Literaturpreise-Hamburg.de

Christel Hildebrandt
Dr. Annette Kopetzki
Volker Oldenburg
Claus Berg
Maria Regina Heinitz
Hendrik Rost
Ursula Schötzig
Andrea Salt
Judith Sombray

Ursula Schötzig

aus der Jurybewertung


„Ein junger Mann, der süchtig danach ist, andere Menschen von hohen Orten in den Tod stürzen zu sehen. Eine alte Witwe, die zur Unterhaltung Beerdigungen von Fremden beiwohnt. Ein Busfahrer, dem beim Anblick einer Toten im Treppenhaus nichts Besseres einfällt, als dass jetzt wahrscheinlich der nächtliche Quickie mit seiner Frau ausfällt. Ein Ehepaar im Rentenalter, das seinen Lebensschwung daraus bezieht, durch Kaufhäuser zu streifen und wahllos Dinge zu stehlen, die sie nicht brauchen. Eine Sargbemalerin, die in fremde Wohnungen huscht, während die Bewohner beim Postholen sind, um sich dort unter deren Betten zu verstecken.

In Ursula Schötzigs Hörspiel „Lena fällt“ wohnen alle diese Leute zusammen in einem Mietshaus, und es müsste eigentlich das Mietshaus des Grauens sein, wenn da nicht Lena wäre. Die junge Frau ist wie eine gute Seele des Hauses. Alle kennen sie, alle mögen sie, die Männer fühlen sich von ihr angezogen, die Frauen teilen ihre Geheimnisse mit ihr. Durch ihre mitreißende und mitfühlende Art holt Lena aus ihnen allen das Beste heraus. Die Bewunderung, Liebe und Fürsorglichkeit, die sie ihr gegenüber zum Ausdruck bringen, lässt sie sie plötzlich allesamt als die nettesten, normalsten Menschen erscheinen, statt der Freaks, als die man sie auch hätte portraitieren können.

Dabei ist Lena selbst alles andere als psychisch stabil. Wie der Leser nur durch Andeutungen erfährt, hat sie, wohl aufgrund wiederholter Ausfälle, das Sorgerecht für ihren geliebten Sohn verloren. Als sie, die Hebamme, nun einen Säugling in seinen Tod fallen lässt – ob mit Absicht oder aus Versehen, kann man nur spekulieren – hat sie ihren Überlebenswillen endgültig eingebüßt. Diesmal ist sie es, die von einem hohen Ort in den Tod stürzt, sie ist die Leiche im Treppenhaus, es ist ihre Beerdigung, die besucht werden und ihr Sarg, der bemalt werden muss.

Was an Ursula Schötzigs Hörspiel „Lena fällt“ in gleichem Maße irritiert wie beglückt, ist, dass es sich auf keine eindeutige Lesart und schon gar nicht auf irgendeine moralische Haltung festnageln lässt. Sind die Bewohner des Hauses gute oder schlechte Menschen? Sind sie krank oder gesund? Hat man soeben eine tieftraurige Geschichte gelesen oder eine himmelschreiend komische? Fest steht dagegen, dass man sich nach der Lektüre auf komplexe und anhaltende Art bereichert fühlt.“