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Charlotte Richter-Peill

aus: "Die Reise" | Roman


Ich begegnete M in einem November, der mit seinen Stürmen und kahlen Bäumen und der Dunkelheit um ihn war, als besäßen sie einander. In seinem sandfarbenen Mantel ging M durch diesen Monat wie durch ein Bauwerk, dessen Inneres unerschöpflich ist und in dem sich Zimmer an Zimmer reiht. Es war derselbe November, in dem ich meine Träume endgültig begrub. So etwas ist keine große Sache und geschieht wohl manchen Frauen, wenn das Alter kommt. In der Jugend wünscht man sich den Traumprinzen, mit der Zeit dann nur noch einen Prinzen und irgendwann auch nicht mehr den, dann wünscht man sich einfach einen Mann und ein Kind, und wieder etwas später nicht mehr Mann und Kind, dann will man nur noch einen Hund oder eine Katze. Ich vermute, es ist eine Art geistiger Zaubertrick, mit dem man sich aufrecht hält, um nicht vor Kummer und Enttäuschung verrückt zu werden.
   Ich schaffte mir weder Hund noch Katze an.
   Mit M hatte ich nicht mehr gerechnet.

Etwa ein Jahr, bevor wir einander trafen, begann die Müdigkeit. Wenn ich morgens aufstand, fühlte ich mich, als hätte ich eine Packung Toast gegessen und mit einem Liter Sahne nachgespült. Einen Grund für die Müdigkeit gab es nicht, keine Schlafstörungen, keine Krankheit, nicht einmal Eisenmangel, der bei Frauen ja häufig vorkommt. Die Müdigkeit machte meine Stimme schwer und meine Bewegungen langsam. Meine Kollegen begannen von mir zu sagen, sie würden die Ruhe und Besonnenheit schätzen, die ich in letzter Zeit ausstrahlte. Sie ahnten nicht, dass ich nur müde war.
   Ich unternahm manches gegen diesen Zustand. Zum Frühstück aß ich Hirse und Gojibeeren, ich praktizierte Yogaübungen, verabredete mich fürs Kino oder für einen Theaterbesuch und meldete mich zu verschiedenen Kursen an: Gewaltfreie Kommunikation, Thailändische Küche, Kräuterwanderungen.
   Die Müdigkeit blieb.
   An dem Tag, an dem ich M begegnete, war es besonders schlimm. Mein Wecker klingelte um halb sieben, ich schaltete ihn aus, rollte mich unter meiner Decke zusammen und dachte an den vor mir liegenden Tag, der sich in nichts von dem vorigen Tag unterscheiden würde oder von dem Tag davor, kurz, ein Tag, der mich wenig bis gar nicht interessierte. Um zehn vor acht griff ich nach dem Telefon, das neben mir auf dem Nachttisch lag, und rief die Schulsekretärin an. Ja, sagte Frau Perkow, sie würde eine Vertretung in meine Klasse schicken. Nein, sie fragte nicht. Dabei sehnte ich mich nach Fragen, ich wünschte mir Worte, die meine Müdigkeit in Stücke schlugen, sogar eine schlechte Nachricht wäre mir willkommen gewesen, ich wollte spüren, wie mein Bauch sich bei ihren Sätzen verkrampfte: Das reicht jetzt, Frau Kamereit, ist ja nicht das erste Mal, ich muss das an den Direktor weitergeben, an die Schulbehörde, an sonst wen, Zwangsversetzung, am besten gleich ein Berufsverbot …
   „Ach, und alles Gute zum Geburtstag, Frau Kamereit“, sagte Frau Perkow, wünschte mir eine gute Besserung und legte auf.
   Der Tag, an dem ich M begegnete, fast hätte ich es vergessen, war mein fünfzigster Geburtstag.
   Ich hatte nichts geplant, Anton und Rieke, meine Nachbarn, hatten mich zum Essen eingeladen, wie sie es auch im vorigen Jahr getan hatten, doch diesmal hatte ich abgelehnt. Die letzte Einladung war schwierig für mich gewesen und ich fürchtete mich vor einer Wiederholung. Eigentlich hatte der Abend sehr nett begonnen. „Was darf ich dir zu deinem Geburtstags-Menü einschenken?“, hatte mich Anton fröhlich gefragt, daran erinnerte ich mich lebhaft, und ich hatte ebenso fröhlich geantwortet: „Mal sehen, was habt Ihr denn im Angebot?“
   „Ha, so manches! Wir trinken wild und gefährlich in diesem Haus.“
   „Also dann: eine Apfelschorle.“
   „Apfelschorle“, sagte er. „Das ist aber mal … besonnen.“
(…)