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Kaspar Peters

aus: „Abends kommen die Tiere“ | Erzählung


Mehr als alles andere gibt es den Wald. Seit wir in die Vorstadt gezogen sind, gibt es ihn,
der vorher undenkbar war, und seit es ihn gibt, kaum ein Wort zwischen mir und Ava.
Der Wald scheint im Schweigen zwischen unseren Wörtern zu wachsen; das Schweigen
ist lang, die Wörter selten. Er nährt sich geradezu von unserem Schweigen und er tut gut
daran, denn er gedeiht prächtig. Ein Wunder, dass die an den Wald grenzenden Vorgärten
noch Bestand haben. Aber wer weiß, wie lange noch: der Wald duldet die verschüchterten
Flecken gezähmten Rasens ja nur, wie ein Raubtier seine Beute duldet er sie, immer
bereit zum Sprung, und schon morgen könnte er an die Häuser heranreichen, bald Wände
und Dächer durchbrechend sie bewohnen.
Der Wald ist das Äußerste und das Innerste, machtvoll und undurchdringbar ragt er vor
uns auf, kein Blick durchs Fenster, der nicht auf den Wald fiele. Selbst wenn wir die Augen
schließen, ist er noch da, das tiefe Grün seiner Blätter, das Schwarz seiner Schatten
lebt in uns, wie ein Organ pulsiert er in uns und wenn wir einmal den Blick von ihnen abwenden,
spüren wir, wie er uns von draußen anstarrt durch die Fenster. Oft stehe ich am
Küchenfenster und blicke nach draußen auf den Wald, der jeden Tag näher zu rücken
scheint. Wenn er uns einmal in seinen Bann geschlagen hat, braucht es alle Kraft oder die
Dunkelheit der hereinbrechenden Nacht, um den Blick wieder von ihm abzuwenden. Die
Nachbarn lassen in den Abendstunden ihre Rollläden herunter um den Wald auszusperren:
sie im Inneren ihrer Wände, er dort draußen. Ich höre es immer, wenn ich noch am
Fenster stehe und nach draußen blicke, die Nachbarn sind zuverlässig; je lauernder die
Welt, die uns umgibt, desto unerschütterlicher unsere Gewohnheiten. Einer der Nachbarn
beginnt und alle anderen tun es ihm nach, ein Fenster nach dem anderen wird blickdicht
verschlossen, eine Wohnung nach der anderen verwandelt sich in einen Bunker, in dem
blau die Fernseher flackern und ich blicke nach draußen und denke: es gibt doch noch
Licht.
Abends kommen die Tiere aus dem Wald, den wir nie betreten werden, nicht in dieser
Gestalt. Wenn die Tiere aus dem Wald kommen, stehe ich mit Ava am Fenster und wir sehen
schweigend nach draußen. Auch sonst schweigen wir viel, aber das Schweigen am
Abend, das Schweigen angesichts der Tiere ist anders, es ist ein verständnisvolles
Schweigen, keines, in dem man die Eiswürfel klirren hört. Von den vielen Dingen, über
die wir nicht sprechen, ist der Wald, der hinter unserem Haus beginnt, das unabweisbarste
und bedrängendste. Über den Waldrand können wir sprechen und von Zeit zu Zeit tun
wir es auch, aber nicht über das, was dahinter kommt. Und was sollten wir auch sprechen,
niemand, nicht ich, nicht Ava, nicht sonstwer verirrt sich jemals dorthin, niemand
wagt sich hinein in das Dunkel, das sich zwischen den Bäumen ausbreitet, niemand traut
den hoch über uns verhängten Baumkronen, die sich unablässig in einem Wind wiegen,
der nur für sie zu wehen scheint, denn bei uns weht kaum einmal ein laues Lüftchen, die
Hitze staut sich im Sommer, so dass unsere Bewegungen nach und nach versiegen, aber
in den Baumkronen tobt es geradezu als würde vom Wald ein eigener Sturm ausgehen,
ein Sturm, der nur für diesen Wald bestimmt ist, ein Sturm, der eins ist mit der Dunkelheit
des Waldes, die niemals, selbst im hellsten Mittag nicht, vom Licht durchbrochen
wird. Oder scheint es nur so? Verschleiert die Dunkelheit nur, dass dort, im Inneren des
Waldes, das Licht, das durch die Blätter fällt, eine tiefere Wirklichkeit erreicht als hier,
an der Oberfläche unserer Tage, die vom Geräusch der Radios erfüllt sind?

(...)