Literaturpreise-Hamburg.de

Christel Hildebrandt
Dr. Annette Kopetzki
Volker Oldenburg
Claus Berg
Maria Regina Heinitz
Hendrik Rost
Ursula Schötzig
Judith Sombray
Andrea Salt

Claus Berg

aus der Jurybewertung


„Als ich aus der Dusche komme, hat Jason das Bad bereits verlassen. Der Spiegel ist beschlagen, auf der Fußmatte hat er einen Wasserfleck in der Form Afrikas hinterlassen.“
So beginnt die Erzählung „Auf der anderen Seite“ von Claus Berg, und alles deutet darauf hin, dass man es hier mit einem im Leben stehenden Mann und seinem Lover zu tun hat, die frisch geduscht einen neuen, ereignisreichen Tag beginnen.
Bis plötzlich das „Müllprotokoll Nr. 73“ in den Text hineinplatzt. Ausführlich wird der „Inhalt von Jasons blauer 120 l Tonne am 4. Mai“ aufgelistet, sowie die Schlüsse, die der Protagonist daraus zieht: Jason ernähre sich im Moment sehr diszipliniert, die leere Tablettenschachtel und die benutzten Einwegspritzen könnten auf keinen Fall von ihm, sondern nur von der neuen Haushälterin stammen.
Nach und nach bestätigt sich, was man nun schon ahnt: Hier ist etwas Ungesundes im Gange. Jason ist nicht der Lebenspartner des Protagonisten, sondern ein Internet-Phänomen, ein Mensch, der seinen Alltag durch eine permanente Live-Schaltung der Öffentlichkeit zugänglich macht. Womit der Ich-Erzähler enttarnt ist als entgleister Hardcore-Fan, der mehr und mehr den Bezug zur Realität und die Kontrolle über sein eigenes Leben verliert.
Im lockeren, humorvollen Plauderton entwirft der Autor das beklemmende Bild einer Gesellschaft, in der es möglich ist, permanent mit Millionen von anderen Usern in digitalem Kontakt zu stehen und dennoch zu vereinsamen, und in der man sich den ganzen Tag pausenlos beschäftigen kann, ohne jemals etwas Konkretes zu erleben. Am Ende bleibt, als letzte Verbindung zum echten Leben, nur die Hinterlassenschaft des Konsums, der Müll.
Dass der Ich-Erzähler dabei niemals der Lächerlichkeit preisgegeben wird, sondern dass man ihm trotz seiner immer grotesker werdenden Aktionen mit einer besorgten Art des Mitgefühls folgt und ganz nah bei ihm ist, bis zum bitteren Ende, ist nur eine der Leistungen dieses Textes, für den wir einen Förderpreis verleihen."