Literaturpreise-Hamburg.de

Brigitte Große
Doris Kouba
Corinna Popp
Myriam Keil
Kaspar Peters
Charlotte Richter-Peill
Katrin Seddig
Tanja Schwarze
Saša Stanišić

Tanja Schwarze

aus: „Der größte Wunsch“ | Erzählung


Die Derwische sind zu neunt. Sie treten auf die Bühne, einer nach dem anderen, verbeugen sich und fangen an zu wirbeln. Sie drehen sich um sich selbst mit ausgestreckten Armen, ihre Gewänder heben sich, sie werden zu weißen Kreiseln, ihre hohen Hüte sind die unsenkrecht eiernden Stiele, rot.
      Nach einer Weile hört der Erste auf zu wirbeln. Sein Gewand fällt herab, und seine Arme. Er stellt sich an den Rand und wartet auf den Zweiten. Zu zweit warten sie auf den Dritten, zu dritt auf den Vierten, und so weiter, bis alle stehen, in einer Reihe, mit ihren orientalischen Schnurrbärten. Dann fängt der Erste wieder an, der Zweite folgt, der Dritte, der Vierte, alle Neune.
      Neun weißrote Kreisel mit Armen, und nichts ist zu hören außer dem sanften Rauschen ihrer Gewänder, und dem ferneren Rauschen draußen.
      Es ist immer da, denkt Paula, tagsüber hört man es nicht, aber im Dunkeln ist es immer da.
      Das Publikum hält nichts von den wirbelnden Schnurrbartmännern. Die ersten Kicherer steigen hoch im dunklen Zuschauerraum, die ersten empörten Grunzer. Die Derwische wirbeln nur und stellen sich auf, und wirbeln und stellen sich auf, immer wieder, nichts weiter.
Scheiße, denkt Paula.
      Das Kichern breitet sich aus und wird zum Wiehern, Geraune braust aus den Sitzreihen wie ein aufkommender Sturm.
      Das kann doch nicht wahr sein, schimpft jemand, wir haben teures Geld bezahlt. Die ersten Zuschauer verlassen mit hämmernden Absätzen den Saal.
      Die Derwische wirbeln. Ihre Augen sind geschlossen, ihre Köpfe andächtig verdreht, sie wirbeln wie neugeborene Vögel, die nicht daran zweifeln, dass die Luft sie trägt.
      Scheiße scheiße scheiße, denkt Paula. Sie denkt daran, wie sie sich auch mal gedreht hat, früher, mit ausgestreckten Armen und fliegenden Haaren, rum und rum und rum, die Leute und die Dinge und die Worte haben sich ineinandergezwirbelt zu einem endlosen, lustigen Film.
      Was machst du da, Paulamäuschen, ist das ein Spiel, was machst du denn nur da, hör auf, du wirst ja ganz schwindelig, jetzt hör schon endlich auf.
      Paula schwebt auf winzigen Schrittchen, der Fahrtwind rauscht durch ihre Haare, über ihr Gesicht, sie lacht.

Komm, sagt Chris neben ihr, er steht, Paula sieht zu ihm hoch. Gehen wir, lacht er, da kommt nichts mehr, wir haben alles gesehen. Lass uns lieber noch was trinken gehen, damit der Abend noch einen Sinn bekommt.
      Die Sitze neben Paula sind schon leer, weit hinten sieht sie Janice und Kristin mit den anderen Leuten Richtung Ausgang drängen. Sie springt auf und stolpert hinterher. Warum können sie nicht schön singen wie die Bulgarischen Frauen, denkt sie, oder auf allem trommeln wie die Allestrommler, oder wenigsten krebskrank tanzen, das fanden alle super.
      Sie hätten in ihren Tempeln bleiben sollen, oder in ihren Hinterhöfen, oder wo immer sie normalerweise um sich selbst kreiseln, denkt sie, wie können sie zu uns kommen damit, wie können sie erwarten, dass wir sie verstehen.

Das Bier kommt in einem Riesenhumpen, wie um alles in der Welt soll ein einzelner Mensch so viel Bier trinken, denkt Paula, an einem einzigen Abend. Sie drückt die Beine zusammen unter dem Tisch, um an niemanden zu stoßen, oben folgt sie dem Gespräch so gut es geht. Sie bemüht sich zu lachen an den passenden Stellen, und die richtigen Antworten zu geben auf Fragen. Zwischendurch nippt sie an dem Bier, taucht mit den Lippen durch den Schaum und schluckt. Wenn sie den Humpen wieder hinstellt, ist kein Unterschied zu sehen am Pegel, überhaupt keiner.
      Mit der Zeit geht es besser. Es ist warm in der Bar, Paula wird müde. Der Bierpegel rutscht nun doch nach unten, der Alkohol, der nun nicht mehr im Humpen ist, sondern in Paula, legt sich wie eine Schicht Watte um ihr Gehirn. Die Worte der anderen und die Abbilder ihrer Gesichtsausdrucke brauchen länger, um zu ihr vorzudringen, sie ist sich nicht mehr sicher, ob sie die Witze erkennt, und kann nicht mehr unterscheiden, welche Antworten richtig sind und welche falsch, aber es macht ihr nichts mehr aus.
      Gefährliches Zeug, denkt sie, während sie zur Toilette geht, ich bin der Typ, für den Alkohol gefährlich ist.

Als sie wiederkommt, ist etwas anders. Paula bleibt stehen, hinter einer Säule. Die anderen sitzen am Tisch, wie gehabt. Sie schwatzen und lachen und trommeln mit den Händen auf den Tisch, Paula sieht ihnen zu von hinter der Säule. Ihnen fehlt nichts, sie sind komplett. Aber Paula ist es nicht. Es kommt ihr vor, als sei sie weniger geworden, solange sie dort bei ihnen gesessen hat, als habe sie Stücke von sich in die Mitte gelegt, die ihr jetzt fehlen, Stücke, die immer noch dort sind, die geisterhaft auf dem Tisch umherkriechen und vergeblich versuchen, zu ihr zurück zu finden.
      Es geht nicht, denkt sie, es ist lächerlich, wie konnte ich mir einbilden, dass es funktioniert.
      Draußen ist es kalt, es riecht nach Schnee. Paula stellt sich die Flocken vor, wirbelnd und weiß. Was die Derwische wohl jetzt tun, denkt sie, womöglich drehen sie sich immer noch, haben gar nicht mitbekommen, dass sie allein sind im Theater. Kein Lachen mehr, kein Meckern, kein Absatzgehämmer. Nur das Rauschen ihrer Gewänder und das andere, größere Rauschen, das die Stille noch verstärkt.
      Jetzt ist es richtig, denkt Paula, jetzt geht es ihnen gut.
      Sie steckt die Hände in die Taschen und geht los, wandert durch die leere, kalte Hülle, die die Nacht ist.

(...)