevoll in die Seite.
Ich nicke. „Nie mehr Hähnchen Estragon, alle vierzehn Tage mittwochs!“
Meine Mutter lacht, legt den Arm um meine Schulter und zieht mich zu sich heran: „Nie mehr Chemo!“ Ganz feierlich sagt sie das.
Einen Moment erlaube ich mir die Hoffnung, dass sie Recht hat.
„Lass uns weg hier.“

Auf der Autobahn schweigen wir. Ich merke, dass meine Mutter unsicher ist, ob sie mit mir sprechen oder mich lieber in Ruhe lassen soll. Da ich es selber auch nicht weiß, kann ich da jetzt auch gar nicht weiterhelfen. Ich spüre ihre Erleichterung, ihr Glück darüber, dass ich lebendig neben ihr sitze, wir zusammen nach Hause fahren und dass jetzt alles wieder gut werden kann. Immer wieder atmet sie tief ein und wenn sie ausatmet zittert ihre Brust. Ich halte das kaum aus.
Wenn ich einen Rückfall bekomme, wird es doppelt hart für sie, weil sie jetzt in diesem Moment so voller Hoffnung ist. Meine Mutter mag Sprichwörter wie „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“ und ich weiß, dass sie es zwar nie in Bezug auf mich sagen würde, aber mir selbst geht der Satz im Kopf herum wie ein lebensmüder Ohrwurm. Dabei will ich nichts anderes, als gesund zu bleiben. Ich will nicht mit 21 sterben und ich will nicht, dass die Chemos, die Schmerzen, das Kotzen, das Hähnchen Estragon alle vierzehn Tage mittwochs und all der ganze andere Scheiß im Krankenhaus umsonst waren.
Trotzdem: Wäre ich vor einem Jahr einfach gestorben, hätte meine Familie sich jetzt vielleicht schon wieder ein bisschen von dem Schock erholt und sich langsam an ein Leben ohne mich gewöhnt. Ein paar Sonnenblumen stünden auf meinem Grab und es wäre okay. Aber stattdessen bin ich wieder gesund geworden und sitze hier mit meinen Cortison-Hamsterbäckchen und meinem neu gewachsenen, albern gelockten Pudel-Haar auf dem Beifahrersitz, während mein unberechenbarer Körper ein großes Geheimnis aus der ganzen Heilungssache macht.
Vielleicht ja, vielleicht nein. Lasst euch überraschen.