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Daniel Gerzenberg
Miriam Mandelkow
Claudia Steinitz
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Susanne Neuffer

Miriam Mandelkow

aus: NoViolet Bulawayo, Wir brauchen neue Namen | Suhrkamp 2014

übersetzt aus dem Englischen


BUDAPEST

Wir sind auf dem Weg nach Budapest: Bastard und Chipo und Godknows und Sbho und Stina und ich. Obwohl wir eigentlich gar nicht über die Mzilikazi Road rüberdürfen, obwohl Bastard auf seine kleine Schwester Fraction aufpassen soll, obwohl Mutter mich totschlägt, wenn sie das rausfindet; wir gehen einfach. In Budapest kann man Guaven klauen, und ich könnte gerade sterben für Guaven. Wir haben nichts gegessen heute Morgen, und mein Bauch fühlt sich an, als wenn jemand mit einem Spaten alles rausgeschaufelt hätte.
            Aus Paradise rauszukommen ist nicht so schwer, die Mütter sind sowieso nur mit ihren Haaren und ihrem Tratsch beschäftigt, damit sind sie ja die ganze Zeit beschäftigt. Sie gucken kurz her, wenn wir der Reihe nach an den Hütten vorbeigehen, und dann wieder weg. Um die Männer unter der Jacaranda müssen wir uns auch keine Sorgen machen, die kleben die ganze Zeit am Dame-Brett. Nur die Kleinen sehen uns und wollen hinter uns her, aber Bastard haut dem nackten ganz vorn mit der Faust auf den Riesenschädel, und alle kehren um.
            Dann sind wir im Busch und rasen und schreisingen, unsere Stimmen Räder, die sich drehen und uns immer schneller machen. Zuerst Sbho: Wer hat den Weg nach Indien entdeckt?, und dann wir: Vasco da Gama! Vasco da Gama! Vasco da Gama! Bastard läuft vorneweg, weil er das Landspiel heute gewonnen hat und meint, dadurch ist er jetzt Präsident oder so was, dahinter ich und Godknows, Stina und Sbho und ganz hinten Chipo, die mal schneller war als alle andern in Paradise, aber jetzt nicht mehr, weil jemand sie schwanger gemacht hat.
            Als wir über die Mzilikazi rüber sind, geht es noch mal kurz durch den Busch, dann ein Stück die Hope Street lang und von da am großen Stadion vorbei mit den glänzenden Bänken, auf denen wir nie sitzen werden, dann sind wir in Budapest. Einmal müssen wir anhalten, damit Chipo sich hinsetzen kann mit ihrem Bauch; der tut manchmal weh, und dann muss sie ihn ablegen.
            Wann kriegt sie überhaupt das Baby?, fragt Bastard. Bastard mag es nicht, wenn wir anhalten müssen wegen Chipos Bauch. Er wollte uns sogar überreden, dass wir gar nicht mehr mit ihr spielen.
            Irgendwann kriegt sie’s schon, antworte ich für Chipo, sie redet nämlich nicht mehr. Sie ist nicht stumm-stumm, sie sagt nur einfach nichts, seit man ihren Bauch sehen kann. Aber sie spielt noch mit uns und macht alles mit, und wenn sie richtig, richtig dringend was sagen muss, dann benutzt sie ihre Hände.
            Wann ist irgendwann? Donnerstag? Morgen? Nächste Woche?
            Siehst du nicht, dass ihr Bauch noch klein ist? Das Baby muss wachsen.
            Ein Baby wächst, wenn es aus dem Bauch raus ist, nicht drin. Dazu werden sie ja geboren. Damit sie erwachsen werden.
            Jedenfalls ist es noch nicht so weit. Darum ist es noch im Bauch.
            Ist es ein Junge oder ein Mädchen?
            Ein Junge. Das Erste ist normalerweise immer ein Junge.
            Aber du bist ein Mädchen, du Großmaul, und du warst die Erste.
            Normalerweise, hab ich gesagt, oder?
            Halt doch deinen kaka Mund, ist ja nicht mal dein Bauch.
            Also, ich glaube, es wird ein Mädchen. Ich hab dauernd meine Hände drauf, und es hat noch nie getreten, nicht ein Mal.
            Ja, Jungs treten und boxen und verteilen Kopfnüsse. Mehr können sie auch nicht.
            Will sie einen Jungen?
            Nein. Ja. Vielleicht. Weiß nicht.
            Wo genau kommt denn ein Baby raus?
            Da, wo es in den Bauch reingeht.
            Und wie genau kommt es in den Bauch?
            Erst muss die Mutter von Jesus es da reintun.
            Nein, nicht die Mutter von Jesus. Ein Mann muss es da reintun, hat mir Musa erzählt, meine Cousine. Eigentlich hat sie’s Enia erzählt, aber ich war dabei und hab’s mitgekriegt.
            Und wer hat es bei ihr reingetan?
            Woher sollen wir das wissen, wenn sie nichts sagt?
            Wer hat es da reingetan, Chipo? Sag’s uns, wir sagen es auch nicht weiter.
            Chipo guckt in den Himmel. In einem Auge ist eine Träne, aber nur eine kleine.
            Wenn ein Mann es da reintut, warum holt er es dann nicht raus?
            Weil die Frauen die Geburt machen, du Hohlbirne. Dazu haben sie ja Brüste, damit sie das Baby stillen und alles.
            Aber Chipos Brüste sind klein. Wie Kieselsteine.
            Das ist egal. Die werden größer, wenn das Baby kommt. Los jetzt, können wir, Chipo?, frag ich. Chipo antwortet nicht, sie geht einfach los und wir hinterher. Mitten in Budapest bleiben wir stehen. Das ist hier nicht wie Paradise, das ist wie in einem ganz anderen Land. Einem schönen Land, wo Leute wie wir nicht leben. Wobei man gar nicht merkt, dass hier überhaupt echte Menschen leben; sogar die Luft ist leer: kein leckeres Essen auf dem Feuer, kein Geruch, kein Geräusch. Einfach nichts.

Budapest, das sind große, große Häuser mit Satellitenschüsseln auf den Dächern und hübschen Kieshöfen oder gestutzten Rasen und hohen Zäunen und Fertigmauern und Blumen und großen Bäumen voll mit Obst, das auf uns wartet, weil hier anscheinend keiner weiß, was er damit anfangen soll. Nur wegen dem Obst haben wir überhaupt den Mut, sonst würden wir uns gar nicht hierher trauen. Ich denke immer, gleich spucken uns die sauberen Straßen an und schicken uns zurück, wo wir hergekommen sind.
            Erst haben wir Stinas Onkel beklaut, der jetzt in England wohnt, aber das war nicht Klauen-Klauen, weil es ja der Baum von Stinas Onkel war und nicht von einem Fremden. Das ist ein Unterschied. Aber dann hatten wir seine Guaven aufgegessen, also sind wir weiter zu den anderen Häusern. Wir haben so viele Häuser beklaut, ich kann’s gar nicht zählen. Bastard hat bestimmt, dass wir eine Straße aussuchen und in der bleiben, bis wir alle Häuser durchhaben. Dann zur nächsten. Damit wir nicht durcheinanderkommen, wo wir schon waren und wo wir noch hingehen. Das ist wie ein Muster, und Bastard sagt, so werden wir bessere Diebe.         [...]
                       
Wenn man was klaut, sollte es besser klein sein, damit man es verstecken kann, oder essbar, dass man es schnell verdrückt wie Guaven. Dann können die einen gar nicht erst erwischen mit dem Ding und sich dran erinnern, dass man ein schamloser Dieb ist und sie beklaut hat, insofern versteh ich auch nicht, was die Weißen da überhaupt probiert haben, als sie nicht so was Kleines geklaut haben, sondern ein ganzes Land. Wer vergisst denn, dass man so was geklaut hat?