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Brigitte Große

Thomas B. Reverdy "Die Verflüchtigten"

 

PROJEKTBESCHREIBUNG

Der Untertitel, „Ein japanischer Roman“, steht für zwei Dinge: Einerseits handelt das Buch von Japan nach der Katastrophe von Fukushima und den „Verflüchtigten“, die nach alter Tradition verschwinden, andererseits ist er als Hommage an Richard Brautigan zu verstehen, der sein Werk „Sombrero vom Himmel“ ebenso genannt und die Figur des „Richard B.“ inspiriert hat.

Dieser Richard B., Poet und Privatdetektiv in Los Angeles, wird von seiner früheren Geliebten Yukiko (auch ein Name aus Brautigans Roman) gebeten, sie auf der Suche nach ihrem Vater Kazehiro zu begleiten, der nach einem Spekulationsskandal in Japan entlassen wurde und seither spurlos verschwunden ist, abgetaucht, um seiner Frau die Schande zu ersparen.

Krimi, Liebesgeschichte und düstere Schilderung des Überlebenskampfes der Untergetauchten, die auf der Flucht vor den Yakuza oder auf der Suche nach Arbeit wie Gespenster durch Japan irren, ist dieser Roman mit seiner poetisch-melancholischen Lakonie eine Herausforderung für die Übersetzerin, die auch den Tonfall Brautigans im Ohr haben sollte.


ÜBERSETZUNGSPROBE

1. Liste der Gründe, zu verschwinden

Richard B. handelte wie ein Profi: Er legte eine Liste an. Es gab haufenweise Gründe zu verschwinden.
Der banalste: eine andere Frau. Weil die aber auch total banal ist, funktioniert es wahrscheinlich nicht. Genauer gesagt: acht Prozent Wahrscheinlichkeit, dass es doch funktioniert. Das ist sehr wenig. Dazu muss man sich zwingen, aus Stolz.
Der traurigste: Depression. Das klassische Symptom der Depression ist, dass man den ganzen Tag weint.
Der dümmste: Langeweile. Nur Dummköpfe langweilen sich.
Der am häufigsten nachgeahmte: die Midlifecrisis. Dabei ist das Alter je nach Land variabel. In Japan liegt es bei sechzig. Dort gibt es auch die meisten Hundertjährigen.
Der erstaunlichste: Neugier.
Der lästigste: Narzissmus. Manche meinen, die Frau sei nur ein Beiwerk ihres Erfolgs. Sie sind so mit sich selbst beschäftigt, dass in ihrem Herzen kein Platz für andere ist; sie werden einsam sterben.
Der schmählichste: Selbstverachtung. Auch diese Menschen sind mit sich beschäftigt, sie sind luzide Narzissten, was
aber nichts daran ändert, dass ihnen dasselbe blüht wie den vorigen.
Der ärgerlichste: Reue. Vor allem, weil man nie weiß, was m an bereut. Hätte man es gewusst, müsste man es nicht bereuen.
Der rührendste: Gewissensbisse. Gleichzeitig rühren Gewissenbisse, weil man schon gelogen, verraten, betrogen hat, nur den, der sie empfindet.
Der verblüffendste: ein unhaltbares Doppelleben. Der Mann, den du geliebt hast, war eine Art Geheimagent, der sich in eine Nuttenbar einschlich und dort zum Fürsten der Finsternis wurde, während er für dich ein zurückhaltender, bekümmerter Versicherungsagent war. Du fällst tief. Dazu gibt es nichts zu sagen.
Der beklemmendste: Unschlüssigkeit. Er konnte sich nie zwischen Nudeln mit Schweinefleisch oder mit Rindfleisch entscheiden oder wenn verschiedene Pizzas oder verschiedene Sorten Eis zum Nachtisch auf der Speisekarte standen. Wohl wissend, dass der Kellner wartete und die anderen am Tisch ungeduldig wurden, wählte er jedesmal überstürzt das Falsche und bereute es sofort, wenn es zu spät war.
Der persönlichste: Einsamkeit. Um Aale zu fangen, benutzt man nebeneinander aufgestellte Gläser, gerade so groß, dass die Aale hineinschwimmen können, aber nicht groß genug, dass sie sich darin umdrehen können – rückwärts schwimmen können sie nicht. Ein Philosoph, Maruyama Masama, hat Japan einmal als "Aalreusen-Gesellschaft" bezeichnet.
Der betrüblichste: eine lieblose Ehe. Wenn man Lebensgefährten wählt, wie man ein Bewerbungsgespräch führt, darf man sich nicht wundern, wenn es im Krisenfall zu Entlassungen kommt.
Der vulgärste: kein Sex.
Der unterhaltsamste: Lust auf Sex.
Der verächtlichste: Enttäuschung. Man ist immer nur von sich selbst enttäuscht.
Der reinste: Hoffnung auf ein besseres Leben. Dabei hat man nur ein Leben. Das sagen die, die weitermachen, genauso wie die, die fliehen.
Der eleganteste: um anderen Leid zu ersparen. Das ist gleichzeitig auch der heuchlerischste.
Der quälendste: Angst vor dem Tod. Das gilt auch für Menschen, die sich selbst umbringen.
Der verabscheuungswürdigste: Angst vor dem Alter. Führt in Verbindung mit der Midlifecrisis im allgemeinen dazu, mit einer viel jüngeren Frau auszureißen, mit der man sich immer älter und älter fühlt.
Der erschütterndste: Angst vor dem Scheitern.
Der seltenste: Angst, etwas zu Ende zu bringen, was man angefangen hat, Angst vor dem Erfolg.
Der mieseste: Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit. Hier wird man von den anderen verlassen.
Der modernste: Burnout, Arbeitsdruck. Wenn das vor der Arbeitslosigkeit passiert, kann die Obdachlosigkeit vermieden werden. Wenn nicht, führt es unmittelbar in die Depression, zusätzlich.
Der absurdeste: Entführung durch Außerirdische. Die Statistiken diesbezüglich sind eindeutig: Das ist seit 1989 und dem Fall der Berliner Mauer nicht mehr passiert.
Der erschreckendste: Entführung durch Nordkoreaner. Auch diesbezüglich sind die Statistiken vielversprechend.
Der peinlichste: Alkohol, Schulden, Spielsucht, Frauen. Kurz, alle üblichen Gründe, zu gehen.
Der am schwersten zu erklärende: dass man nicht rechtzeitig etwas gesagt hat, als einer der anderen Gründe eintrat.
Der fernste, aber nächstliegende: Schicksal oder Zufall. Das hat mit unseren Entscheidungen nichts zu tun.
Der nächstliegende, aber fernste: der Tsunami. Er hat alles mit sich gerissen.

Eine alte japanische Schriftstellerin, die auch Listen mochte, notierte in ihrem "Kopfkissenbuch": "Beschämende Dinge: was im Herzen eines Mannes ist."


2. Ein Traum in Kyoto


Du bist in Kyoto. Die Stadt mäandert und breitet sich aus – die Häuser sind nie sehr hoch –, breiter und größer als alle anderen, dehnt sie sich wie Wasser, bis sie das ganze Tal ausfüllt und rundherum an die Berghänge schwappt. Bewaldete Hügel stechen heraus wie Inseln. Sie ist ein See.
In der Luft schwebt der Duft von Iris und Jasmin. Das ist nicht normal im Winter.
Wie der Duft einer Frau.
Im schimmernden Nebel des frühen Morgens gehst du durch ein Viertel mit Holz-machiyas, kleinen, würfelförmigen Häusern, deren erster Stock ein wenig über die Straße hinauskragt, darunter ein Zwergengarten, eine Art Vorhof mit einer Kamelie und ein paar Topfblumen vor dem Eingang. An einigen hängen Papierlaternen, die zum Ende der Nacht hin nach und nach verlöschen. Kakemono aus weißem Stoff mit den Kalligraphien der Namen der Ladenbesitzer oder Gasthöfe wiegen sich vor durchbrochenen Türen, die nicht aufgehen, sondern zur Seite gleiten, verschwinden, wie die Innenwände des Hauses, die stets geschlossenen Fenster, das runde, gelbe shoji vor dem Schlafzimmer, durch das abends und morgens ein sanftes Licht sickert, und japanische Schatten.
Etwas weiter weg entdeckst du eine gewölbte Brücke über einem Kanal in einem Bett aus Steinen, der sich, kaum breiter als ein Bach, zwischen zwei Alleen schlängelt, deren Bäume sich über ihn neigen und ihre Äste zum Wasser recken wie flehende Arme ein paar Dutzend Zentimeter vor ihrem Ziel.
Es sind Kirschbäume, die sich neigen, die Weiden auf der Brücke trauern nur.
Eigentlich ist das gar keine richtige Straße. Eher ein Weg, trotz des Pflasters, das im Widerschein des Nebels glänzt. Zwischen den Häusern taucht er in eine alterslose Vergangenheit ein.
Zu dieser frühen Stunde ist niemand in diesem Viertel an dem Kanal unter dem Blätterdach, in dieser Kälte, in diesem gleichmäßig grauen Licht, auf diesem vom Nebel glänzenden Pflaster, niemand, nur du und die Gespenster der Kapitale.
Die Zeiten verwischen und überlagern sich. Vielleicht liegt es am Nebel. Oder an den seit so langer Zeit gleich gebliebenen Namen. Heian ist heute nur noch ein Tempel. Tausend Jahre lang war es unter dem Namen Heian-kyo die Kapitale eines zerrissenen Reiches. In der Muromachi-Zeit – heute heißt nur noch die Verkehrsschlagader am Kamo-Fluss Muromachi – gewinnen Kamigyo und Shimogyo Gestalt, die auch heute noch Teile der Stadt sind, Quartiere von zwei Armeen verfeindeter daimyo, die mit ihren Manövern Shogune zur Macht erheben oder stürzen. Mit geschwungenen Klingen und langen Bogen bewaffnet, strömen Samurai und Bauern auf die Straßen. Sie tragen leichte, bewegliche Rüstungen in leuchtenden Farben und Säbel und Dolche aus der Provinz Bizen, die sie ohne Scheide in den Gürtel stecken. Du siehst ihre von Mondsicheln, Flügeln oder Hörnern ähnelnden Hirschgeweihen gekrönten Helme. Brüllend und grimassierend fliegen sie an dir vorbei, die aufgerissenen Münder verzerrt, die Augen so rund wie die Statuen der himmlischen Generäle, in gestrecktem Galopp, die Füße fest in die Steigbügel in Form von gebogenen Holzschuhen gestemmt, sie erheben sich aus dem Sattel, die linke Schulter über die Mähne ihres Pferdes gebeugt, das sie mit fester Hand am kurzen Stoffzügel führen, den rechten Arm mit dem gezückten Säbel, dessen lackierte Scheide an ihrem Gürtel oder in ihrem Rücken züngelt wie ein Blitz, waagrecht nach vorn gereckt. Bei der Geschwindigkeit könnten sie Köpfe abhauen, ohne es zu bemerken, weil ihre Klingen wie durch Nebel schneiden.
Aber du hast keine Angst, es sind ja nur Gespenster.
Sind sie von ihren Rössern mit den geschliffenen Geschirren gestürzt, metzeln sie sich gegenseitig gnadenlos nieder im Staub, und das Pflaster rötet sich von ihrem Blut. Sie verschwinden. Jetzt stürmen die sohei vom Berg Hiei, die Mönch-Soldaten von den nordwestlichen Höhen herab wie Dämonen. Sie brandschatzen und morden, und in der aufkommenden Morgenröte beginnen vor deinen Augen die Dächer der Stadt auf einmal zu glühen.
Du gehst weiter. Irgendwo im Süden sind Portugiesen gelandet und haben sich mit ihren Gewehren den Weg in die Ebene freigeschossen, bis sie in einem Handelshafen festgesetzt wurden. Osaka gibt es noch nicht, aber der Handel mit China führt zur Übernahme chinesischer Münzen. Während immer noch Bürgerkriege wüten, siehst du, wie sich rund um dich Händler und Handwerker in den Straßen von Kyoto tummeln, die Kopfputz und Kleidung von den Samurai übernommen haben. Sie trinken in einem Hinterraum ihres Ladens Tee und legen Wert darauf, dass er auf einen kleinen Hof hinausgeht, den sie mit einem Baum und steinernen Laternen zu einem Gärtchen gestalten. Ihre Frauen und Töchter sind schön in ihren Kimonos. Sie verbringen ihre Tage in den Parks der Tempel und im Nô-Theater, das sich entwickelt und die Geschichte von Yoshimitsu und seinem verlorenen Befehlsfächer zu erzählen beginnt, was von den Kriegern von eben gar nicht so weit entfernt ist. Du siehst sie aus ihren Häusern kommen, die freien Frauen der Hauptstadt, die über das Haushaltsgeld gebieten. Von da an ändert sich nicht mehr so viel in Kyoto, bis dessen Töchter zu „Jungen Liebenden in der alten Kaiserstadt“ werden. Du meinst, Kawabatas Heldin Chieko vor dir zu sehen, kurz bevor sie ihren tumben Mann kennenlernt. Sie ist eine Anna Karenina, die, in die Betrachtung der aus einem hohlen alten Baum im Hinterhof sprießenden Veilchen versunken, von einem aufrechten Kerl träumt, ähnlich den Sicheltannen in den nahen Wäldern. Arme Chieko. Eigentlich ist sie das Gespenst ihrer Zwillingsschwester. Das ganze moderne Japan ist doch nur ein verschwommenes Spiegelbild des alten. Das ist eben das Besondere an Kyoto, sagen die Leute, als ginge es nur um ein eingebildetes Gefühl, für das man sich schämen müsste, eine Art Stolz oder Nostalgie, dabei ist das eine Tatsache, die hier nur deutlicher sichtbar wird.
Die Vergangenheit währt ewig, nur die Gegenwart vergeht, die Gegenwart ist es, die sich verflüchtigt und erlischt.
Die Morgenröte beginnt, sie streichelt schon die Flanken der Hügel. Die Schatten werden länger. Du gehst weiter durch die Straßen, bis der Tag das Tal durchflutet und die Stadt ins Licht taucht. Im Kitayama-Gebirge vergoldet die Sonne die Wipfel des Hochwalds und setzt den Himmel auf der anderen Seite in Brand.
Die Sicheltannen, auch japanische Zedern genannt, sind so hoch und gerade gewachsen, dass man den Anblick ihrer vollkommenen Fluchtlinien als Kunstwerk empfindet. Die Nadeln an den obersten Ästen der kahlen Stämme sind so etwas wie die heimlichen Blüten des Winters – fand Chieko.
Weiter westlich, in Arashimaya, beginnt der Bambus in den eigenartigsten Nuancen seines fast gelben Grüns zu leuchten und erweckt so den Eindruck eines unwirklichen Nebels, eines kreidigen Lichts, das aus dem Wald selbst aufsteigt.
Die Schwarzkiefern des Kaiserpalasts im noch dunklen Norden richten sich wieder auf, Schatten, die aus dem Schatten vor einen lichter werdenden Himmel treten, wie der Wald von Birnam auf Macbeth zumarschierte, während sich aus den Higashiyama-Bergen Wolken von Raben erheben, um sich auf die Ratten an den Ufern des Flusses zu stürzen. Du hörst sie krächzen.
Du siehst all diese Orte, oder besser, du stellst sie dir ganz deutlich vor, während du immer noch zwischen den alten Häusern der „Kapitale“ herumspazierst.
Flink springen die Affen von Wipfel zu Wipfel und nutzen das Licht zwischen Nebel und Wolken, das am Horizont aufreißt. Mit ihrem schrillen Kreischen, das vielleicht ein Lachen ist, wecken sie das Unterholz, in dem es wie wild zu wimmeln beginnt.
Füchse und Dachse zögern noch, bevor sie sich in ihrem Bau verkriechen. Mit erhobener Schnauze und gestrecktem Rücken scheinen sie das Licht zu atmen, um abzuschätzen, ob es schon Zeit ist oder noch Zeit. Welches Drama haben sie wohl aufgeführt während ihrer nächtlichen Jagd, in welche Kurtisane, welchen Feldherrn haben sie sich verwandelt, um den Menschen verwirrende Streiche zu spielen?
Die Katzen schreiten an Wegen und Schreinen vorbei hinunter zur Stadt.
Plötzlich klappern die Hufe eines Hirschs hinter dir, und du presst dich erschrocken an die Auslage eines Geschäfts, um ihn vorbeizulassen. Das ist nicht normal.
Die Samurai und die Mönche von vorhin gingen ja noch, das war dein Traum, deine Phantasie, aber was soll jetzt dieser Hirsch in der Stadt? Er bleibt an der Brücke stehen, vor einem anscheinend ganz gewöhnlichen Haus mit einer ockerfarbenen durchbrochenen Tür. Er pocht mit einem seiner Vorderbeine mehrmals auf den Boden und dreht den Kopf mit dem Geweih, das wie gewundenes Astwerk in Etagen emporsteigt, zu dir hin. Kein Zweifel: Er beobachtet dich. Seine großen, runden, nach außen stehenden Augen, dunkle Augen, ernst und lustig zugleich, blicken dich forschend an. In ihrem tiefen Schwarz glänzt ein feuchter Schimmer, ein Lichtreflex, der in seiner Tiefe zu vibrieren scheint wie bei einer Lackarbeit.
Auf einmal wird es hinter dem shoji im ersten Stock hell, und der Hirsch verschwindet. Du hörst nur noch von fern die regelmäßigen Schläge seiner Läufe auf dem Pflaster verhallen.
Das ist der Morgen, ganz ohne Zweifel, der Moment des Erwachens. Jetzt kommt bestimmt wieder alles in Ordnung, du lauerst auf Licht in den Fenstern der Häuser. Aber nichts passiert. Nur dieses runde shoji leuchtet. Ein Schatten zeichnet sich darauf ab. Flüchtig zunächst, dann setzt sich jemand. Eine Frau.
Der Schatten einer sehr aufrecht auf dem Boden hockenden Frau.
Du siehst das natürlich nicht so scharf wie einen Scherenschnitt, als wäre die Szene von einem Scheinwerfer ausgeleuchtet, aber ein Irrtum ist ausgeschlossen.
Das aus dem Gürtel geschlungene Kissen in ihrem Rücken verrät dir, dass sie einen Kimono trägt. Ihre Haare sind zu einem Knoten hochgesteckt, wahrscheinlich vorn mit einem Fächer von Nadeln fixiert wie bei den Schönen von Meiji. So sitzt sie da, vor einer dunklen Masse, einem niedrigen Tisch vielleicht. Vor ihrem Körper dehnt sich sanft und geometrisch der Schatten, Töne dringen zu dir herüber. Bald hörst du Koto-Klänge und ein leises altes Lied, dessen Worte du nicht verstehst. Du kannst dich von diesem Bild nicht lösen, dabei ist, von dir unbemerkt, die Tür im Erdgeschoss zur Seite geglitten. Statt des Helldunkels des Lattenrosts das tiefe Dunkel einer Zimmerflucht, die man nur aus den Rändern der beweglichen fusuma erahnt, die den Raum teilen.
Du trittst ein und steigst, der alten Weise folgend, die hölzerne Treppe hinauf, die in den ersten Stock führt. Die Schiebetür ist halboffen, und ganz hinten am Fenster siehst du die Frau sitzen, die singt und sich dabei begleitet, wobei sie sich kaum über das Instrument neigt, das sie mit ihren Fingern berührt.
Du musst deine Schuhe vor dem Eintreten stehen gelassen haben, weil du kein Geräusch machst, wenn du durch das Zimmer gehst. Die Frau scheint deine Anwesenheit gar nicht zu bemerken. Jetzt, wo du sie besser sehen kannst, fällt dir auf, dass ihre Frisur nicht ganz der Meiji-Mode entspricht. Sie hat ihr Haar zwar zu einem Knoten gesteckt, der, gespickt von Nadeln und Kämmen, wie eine hohe Muschel ganz oben auf ihrem Kopf thront, aber im Nacken fällt es ihr wie eine doppelte, von bunten Stoffbändern durchwirkte Kaskade über die Schultern und den Rücken bis zum Boden. Sie trägt auch mehrere Seidenkimonos so gekonnt übereinander, dass sich Kragen und Ärmelenden im Abstand von wenigen Zentimetern überlappen wie ein schillernder Regenbogen. So war man in Japan seit dem 16. Jahrhundert nicht mehr gekleidet. Als sie das Lied beendet hat, wendet sie dir ihr undurchdringliches weißes Gesicht zu. Sie ist blind. Mit einer Handbewegung lädt sie dich ein, dich neben sie zu setzen, was du auch tust. Dann spricht sie zu dir: „Erdbeben gab es hier seit jeher. Weiter im Süden, an der Küste von Nankai, von Nara bis Shikoku, und im Norden von Kanto waren sie stets zerstörerisch. Als ob das Land nie aufgehört hätte, aus den Wassern zu steigen, bedroht von den Wellen und den Zuckungen ihrer Tiefen. Die ,fließende Welt’, weißt du, ist bloß ein Bild. So nennt man die Gesellschaft aus Vagabunden, Räubern, Prostituierten, herumziehenden Mönchen und Schauspielerinnen wie mir, aber im Grunde klammern sich alle Japaner an die Felsen ihrer Insel, taumelnd wie auf der Brücke eines sehr großen Schiffs. Katastrophen hat es immer gegeben. Menschen sterben, Häuser werden zermalmt oder stürzen ein, Städte werden vom Feuer vernichtet oder von Tsunamis mitgenommen. Es gibt Massengräber, weil man nach ein paar Wochen die Leichen nicht mehr identifizieren kann. Das ist jedes Mal wie ein jahrelanger Krieg an einem Tag. Wie soll man bei den vielen Leichen im Schlamm oder in der Asche diejenigen, die man findet, aber nicht kennt, von den Verwandten, Nachbarn, Freunden unterscheiden, die man kennt, aber nicht findet? Welche Bedeutung haben namenlose Leichen oder Tote, die man nicht aus dem Wasser geholt hat, in Zeiten der Katastrophe? Manche, die nicht dabei waren, wagen nicht wiederzukommen. Sie sind geflohen. Das Unglück macht alle Überlebenden gleich, Reiche und Arme: Die Häuser sind eingestürzt, der Handel ist ruiniert, die Landwirtschaft ist zerstört, sie haben alles verloren. In solchen Zeiten kann jeder sein Leben neu erfinden und von Null anfangen. Die Karten des Schicksals sind neu gemischt, es sind Zeiten der Hoffnung, trotz allem. So sah man es früher.“
Sie wendet sich ab und beginnt wieder zu singen. Sie ist jung, und obwohl die Kimonos nichts von ihren Formen erkennen lassen, ist sie zweifellos schön.
Du bleibst sitzen, um sie zu betrachten, und wartest, dass der Tag endlich anbricht.
Einen lieblichen Traum träumst du in diesen Zeiten in Kyoto.