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Myriam Keil

aus: Die Türklinkenfabrik | Kurzgeschichte


Wir waren zu zweit. In den Augen meiner Eltern sind wir es noch immer, auch wenn ihre Worte etwas ausklammern, fehlen lassen; etwas, das nicht benannt wird, weil sie nicht aussprechen wollen, was sie über mich denken: dass ich unvollständig bin.

Ich habe einen Bruder, manchmal, im Traum. Er spricht schneller als ich und bleibt immer sechzehn Jahre alt, etwas Verlässliches steckt in meinem Bruder. Während sich mein eigenes Gesicht im Laufe der Jahre im Spiegel verändert, steht er hinter mir und sieht mich an, aus Augen, die nicht altern und mir dennoch etwas voraushaben.

Im Traum kann ich keine Türen schließen; immer wenn ich glaube, es geschafft zu haben, öffnen sie sich wieder. Deshalb nehme ich, wenn ich wach bin, häufig Türklinken in die Hand. Ich drücke sie nach unten, lasse Türschlösser einrasten, drehe oftmals sogar den Schlüssel im Schloss, bis der Schließmechanismus zu hören ist. Dann lasse ich los und warte einen Moment. Bleibt die zugesperrte Tür an ihrem Platz, so weiß ich: Das hier ist die Realität. Ich bin auf diese Weise eine Expertin für Klinken geworden. Seltsamerweise nicht für Türschlösser, nur für die Klinken. Ich würde gerne in einer Firma arbeiten, die Türklinken herstellt, an einem weit entfernten Ort, an dem mich kein noch so kleines Detail an mein jetziges Leben erinnern dürfte.

An den Sonntagen ist es am schlimmsten. Wenn nichts die Stille überlagert, die sich in unserer Wohnung einquartiert hat. Meine Eltern vor dem Fernseher, der immer etwas zu sagen hat und doch nicht ausreicht. Ich bin froh, dass heute Dienstag ist, dass mein Vater von der Arbeit nach Hause kommt und das Laute von dort mitbringt, zu uns hereinträgt, vor uns abwirft. Ein paar Minuten bleibt es jedes Mal am Leben, dann verliert es sich. Nach vorn gebeugt streicht mein Vater den Staub von seinen Schuhen. Der Tag hat Schweißperlen auf seiner Stirn hinterlassen. Er kneift die Augen zusammen, auf dem Boden kriechen Brotkrumen. Die Mutter atmet den Vaterstaub aus der Luft heraus, ihre Staublunge keucht am Herd über den vollen Töpfen. Ein Abend ist wie der andere, sage ich zu meinem jüngeren Bruder, der früher mein älterer Bruder gewesen ist. Heute ist er zu Besuch gekommen, kauert unter dem Esstisch, lässt Messer und Gabel über seine Arme gleiten. In den Beinen zittert er, weil er schon seit einer Stunde dort unten hockt, ohne die Sitzhaltung zu ändern.

Auch jetzt denke ich wieder an jenen Ort, an dem ich arbeiten, den ich vielleicht sogar bewohnen möchte, stelle mir die unzähligen Türklinken vor, die nach ihrer Fertigstellung von Fließbändern in Auffangbehältnisse herabfallen; so sollte es sein. Ich weiß, dass ich nur dort den Trick herausfinden könnte, der dazu führt, dass eine einmal geschlossene Tür nicht ungewollt wieder aufspringt. Unter meinen Händen spüre ich die Klinken, kühl und in sich ruhend, ihre wesenseigene Nähe zu einem Schloss, doch als ich hinsehe, ist unter meinen Händen nur unser Küchentisch: eine glatte Fläche ohne die Fähigkeit, sich zu verschließen. Ich bin gar nicht wirklich hier, schreibe ich mit dem Zeigefinger auf die Tischplatte. Ich bin gar nicht wirklich. Hier.

(...)