Literaturpreise-Hamburg.de

Brigitte Große
Doris Kouba
Corinna Popp
Myriam Keil
Kaspar Peters
Charlotte Richter-Peill
Saša Stanišić
Tanja Schwarze
Katrin Seddig

Corinna Popp

aus: "Die Erde der Menschen - Terre des Hommes" von Antoine de Saint-Exupéry

übersetzt aus dem Französischen

Ich setze meinen Weg fort und schon jetzt verändert sich durch die Müdigkeit etwas in mir. Wenn keine Fata Morgana da ist, erfinde ich eine ...
„Heho!"
Ich habe rufend die Arme in die Luft gehoben, aber der Mann, der da gerade gestikuliert hat, war nur ein schwarzer Felsen. In der Wüste erwacht schon jetzt alles zum Leben. Ich wollte den schlafenden Beduinen dort wecken und er hat sich in einen schwarzen Baumstumpf verwandelt. In einen Baumstumpf? Das wäre doch verwunderlich, ich bücke mich. Ich will einen abgebrochenen Ast aufheben, aber er ist aus Marmor! Ich richte mich wieder auf und schaue mich um; ich sehe noch mehr schwarzen Marmor. Ein vorsintflutlicher Wald wurde in zerbrochenen Stämmen über den Boden ausgestreut. Vor hunderttausend Jahren ist er  bei einem der Stürme der Weltentstehung wie eine Kathedrale zusammengestürzt. Und die Jahrhunderte haben diese riesigen tintenfarbenen Säulenstümpfe, versteinert und versiegelt sehen sie aus wie polierter Stahl, bis zu mir gerollt. Ich kann die Astknoten und Knorze ihres Lebens noch erkennen und zähle die Jahresringe. Dieser Wald, einst voller Vögel und Musik, wurde mit einem Fluch beladen und zu Salz verwandelt. Ich spüre, dass die Landschaft mir feindlich ist. Noch schwärzer als die eiserne Rüstung dieser Hügel lehnen diese feierlichen Wrackteile mich ab. Was habe ich hier zu suchen, ich, ein lebendiger Mensch, zwischen diesem unbestechlichem Marmor? Ich, der ich vergänglich bin, dessen Körper sich auflösen wird, was will ich hier, in der Ewigkeit?
Seit gestern bin ich um die achtzig Kilometer gelaufen. Das Schwindelgefühl kommt sicher vom Durst. Oder von der Sonne. Sie brennt auf die Stämme herunter, die wie mit Öl glasiert scheinen. Sie brennt auf den alles umschließenden Panzer herunter. Hier gibt es keinen Sand und keine Füchse mehr. Hier gibt es nur noch diesen überdimensionalen Amboss und ich laufe auf dem Amboss umher. Ich spüre wie die Sonne in meinem Kopf schallt. Ah! da unten! ...
„He, hallo!"
„Da unten ist nichts, reg dich nicht auf, das ist das Delirium."
Ich rede mit mir selbst, ich muss an meinen Verstand appellieren. Es fällt mit so schwer, das, was ich sehe, nicht zu glauben. Es fällt mit so schwer, nicht auf diese Karawane zuzulaufen, die dort unterwegs ist ... da ... schau doch hin! 
„Du Idiot, du weißt doch, dass du sie erfindest ..."
„Dann gibt es überhaupt nichts Echtes auf der Welt ..."

*

Nichts könnte echter sein, als dieses Kreuz dort, zwanzig Kilometer vor mir auf dem Hügel. Ein Kreuz, oder ein Leuchtturm ...
Aber das Meer ist in einer anderen Richtung. Also ist es ein Kreuz. Die ganze Nacht habe ich die Karte studiert. Eine sinnlose Arbeit, wenn man seine Position nicht kennt. Aber ich vertiefte mich in alle Zeichen, die auf eine menschliche Präsenz hindeuteten. Und irgendwo hatte ich einen kleinen Kreis entdeckt, über dem so ein ähnliches Kreuz eingezeichnet war. Als ich in der Legende nachsah, stand dort: „Religiöse Stätte". Neben dem Kreuz habe ich einen schwarzen Punkt gesehen. Ich sah nochmal in der Legende nach und dort stand: „Permanenter Brunnen." Mein Herz machte einen Sprung und ich sagte laut vor mich hin: „Permanenter Brunnen ... Permanenter Brunnen ... Permanenter Brunnen." Was sind Ali Baba und seine Schätze gegen einen permanenten Brunnen? Ein Stück weiter habe ich noch zwei weiße Kreise gefunden. In der Legende stand: „Zeitweiliger Brunnen." Das war nicht mehr ganz so schön. Sonst gab es in der Umgebung nichts mehr. Nichts. 
Und da ist sie, meine religiöse Stätte! Die Mönche haben ein großes Kreuz auf dem Hügel aufgestellt, um die Schiffbrüchigen zu rufen! Und ich kann einfach hingehen. Ich muss einfach nur zu diesen Dominikanern dort hinlaufen ... 
„Aber es gibt in Libyen nur koptische Kloster."
„... zu diesen studiersamen Dominikanern! Sie besitzen eine schöne Küche mit roten Kacheln, in der es kühl ist, und im Hof eine herrlich verrostete Pumpe. Unter dieser verrosteten Pumpe ... Unter dieser Pumpe, richtig geraten, da ist der permanente Brunnen! Ach! Das wird ein Fest sein, wenn ich dort am Tor klingele, wenn ich an der großen Glocke ziehe ..."
„Du Idiot, das was du beschreibst ist ein Haus in der Provence und da gibt es im Übrigen keine Glocken."
„...  wenn ich an der großen Glocke ziehe! Der Pförtner wird die Arme zum Himmel heben und rufen: „Sie sind ein Gesandter des Herrn" und er wird alle Mönche zusammenholen. Sie werden auf mich zu rennen. Wie ein armes Kind werden sie mich feiern. Sie ziehen mich mit in die Küche. Und sie sagen zu mir: „Moment, Moment, mein Sohn, gehen wir zum permanenten Brunnen ..."
Ich würde vor Glück zittern -" 
Aber nein, ich werde nicht weinen, nur weil hier kein Kreuz mehr auf dem Hügel ist. 
*
Die Versprechen des Westens sind nur Lügen. Ich habe mich nach Norden gewandt. Der Norden ist wenigstens vom Gesang des Meeres erfüllt. 
Ach! Als ich einen Kamm erklommen habe, entfaltet sich der Horizont. Die schönste Stadt der Welt erscheint dort. 
„Du weißt genau, es ist eine Fata Morgana ..."
Ich weiß sehr genau, dass es eine Fata Morgana ist. Ich lasse mich nicht täuschen! Aber vielleicht gefällt es mir ja, mich in eine Fata Morgana zu versenken? Vielleicht gefällt es mir eben, auf etwas zu hoffen? Vielleicht gefällt es mir, diese Stadt, die die Sonne mit Zinnen und Flaggen schmückt, zu lieben? Und vielleicht gefällt es mir, leichtfüßig geradeaus zu gehen, weil ich meine Müdigkeit nicht mehr spüre, weil ich glücklich bin ... Prévot und sein Revolver, da kann ich ja nur lachen! Mir ist meine Trunkenheit lieber. Ich bin betrunken. Ich sterbe vor Durst! 
Die Dämmerung hat mich nüchtern gemacht. Abrupt bin ich stehen geblieben, erschrocken, da ich mich so weit weg fühle. Mit der Dämmerung vergeht die Fata Morgana. Der Horizont ist seiner Pracht, seiner Paläste, seiner priesterlichen Gewänder entledigt. Was bleibt ist ein Wüstenhorizont.
„Du bist weit gegangen! Die Nacht wird dich überrumpeln, du wirst den Tag abwarten müssen und morgen ist deine Spur verweht und du wirst nirgendwo mehr sein." 
„Dann kann ich auch weiter geradeaus gehen ... Wozu umdrehen? Ich will nicht schon wieder die Richtung wechseln, wo ich doch vielleicht, wo ich doch vielleicht gleich die Arme zum Meer ausstrecke ..."
„Wo hast du das Meer gesehen? Du wirst es außerdem nie erreichen. Zwischen dir und dem Meer liegen sicher dreihundert Kilometer. Und Prévot, der an der Simoun nach dir Ausschau hält! Er ist vielleicht von einer Karawane gefunden worden ..." 
Ja, ich gehe gleich zurück, aber zuerst rufe ich nach den Menschen:
„Heho!"
Dieser Planet, mein Gott, ist doch bewohnt!
„Heho! Ihr Menschen! ..."
Ich werde heiser. Ich habe schon keine Stimme mehr. Es kommt mir lächerlich vor, dass ich hier rumschreie ... Ich rufe noch ein letztes Mal:
„Ihr Menschen!"
Es klingt pathetisch und prätentiös.
Ich drehe um. 

Nach zwei Stunden Fußmarsch sehe ich die Flammen, die Prévot aus Furcht, mich verloren zu haben, in den Himmel wirft. Ach, das ist mir alles egal ...
Noch eine Stunde zu gehen .... noch fünfhundert Meter. Noch hundert Meter. Noch fünfzig.
„Oh!"
Verblüfft bin ich stehengeblieben. Eine so gewaltige Freude durchströmt mein Herz, es kostet mich Mühe, mich zu beherrschen. Im Schein des Feuers unterhält Prévot sich mit zwei Arabern, die am Motor lehnen. Er hat mich noch nicht gesehen. Er ist mit seiner eigenen Freude zu beschäftigt. Ach, hätte ich wie er gewartet ...! Ich wäre schon erlöst! Ich schreie voll Freude:
„Heho!"
Die zwei Beduinen zucken zusammen und sehen zu mir. Prévot lässt sie stehen und kommt allein auf mich zu. Ich breite die Arme aus. Prévot greift mir unter die Ellbogen, wäre ich denn gestürzt? Ich sage zu ihm:
„Endlich, es ist geschafft."
„Was?"
„Die Araber!"
„Welche Araber?"
„Die Araber, na da, bei Ihnen!"
Prévot sieht mich seltsam an, und ich habe den Eindruck, nur widerwillig vertraut er mir ein schweres Geheimnis an:
„Da sind keine Araber ..."
Dieses Mal werde ich wahrscheinlich weinen.

*