Literaturpreise-Hamburg.de

Daniel Gerzenberg
Miriam Mandelkow
Claudia Steinitz
Sigrid Behrens
Manuel Funk
Tino Hanekamp
Jonis Hartmann
Catharina Junk
Susanne Neuffer

Claudia Steinitz

aus: "Die bleichen Füchse" von Yannick Haenel | Rowohlt, 2014

übersetzt aus dem Französischen

12
Die Opfergaben ablegen

Ich habe einen Altar für den Toten gebaut. Als die Müllmänner heute Morgen in die Straße kamen, bin ich aus dem Auto gestiegen und zur Ecke Rue Villiers-de-l’Isle-Adam gegangen, wo es direkt neben den Containern einen kleinen Garten gibt. Das Gras wächst durch den Zaun bis auf den Bürgersteig und klammert sich an die Wurzeln einer Platane: Dort habe ich mit Issa und Kouré die Opfergaben abgelegt.
Sie stammen aus Mali, ich nenne sie die Dogon-Brüder, aber sie gehören nicht zum Volk des Felshangs: Sie sind Soninke und kommen wie die meisten malischen Einwanderer in Paris aus der Region Kayes. Sie sind Zwillinge; so sind sie, habe ich ihnen gesagt, nicht allein geboren.
Wir drückten uns die Hand, ich bot Zigaretten an, wir rauchten stumm.
Ich hatte einen Hund in den Tod begleitet, aber wie macht man es mit einem Menschen, von dem nur ein Fuß bleibt? Rituale vollziehen sich unabhängig von uns, sie bevölkern unseren Geist mit Staub und Gesängen, sie suchen durch das Holz, das Feuer, die Asche die unmögliche Spur des Blutes, die sich mit dem Tod verloren hat.
Als ich mich hinhockte, taten sie es mir nach; dann, als ich ein kleines Loch grub, einen Stock aufpflanzte und Zweiglein dazulegte, nickten sie voller Andacht. Jeder holte einen Gegenstand aus der Tasche, den er dort für den Toten ablegte: Issa einen Kieselstein und Kouré ein Stück roten Bindfaden. Dann goss ich etwas Wodka in das kleine Loch, und wir hockten alle drei dort, ohne etwas zu sagen. Kouré legte den roten Faden zwischen den Stock und die Zweige; Issa legte den Kieselstein an den Rand des Loches. Wir rührten uns nicht. Wir warteten. Ich dachte: drei die warten.
Ich zündete mir noch eine Zigarette an, dann beschwor ich einen beliebigen Namen, ich sagte „Godot“. Egal, welchen Namen man in so einem Moment ausspricht, es ist immer ein Gott, der einem in den Sinn kommt. So öffnet man die Kehle der Tiere, indem man ihren Kopf hin zu einem Geist dreht, der uns schützt, und wenn ihr Herz aufhört zu schlagen, ergießt sich ein bisschen Blut in das Loch, das den Durchgang zum Durst der Toten öffne; dann kommen sie bis zu uns, und wenn man es schafft, sich auf seine Gedanken zu konzentrieren, ist es möglich, dass uns ihr stummer Gesang erreicht.
Die Toten gehen angeblich schnell; ich glaube das nicht. Mit den Toten muss man langsame Bewegungen ausführen; um über die Toten zu wachen und damit die Toten über uns wachen, braucht man einen Hauch, einen Atem, der dem Gebet gleicht. Und auch wenn man kein Gebet hat, müssen die Stimmen ihm gleichen, müssen sanft und sorgsam sein.
Ich sah, dass Issa etwas sagen wollte, er legte lächelnd die Hand auf die Schulter seines Bruders:
„Wir sind keine Trauerführer, aber wir könnten doch trotzdem ein paar Worte sagen, was?“
Kouré drückte seine Zigarette aus, bedeckte seine Augen mit den Händen und gab eine Art Gesang von sich:
Awa danu wana boy. Bige yeni dyu wuyo. Awa puro won puro tunyo boy. Awa puro buge puro tunyo boy.
Issa zog an seiner Zigarette, sah mich an und übersetzte:
„Holzmaske komm! Ein guter Mann hat das Leben verloren. Die Augen der Maske sind die Augen der Sonne. Die Augen der Maske sind Feueraugen.“

Wir ließen die Worte sich in der Morgenluft ausbreiten, dann gingen wir im Chantefable einen Kaffee trinken. Issa und Kouré waren seit zwei Jahren in Frankreich und wohnten mit ihrem Vater im Bara-Heim in Montreuil. Als Müllmänner konnten sie Geld nach Kayes schicken: „Wir sammeln die Scheiße der Franzosen ein, um Mali zu ernähren“, sagte Issa lächelnd.
Als sie mich fragten, was ich so mache, antwortete ich, ich suchte jemanden. Ich holte die Zeichnung von Godot hervor: „Ihr habt ihn nicht zufällig getroffen?“, fragte ich aus Spaß. Issa und Kouré zuckten zurück. Sie sprangen auf und streckten die Finger nach Godot aus:
„Nimm das weg!“
Als würden sie den Teufel sehen.

Sie waren Godot irgendwo in ihrem Dorf begegnet, vielleicht bei einer Zeremonie, das wussten sie nicht mehr, aber dieses Wesen gehörte ihrer Meinung nach zum „dunklen Hang – zur „anderen Seite“, er hatte das Universum gänzlich verfälscht, wegen ihm fehlten der Welt bestimmte Zeichen; sicher hatte er sie gestohlen. Sie kannten seinen Namen nicht, und als ich ihnen sagte, dass ich ihn Godot nenne, lachten sie.

 

...