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Katrin Seddig

Katrin Seddig

aus: "Drei Häuser" | Novelle

 

In der Nacht bellt der Hund. Er liegt im Bett und lauscht dem anhaltenden Gebell. Der Hund bellt und bellt wie eine Maschine, eine Hundmaschine. Blechern, gleichmäßig, nicht zornig oder aufgeregt, nur gleichmäßig, immer weiter bellt der Hund. Ernst Strecker dreht sich auf die andere Seite. Er drückt sein Ohr in das Kissen. Es ändert sich nichts. Der Hund bellt. Er will aufstehen und den Hund ruhig machen, aber er kann nicht. Er fühlt sich mühe und unfähig. Wie soll man einen Hund ruhig machen? Einen Hund, der einen nicht leiden kann. Dass der Hund ihn nicht leiden kann, bringt ihn auf. Er erhebt sich, setzt sich auf, die Hände umklammern die Bettkante. Er lauscht seinem Atem und er lauscht dem Gebell. Der Hund scheint ihn zu meinen. Der Hund ist unzufrieden mit Ernst Streckers Politik auf diesem Hof. Die Frau ist unzufrieden, der Blöde ist unzufrieden und der Hund ist unzufrieden, sie wünschten alle, er wäre nie gekommen. Er ist unerwünscht. Er ist der unerwünschte Mann. Frau Mandy fällt ihm ein. Frau Mandy wünscht ihn sich in ihr Wohnzimmer, zu ihren Pralinen und ihrer Milch, sie möchte ihn in ihrer Luft und sich gegenüber haben. Sie möchte sich ihm mitteilen, für Frau Mandy ist er nicht der unerwünschte Mann. Frau Mandy. Warum ist er weggegangen von Frau Mandy? Die Wandsbeker Chaussee kommt ihm in den Sinn, das Rauschen des Verkehrs, die Sirenen der Krankenwagen, Polizei und Feuerwehr, die Motorräder und die Jungen, die sich totfahren. Der Beerdigungsladen, das große Kreuz am Haus, der Penny und der Park mit den Männern und den Kindern, sein Bekanntes und Vertrautes. Sein Sessel und sein Fernseher.
Aber nichts davon lockt ihn wirklich. Es sollte es. Er sollte einen Ort haben, den er vermisst, er spürt das, er sollte eine Art Heimweh verspüren, aber er verspürt kein Heimweh, weil er keine Heimat hat. Und dann besucht ihn wieder dieser Satz, den er dachte und vergaß, weil er ihn nicht denken wollte.
Anneliese hat ja einen ganz anderen geliebt als ihn. Anneliese ist ihm nicht nur weggestorben, sie ist auch schon viel früher weggegangen und hat ihn dort, bei sich, allein gelassen. Als unerwünschten Mann. Sie hat vielleicht geglaubt, er weiß es nicht. Aber er wusste es wohl. Er hat es alles gewusst, und auch, dass sie deshalb so gut roch.

(…)