Literaturpreise-Hamburg.de

Christel Hildebrandt
Dr. Annette Kopetzki
Volker Oldenburg
Claus Berg
Maria Regina Heinitz
Hendrik Rost
Ursula Schötzig
Andrea Salt
Judith Sombray

Andrea Salt

aus der Jurybewertung


"Andrea Salts Blick auf die Welt passt nicht in das Jahr 2016, so will es scheinen. Aber vermutlich hätte man diesen Satz auch schon 1996, 1976 oder 1966 so formulieren können. Die Welt wird immer schneller, unser Leben kann einem vorkommen wie ein Karussell, das sich immer schneller dreht.
Der Blick, den Andrea Salt in ihrem Erzählprojekt „Hundert Aspekte des Mondes“ auf unser alltägliches Leben wirft, stoppt diese Bewegung. Stopp. Innehalten. Schauen. Das Erste, was dann folgt, ist ein Gefühl von Fremdheit, von Befremden: Wo bin ich? Die zweite Reaktion verlangt, dass wir uns zu dieser Irritation verhalten. Was ist geschehen? Ist überhaupt etwas geschehen? Nicht zufällig taucht in dieser Prosa immer wieder der Begriff Ordnung auf. Es gibt sie, wir glauben, dass es sie gibt, wir verlassen uns auf sie, doch sobald man einen kleinen Schritt zur Seite macht, ist sie dahin.
Diese Autorin zeigt uns das Fragile unserer Existenz. Dass sie das an keiner Stelle mit etwas verbindet, was in schlechten Romanen verlässlich jetzt kommt: die Emotion, charakterisiert ihr Schreiben. Wenn man so will, drückt jeder ihrer Erzähltexte als Ganzes ein Gefühl aus, oder man könnte vielleicht besser sagen: ein Verhältnis zur Welt. Die Autorin zeichnet wie eine Spurensucherin die geringfügigen Verschiebungen auf, die von einem auf den anderen Moment geschehen. Wenn eine alte Mutter und ihr erwachsener Sohn sich erinnern. Wenn eine Liebesbeziehung auseinander geht. Wenn einem die Wörter entgleiten. Wenn die Ehefrau auf einmal keinen Kaffee mehr kaufen geht.
Diese Texte haben das Zeug zum großen Drama. Nichts ist Andrea Salt fremder. Sie geht in die andere Richtung und spürt die kleinen, stillen Verwerfungen auf. Wie wohltuend, dass uns jemand zeigt, während wir uns auf dem Karussell unseres Alltagslebens schwindelig drehen, wohin es führen kann, innezuhalten."