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Doris Kouba

aus: „Die Deutschen – Geographie eines Verlustes“ von Jakuba Katalpa | Balaena 2015

übersetzt aus dem Tschechischen


ERSEN. DE PROFUNDIS

„Sieg!“
Adolf Hitler¨

„Ihre Zerbrechlichkeit hatten wir unterschätzt.“
Hugo Melman


DIE UMARMUNG

Sie lag im feuchten Gras des Obstgartens und lauschte auf die das Dorf umfangende Stille.
          Die altbekannten Geräusche waren verklungen, Nutztiere und Hunde hatte man geschlachtet, einige Männer erschossen.
          An manchen Orten wurde noch gekämpft, aber für die Ersener und Klara war der Krieg vorbei, als das Dorf von fremden Soldaten überrollt wurde.

„Was wird aus uns?“, fragte sie Fuchs, als sie seinen Keller endlich verlassen konnte. Er saß in der Küche und war ausnahmsweise mal nüchtern; später erfuhr sie, dass er seinen gesamten Schnapsvorrat im Garten vergraben hatte. Er sah sie an und bewegte die Lippen, gab aber keinen Ton von sich. Sie erschrak: War er verstummt? Sie ging zu ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er stand auf. Sie dachte, er würde sie umarmen, aber er ließ sie neben dem Stuhl stehen und verließ den Raum.

Drei Tage hatte sie in seinem Keller zugebracht und er war kein einziges Mal zu ihr gekommen, so dass sie jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Schließlich war er doch aufgetaucht: „Sie sind weg“, hatte er gesagt und ihr hinausgeholfen.

Zunächst meinte sie, alles sei wie immer, lediglich die Straßen waren von schweren Transportfahrzeugen aufgewühlt, und an einigen Höfen waren die Fensterscheiben
eingeschlagen.
          Dann jedoch hörte sie die Stille, die über den Hausdächern hing: Abgesehen vom Gesang der Vögel und dem Summen der Insekten war es absolut still. Noch nie hatte sie wahrgenommen, wie viele Geräusche so ein Dorf erfüllten, und erst jetzt, da diese Geräusche fehlten, begriff sie, dass etwas nicht in Ordnung war. Mit halboffenem Mund sah sie sich um und spürte die kalte Aprilluft durch ihre Kleider hindurch auf der Haut.
          Am Wegrand entdeckte sie einen menschlichen Kothaufen; um ihn herum sprossen Gänseblümchen. Sie schloss die Augen, und als sie sie wieder aufschlug, war der stolze Haufen noch immer da. Verstört rang sie nach Luft und hielt sich am Hofgatter fest, bei dem sie gerade stand. Schließlich machte sie kehrt und ging unsicheren Schritts zum Haus zurück, wo Fuchs sie erwartete.

Drei Tage hatte sie sich an die Kellerwände von Fuchs’ Hof gedrückt, dem Tropfen des Wassers gelauscht und sich die Lippen wundgebissen.
          Keiner hatte sie geschlagen, vergewaltigt oder getötet.
          Sie hatte sich ihren Verstand bewahrt.
          Hatte sie dasselbe Recht auf Verzweiflung wie jemand, der Angehörige verloren hatte?

Am anderen Ende des Gartens sah sie Fuchs. Er versuchte, eine Schnapsflasche auszugraben. Er hatte sie zu sich in den Keller geführt, und zwar nicht in den schön gewölbten, in dem er Äpfel, Kartoffeln und Rote Rüben lagerte, sondern in ein niedriges, enges Gewölbe ganz hinten, in dem sich der Brunnen zum Auffangen des überschüssigen Wassers befand, um die Grundmauern trockenzuhalten.
          Dass es solche Keller gab, hatte sie nicht gewusst.

Fuchs rief ihr etwas zu. In der Hand hielt er seine erdverschmierte Flasche.
          Sie wandte sich ab, sie wollte noch nicht mit ihm reden. Seine Worte verunsicherten sie. Sobald er etwas sagte, duckte sie sich.
          Er war der Überbringer schlechter Nachrichten.

Nachdem sie vor einigen Tagen zu ihm gekommen war, verschreckt und glücklich zugleich, um ihm von Weißmanns Tod zu erzählen, war Fuchs zu dessen Haus gegangen. Nicht lange, und er war mit der Nachricht zurückgekehrt, dass Weißmann quicklebendig sei, da das Messer ihn kaum verletzt habe und am Schulterblatt steckengeblieben sei.
          Klara wollte wissen, was Weißmann gerade machte.
          „Er packt“, sagte Fuchs. „Abends will er los.“

Dass sie den Abdecker niederstechen wollte, hatte Fuchs überrascht. Ihr hätte er das nicht zugetraut; im Übrigen hatte noch nicht einmal sie selbst geahnt, dass sie fähig wäre, mit einem Messer auf jemanden loszugehen. Dennoch hatte sie es getan und empfand nicht die geringste Schuld; ganz genau erinnerte sie sich an den Moment, in dem ihr Weißmann gesagt hatte, er gehe fort. Zorn war in ihr aufgestiegen und sie hatte sich blindlings gewünscht, Weißmann möge für immer verschwinden, sich in Luft auflösen, einfach nicht mehr sein. Sie hatte staunen müssen über diese Selbstverständlichkeit, mit der er alles hinter sich lassen wollte, was er gern hatte: sein Haus, seine Söhne, den Garten, die Arbeit, die Erinnerungen.
          So etwas ließ sich doch nicht einfach wegschweigen.

Nachdem die Russen abgezogen waren und Fuchs sie aus dem Keller geholt hatte, machte sie sich Wasser heiß und füllte es in eine alte Zinkwanne. Fuchs brachte ihr einen Schwamm und etwas Seife, die kaum schäumte. Er ließ sie allein, damit sie sich in Ruhe waschen kann, und später brachte er sie ins Bett.
          Über Weißmann sprachen sie nicht mehr.

Klara hob den Kopf und sah Fuchs auf sich zukommen. Er hielt seine Schnapsflasche im Arm, in der sich das Sonnenlicht brach, was aussah, als umarme er ein Feuer. Froh darüber, seinen Schnaps wiederzuhaben, lachte er, und sie, trotz allem, lachte auch.