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Susanne Neuffer

Susanne Neuffer

Auf dem weißen Wagen | Erzählung

 

Ich habe mir die Tour nicht ausgesucht. Hier wird man eingeteilt. Wie überall wird man eingeteilt. Ich fahre mit Volker und noch einem. Seit Hanna es an den Bandscheiben hat.
Eigentlich wären vier Leute besser, aber dann wäre es vorne zu eng. Hier muss man ja im Wagen sitzen. Da ist nichts um hinten drauf zu stehen. Also diskutieren wir schon morgens, wer in der Mitte sitzt und wer an der Tür sitzt. Wer an der Tür sitzt, muss rausspringen und von der Laderampe bis zum Filialleiter laufen, meistens durch den ganzen Laden, in dem sowieso kein Personal zu sehen ist, und muss sagen, dass wir da sind, und mit dem einzigen Angestellten, den es in diesem Laden dann doch noch irgendwo gibt, durch die Lager bis zur Warenannahme laufen. Aber wer in der Mitte sitzt, ist eingequetscht und erwischt leicht den falschen Gurt.
Auf den Pferdeweiden liegt manchmal Reif. Die Stadt läuft hinter den Baumärkten und Futterläden sehr schnell in Pferdeweiden aus.
Die Sonne scheint quer ins Auto und zwingt einen die Augen zu schließen.
Bei der Müllabfuhr war die Aufgabenverteilung auch immer ganz wichtig. Wer was machen durfte. Musste. Sie haben immer über mich gelacht, weil ich so gerne hinten drauf mitfahren wollte. Ich wäre da geblieben, vor allem als wir die Laubsäcke nicht mehr hochwerfen mussten, weil sie für die Säcke eine extra Firma hatten. Und ich war ja schon weg von den Laubkehrern und den Laubbläsern. Den Aufstieg hatte ich schon geschafft. Ich stand links hinten auf dem Trittbrett und drückte mich fest an den Wagen, und natürlich fuhren sie schneller als sie durften, vor allem in den ersten Tagen, als sie mich austesten wollten. Und links von mir donnerten die Lkws vorbei und der Fahrtwind riss an meiner Jacke und den Hosenbeinen.
 
Volker war früher beim Zoll und der andere war Krankenpfleger. Mario heißt er. Ich war Sängerin, also beinahe. Da könnte man zu dritt schon einen kleinen Staat gründen: Sicherheit, Gesundheit, Kultur. Da sind die Ministerposten schnell vergeben.
Wir nehmen heute den Laden am Markt nicht mit. Zu umständlich, zu schlechte Ware. Wenn der Schimmel schon wie grüne Wolle aussieht, spielen wir nicht mehr mit.
Die Uniform ist in Ordnung, jedenfalls haben wir alle so eine Jacke an, die gut wärmt und auf der steht, woher wir kommen. Natürlich kein Vergleich mit den großartigen Anzügen von der Müllabfuhr. Ich mochte es, da morgens reinzusteigen und die schweren Schuhe zuzumachen. Damit war man sofort auf der Seite der Guten. Andererseits haben einen die Schulkinder auch sofort gesehen, und die glauben ja immer noch, dass sie Müllmänner werden, wenn sie nichts können. Und dann machen sie blöde Sprüche. Denkste, sagten wir da, wenn wir um zehn in der Kantine saßen, den Beamten beim Frühstück zusahen und selber schon beim Mittagessen waren: Denkste, mit schlechten Noten wirst du kein Müllmann, da wirst du gar nichts. Kann sein, dass du bei den Laubkehrern  landest, aber nicht bei der Müllabfuhr.

Der Geruch war ähnlich. Das Zeug in den Mülltonnen riecht immer gleich, egal was die Leute wegschmeißen. Und das Zeug, das wir an den Hinterausgängen der Läden holen, riecht auch so, egal was in den Kisten ist.
Volker meint, es seien die Handschuhe, die wir anhaben, die blassen dünnen Chirurgenhandschuhe, mit denen wir die faulen von den festen Paprika trennen. Oder die Kartoffeln sortieren, Kartoffeln können schlimm sein. Wir wechseln dauernd die Handschuhe, denn wir fassen ja auch das Brot an, das große, noch weiche, noch schwach duftende Brot, dass sie uns in riesigen Körben hinstellen.
Mario hat eine Schwäche für die Biotonnen der Discounter. Manchmal sind da noch ganze Lebkuchenpackungen drin oder Pralinenschachteln, einfach nur ein bisschen verdrückt. Kann man doch noch brauchen, sagt der gewesene Krankenpfleger und taucht bis zu den Ellenbogen hinunter.
Ich habe mich schnell eingelebt. Früher einsammeln, wegwerfen, und jetzt einsammeln, austeilen.
Red nicht immer von der Müllabfuhr, sagt Volker, das hier ist was anderes. Warum bist du nicht da geblieben?
Sie wollten keine Frauen hinten auf dem Wagen.  Und sie wollten mich zur Fortbildung schicken und dann in den Innendienst. Ich hätte auch nie eine Chance auf die Großkehrmaschine gehabt.

Mario springt aus dem Wagen, geht über den Parkplatz, um uns anzumelden. Immer noch leichtfüßig, nach einem ganzen Arbeitsleben. Lässig, mit wiegendem Gang.
Wie ein Cowboy, denke ich, einer mit einer riesigen Herde im Rücken, oder wie ein NGOler, auf dem Weg zum Hangar, wo die Reissäcke lagern, die gleich aufgeschlitzt werden, damit der Reis in die hochgehaltenen Plastikschüsseln und die hungrigen Bäuche rinnen kann.
Das weiße Auto, das überall Vorfahrt hat.


(…)